Zehn Jahre nach ihrem Verschwinden kehrt die totgeglaubte Isa zurück – und kann sich an nichts erinnern. Nach und nach rekonstruiert die Miniserie "Die verlorene Tochter", was damals passiert ist.

Wie einem das Verschwinden eines jungen Mädchens in der Provinz über Stunden Rätsel aufgeben und tiefenpsychologische Schauer über den Rücken jagen kann, bewies Filmemacher Hans-Christian Schmid 2017 mit seinem famosen ARD-Vierteiler "Das Verschwinden" (358 Minuten). Um den Jahreswechsel herum wurde der zweifache Deutsche Fernsehpreisgewinner (Drehbuch und Hauptdarstellerin Julia Jentsch) im Spätprogramm wiederholt. An diesem Programm muss sich das ähnlich gelagerte ZDF-Fiction-Projekt "Die verlorene Tochter" messen lassen – auch wenn die Geschichte hier ein wenig anders funktioniert: Nach einer Schulparty verschwindet die 16-jährige Isa von Gems (Henriette Confurius) spurlos. Ihre Eltern (Claudia Michelsen und Christian Berkel), die einer alteingesessenen Brauerei im Nordhessischen vorstehen, haben sich zehn Jahre später mit dem traumatischen Ereignis abgefunden. Sohn Philip (Rick Okon) beginnt, im Unternehmen mehr Verantwortung zu übernehmen. Mit seiner Frau Veronica (Emily Cox) hat er gerade die nächste Generation der Dynastie von Gems zur Welt gebracht. Die ganz alte Generation ist aber in Person von Oma Lore (Hildegard Schmahl) ebenfalls noch am Leben.

Nicht sehr gut ist es dem ehemaligen Ermittler im Fall Isa von Gems ergangen. Peter Wolff (Götz Schubert) wurde ob des ergebnislosen Falles zum Alkoholiker und verlor seine Familie. Mittlerweile jobbt es als Wachmann. Eines Abends glaubt er, die verschwundene Isa in einem Auto gesehen zu haben. Kaum jemand will ihm glauben. Doch die Zeichen verdichten sich: Isa ist zurück im fiktiven hessischen Städtchen Lotheim. Es gibt nur ein Problem: Sie kann sich nicht daran erinnern, wer sie ist und was geschehen ist. Einige zweifeln gar daran, dass Isa wirklich Isa ist.

Der renommierte Drehbuchautor Christian Jeltsch, unter anderem schrieb er den ersten Felix Murot-"Tatort" im Jahr 2010, nahm sich als Setting für diese Geschichte jene Gegend zur Brust, aus der er selbst stammt: Nordhessen – dünn besiedelt, hügelig, waldreich, provinziell. Der Edersee mit seinem imposanten Staudamm gab schon dem Tukur-"Tatort"-Debüt "Wie einst Lilly" vor zehn Jahren eine besondere, nebelverhangene Märchenatmosphäre.

Leider muss man sagen, dass man bei Jeltschs sechsmal 45 Minuten langem Provinz- und Familienthriller (Ausstrahlung in Doppelfolgen, Fortsetzungen am Mittwoch, 29.1., und Donnerstag, 30.01., jeweils 20.15 Uhr) selten das thrillerhafte Konzept der Erzählung hinter den oft etwas papieren raschelnden Dialogen vergessen kann. Natürlich werden in viereinhalb Stunden große Teile des Ensembles nach und nach als mögliche Übeltäter unter Verdacht gestellt und wieder entlastet. Nur selten sieht man in der Miniserie unter der Regie von Kai Wessel (Grimmepreis 2013 für "Zeit der Helden") Menschen bei anrührenden Dingen zu, die nichts oder kaum etwas mit der Aufdeckung des mysteriösen Verschwindens zu tun haben. Fast jede Szene ist funktional.

Als Zuschauer kommt man sich deshalb hin und wieder vor, als würde man einer Manipulation folgen, die einzig und allein dem Zwecke dient, bis zum Ende der viereinhalb Stunden Erzählung durchzuhalten. Die starke, prominente Besetzung kann an diesem Umstand nur in einigen wenigen Momenten etwas ändern.

Eine schöne Idee bringt die als Dreiteiler ausgestrahlte Miniserie dann allerdings doch noch mit: Immer am Anfang einer jeden Folge sieht man das Geschehen jener Schulparty, auf der Isa verschwand, aus einer anderen Perspektive. Mit jeder der sechs Episoden fügt sich also immer ein weiteres Puzzleteil der Erzählung zusammen. Ein frühes Highlight im an Miniserien und Mehrteilern sicher wieder reichen Jahr 2020 ist "Das verschwundene Mädchen" also leider nicht. Eher gehobene Psychokrimi-Durchschnittsware, die sich durch ihre Länge ein paar erzählerische Richtungswechsel mehr als der ordinäre 90-Minüter erlauben kann. An ein subtiles Meisterwerk über Familie und Sprachlosigkeit zwischen den Generationen, wie es Hans-Christian Schmids "Das Verschwinden" ist, reicht das Programm leider nicht heran.

Die verlorene Tochter (1+2) – Mo. 27.01. – ZDF: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH