In "Taboo" fasziniert Tom Hardy als unergründlicher Irrer und bewahrt eine ansonsten durchwachsene Serie vor der Mittelmäßigkeit. Jetzt kommt die Serie via RTL II ins Free-TV – zusammen mit "Game of Thrones".

Es war eine der Serien-Überraschungen des vergangenen Jahres: "Taboo", eine extrem aufwendige historische Abenteuergeschichte mit "Mad Max: Fury Road"-Star Tom Hardy (40) in der Hauptrolle, zog auch hierzulande, wo die Synchronfassung via Amazon Prime Video abrufbar ist, zahlreiche Serienfans in den Bann. Wer sich einmal darauf einließ, kam angesichts des absolut kinoreifen Schauwerts aus dem Staunen nicht mehr heraus. Kein Wunder, dass die für die Produktion verantwortlichen britischen Sender BBC und FX Network schon an der zweiten Staffel arbeiten. Zunächst aber gelang RTL II der Coup, sich die Rechte an der deutschen Free-TV-Premiere der düsteren Saga zu sichern: Der Münchner Sender strahlt ab Samstag, 10. Februar 2018, die komplette erste Staffel aus. "Taboo" beginnt dann um 22.15 Uhr – direkt im Anschluss an die am gleichen Tag startenden Folgen der siebten Staffel des Fantasy-Epos "Game of Thrones", die RTL II ebenfalls als Free-TV-Premiere zeigt.

Beide Formate laufen samstags zu jeweils mehreren Folgen am Stück. Los geht's um 20.15 Uhr, Schluss ist erst weit nach Mitternacht. Mehr geht nicht – einen derart hochkarätigen Serienabend hat es im deutschen Fernsehen kaum gegeben.

Dass man sich im Vorfeld trotzdem Sorgen machen darf, ob die Einschaltquoten den mutigen Programmplanern Recht geben, sagt einiges darüber aus, wie sich dir Wind in der TV-Branche inzwischen gedreht hat. "Game of Thrones" war hierzulande bereits auf Sky Atlantic HD im Pay-TV zu sehen, außerdem ist die siebte Staffel bei Amazon und auf DVD und Blu-ray erhältlich (hier bestellen). Heißt: Jeder, der sich mit nur etwas Ernsthaftigkeit Fan nennt, hat die Folgen längst gesehen und fiebert schon der finalen achten Runde, die Anfang 2019 zu sehen sein wird, entgegen. Außerdem dürften sich manche an der Primetime-gerechten Schnittfassung der im Original überwiegend ab 16 Jahren freigegebenen Kultserie stören.

Tom Hardy macht "Taboo" zum Ereignis

Zumindest ein bisschen anders sieht das Ganze im Falle von "Taboo" aus. Die ebenfalls nicht gerade zimperlich inszenierte Historienserie wird nach 22 Uhr und daher weitgehend ungeschnitten gesendet. Das, auch was Vermarktung und mediale Präsenz angeht, deutlich nischigere Format hatten bislang wohl ohnehin nur die echten Serienjunkies auf dem Zettel, doch "Taboo" ist aus genau dem Süchtigmacherstoff, der vor zehn, 15 Jahren noch jedem größeren Free-TV-Sender einen veritablen Serienhit garantiert hätte.

Was an "Taboo" zuerst auffällt, ist die atmosphärische, gewiss recht realistische Inszenierung Londons, um 1814, als dunklen, stinkenden, gefährlichen Moloch: Es regnet, es ist schmutzig, und überall sind dreckige Menschen mit schiefen Zähnen. Dann kommt ein Mann, der es schafft, dass es in dieser ohnehin finsteren Stadt zappenduster wird: Der raubeinige Seefahrer James Delaney, verkörpert von Hollywoodstar Tom Hardy, war sicherlich eine der einprägsamsten Serienfiguren des Jahres 2017. Der Actionstar macht die sinistere Abenteuerserie "Taboo" fast im Alleingang zum Ereignis. Aber auch was Ausstattung und Bildsprache angeht, braucht sich die von Ridley Scott und Hardy selbst mitproduzierte erste Staffel von "Taboo" vor keiner internationalen Klasseserie zu verstecken.

Als Delaney nach London zurückkehrt, hat er eine lange Reise hinter sich. Nach steiler Soldatenkarriere verschwand er urplötzlich für zwölf Jahre nach Afrika, er hat mütterlicherseits indianische Wurzeln, und sein kürzlich verstorbener Vater galt als schwer geisteskrank. Von alldem hat Delaney, nur noch halb Mensch und ständig umwettert von bösen Geistern, offenbar nur das Schlechteste mitgenommen.

Franka Potente als zahnlose deutsche Hure

James Delaney ist zunächst ein unergründlicher Irrer, und er geht seinen Weg, ohne einen Millimeter abzuweichen. Ein Wahnsinnskerl, der wie eine Naturgewalt in der Metropole einschlägt und dort, wo sich übrigens auch Franka Potente als heruntergekommene, zahnlose deutsche Hure herumtreibt, bald zu einem Problem wird: Die allmächtige Ostindien-Kompanie, unter anderem vertreten durch den gewieften Stuart Strange (Jonathan Pryce), möchte Delaney ein kleines, aber strategisch wertvolles Stück Land an der amerikanischen Pazifikküste abkaufen, das er vom kürzlich verstorbenen Vater erbte. Delaney lehnt ab und lässt sich nicht einschüchtern. Das augenscheinlich vom Wahnsinn getriebene "afrikanische Vieh" droht, zum Zünglein an der Waage im britisch-amerikanischen Krieg zu werden.

Derweil verfolgt Delaney noch ganz eigene, persönliche Motive: Ihm geht es teils um Rache, teils darum, die Dämonen der eigenen Vergangenheit zu besiegen, und er agiert auch hier mit wilder Entschlossenheit. Nicht immer gelingt es der Regie, diese gewaltige Figur zu zähmen, weshalb "Taboo" gelegentlich brachial bis an die Grenze zur Albernheit ist. Auch an der bisweilen ruppigen Erzählung voller Gewaltexzesse könnte sich mancher stören. Diese Makel aber werden gekonnt aufgewogen durch grimmigen Humor und eine berauschende Ästhetik, die sogar Hochglanz-Kostümserien wie "Vikings" und tatsächlich "Game of Thrones" aussticht.

Am Ende ist es aber vor allem Tom Hardy, der über vereinzelte qualitative Schwankungen hinwegsehen lässt. Nachdem er sich schon in Filmen wie "The Dark Knight Rises" oder "Mad Max: Fury Road" als Spezialist für kaputte und gepeinigte Seelen bewies, geht er auch in der Rolle des James Delaney voll auf. Trotz seines unwirschen Gemüts, gelingt es dem Hauptdarsteller, dass man diesen Irren mag und ihn gerne auf seiner Reise durch den dunklen Moloch London begleitet. Ein Typ, wie aus einem Abenteurerepos einer besseren Fernsehzeit, ist man versucht zu sagen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst