300 Kinder und Jugendliche , die den Holocaust überlebt haben, werden kurz nach Kriegsende in ein Lager in Nordengland gebracht. Nur vier Monate haben Psychologen und freiwillige Helfer Zeit, um sie in die neue Freiheit zu führen.

Ein Bus nähert sich einem Lager. Es sieht auf den ersten Blick aus wie das Vernichtungslager Buchenwald. Aber es gibt "keine Suchscheinwerfer, keine Wachttürme, keine elektrischen Zäune, kein Krematorium", sagt einer der Jugendlichen, die dem Bus entsteigen. Die Jugendlichen sind jetzt, im August 1945, in Nordengland, in Windermere. Eine britische Wohlfahrtsorganisation hat sie mit Einwilligung der Regierung aufgenommen. Insgesamt waren es nahezu 1.000 Kinder und Jugendliche, die nach England kamen, um dort von ihren Ängsten und Traumata befreit zu werden – nach allem, was sie in zuvor in den Konzentrationslagern erlebten.

Nur vier Monate bleiben dem deutschen Psychologen Oscar Friedmann, der selbst in einem Waisenhaus aufgewachsen war und später in einem Heim für schwer erziehbare straffällig gewordene Jugendliche gearbeitet hatte, um die Jugendlichen, im Film leider immer wieder "Kinder" genannt, an ein neues Leben in Freiheit zu gewöhnen. Zu wenig eigentlich, sagt er gleich zu Beginn, um am Ende ihrer Wiedergeburt staunend zu bekennen: "Das ist außerordentlich. Ich applaudiere euch allen!"

Bis es dazu kommt, zu diesem hoffnungsvollen Ende, bekommt der Zuschauer in dieser Koproduktion von BBC und ZDF, die eigens zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentartionslagers Auschwitz zustande kam, viel Anschauungsunterricht darüber, wie das gewesen ist damals – Menschen wurden aus der Hölle befreit und sollten nun herangeführt werden an ein normales Leben. Er sei sich vorgekommen "wie im Himmel", sagt einer der Befreiten zu Beginn aus dem Off.

Doch der Himmel sieht anders aus. Nicht nur, dass das Lager, das gerade von Flugzeugarbeitern geräumt worden war, den früheren Lagern gleicht. Noch einmal trennen die Ärzte – "Mädchen rechts, Jungen links!" wie einst an der Rampe die jungen Menschen, sie werden desinfiziert wegen Typhusgefahr, die Kleider werden verbrannt, sie stehen in der Unterwäsche da, morgen erst soll es neue Kleider geben. Auch England war damals arm.

Film beruht auf wahren Begebenheiten

Dass es auch nach grauenvollsten Erlebnissen nicht selbstverständlich war, in England aufgenommen zu werden, veranschaulicht der Film in der Kürze, die ihm zur Verfügung steht. Da muss schon einmal eine Nachbarin mit ihrem Hündchen eine Gruppe von Kleinkindern erschrecken und ihre Zweifel darüber kundtun, ob das mit dem Flüchtlingslager so richtig und angemessen sei. Im Städtchen zeigen Halbwüchsige den Hitlergruß und pöbeln die jüdischen Fremdlinge an.

Es ist die Stunde des Psychologen, den Thomas Kretschmann als väterlichen Betreuer mit beharrlichem Understatement spielt. Er faltet die einheimischen Pöbler zusammen, lässt sie den Arm gen Himmel strecken und erklärt ihnen, was den Jungen alles an Schrecklichem widerfahren war. Einer hat sich soeben in die Hose gemacht.

Weil er aber die ganze Geschichte erzählen will, die der Betreuer und die der Überlebenden, vom Verlust der Familien und der allermeist vergeblichen Suche nach ihnen, bleibt der Film von Simon Block (Drehbuch) und Michael Samuels (Regie) eher eine informative Skizze als ein in sich abgerundetes Werk. Auch wegen seiner Personenfülle merkt ihm an, dass er auf wahren Erinnerungen fußt. Die Jugendlichen von damals sind heute ältere Herren, die mit dem Leben zurechtgekommen sind. In Windermere haben sie, so sagen sie auch in der anschließenden Dokumentation, eine neue Familie gefunden.

Die Freundschaften von damals halten bis heute. Einer der Jungen aber, der zunächst gar nicht aus dem Bus steigen wollte, hat es im Film anders gesehen. "Die Kiefern, die Häuser, den Fluss, das alles gibt es nicht mehr", belehrt er einen Freund – und meint damit: Die Heimat, auch die Innere, ist für immer verloren.

Die Kinder von Windermere – Mo. 27.01. – ZDF: 22.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH