Altersdiskriminierung

Anja Kruse über die Jugendfixierung im TV: "Alles, was über 60 ist, wird ersetzt"

05.08.2026, 14.19 Uhr
Anja Kruse erhebt schwere Vorwürfe gegen die deutsche TV-Branche und spricht über ihre Vorliebe für das Theater. Trotz weniger TV-Rollen bleibt sie aktiv und engagiert.

Man kennt sie als Kindermädchen Claudia aus der "Schwarzwaldklinik", als Dr. Angelica Rombach aus "Forsthaus Falkenau" und aus zahlreichen weiteren Serien- und Fernsehrollen. Anja Kruse ist aber auch Schirmherrin der "IVQS Stiftung – gegen Altersarmut bei Schauspielern". Und nicht nur in dieser Rolle prangert sie die Branche immer wieder an: "Es gibt so die Tendenz bei den Sendern: Alles, was über 60 ist, wird ersetzt durch was Jüngeres", stellte sie 2024 in der ORF-Sendung "Willkommen Österreich" fest. Deutliche Worte von einer, die es wissen muss: Anja Kruse, die am 5. August 70 wird, ist ebenfalls weniger im Fernsehen präsent als früher.

Sie spielt inzwischen häufiger Theater: Im Herbst steht Kruse in Köln in der Hauptrolle von "Schlaflos in Hamm" auf der Bühne – dem Ort, der ihr ohnehin näher ist als die Kamera. "Ich bin ein Theaterkind", sagte sie jüngst im Interview mit der "Welt am Sonntag". Eine Serienrolle würde sie nicht ausschlagen, doch über Jahre ziehen dürfe sie sich nicht, ihre Freiheit sei ihr zu wichtig. Nur eines wolle sie nicht: auf der Bühne sterben.

Anja Kruse über Sascha Hehn: "Jeder Moment vor der Kamera war wirklich echt"

Für Kruse schließt sich mit ihren heutigen Engagements ein Kreis: Die gebürtige Essenerin studierte an der Folkwangschule Schauspiel, Tanz und Gesang und ging über Stationen wie das Thalia-Theater Hamburg zunächst konsequent den Bühnenweg. Erst 1983 entdeckte sie Produzent Wolfgang Rademann fürs "Traumschiff". Den eigentlichen Durchbruch brachte 1984 die Titelrolle im ZDF-Vierteiler "Die Schöne Wilhelmine", die ihr die Goldene Kamera einbrachte.

Danach ging es Schlag auf Schlag: Hauptrollen in der "Schwarzwaldklinik" und in "Forsthaus Falkenau" machten sie zum Gesicht des deutschen Familienfernsehens. Die "Schwarzwaldklinik" verfolgten regelmäßig über 20 Millionen Zuschauer. Als Kindermädchen Claudia war Kruse die große Leinwandliebe von Dr. Udo Brinkmann, gespielt von Sascha Hehn – ein Gerücht über eine echte Beziehung der beiden hält sich bis heute: "Zwischen uns war privat weniger als nichts", klärte sie im April im Interview mit dem "Express" auf: "Ich gebe zu, dass mich dieses Gerücht sehr genervt hatte, vor allem auch, weil es mich privat sogar eine richtige Beziehung gekostet hatte. Andererseits war es schon unglaublich, wie sehr die Chemie vor der Kamera zwischen uns gestimmt hat. Jeder Moment vor der Kamera war wirklich echt – so etwas gibt es. Magic!"

Um dem Image der TV-Idylle zu entkommen, wagte Kruse ab 1992 einen radikalen Kurswechsel: Sie drehte international, verliebte sich in den französischen Regisseur Jean-Louis Daniel und übernahm für ihn auch Rollen abseits der Familienserien-Schublade, etwa in Erotikthrillern oder als Polizistin. 1995 heirateten die beiden in Salzburg, 2008 ließen sie sich – weiterhin freundschaftlich verbunden – scheiden. Kruse blieb Österreich verbunden und lebt heute in der Nähe von Salzburg.

"Großmütter werden von 40-Jährigen gespielt, die dann entsprechend geschminkt werden"

Sie selbst ist immer noch gut – vor allem im Theater – beschäftigt, trotzdem sieht Kruse die Nöte vieler Schauspielerinnen ihrer Generation. "Bei vielen deutschen Sendern regiert der Jugendwahn", sagte sie im Januar im Interview mit dem "Stern": "Großmütter werden von 40-Jährigen gespielt, die dann entsprechend geschminkt werden." Dabei gebe es genug talentierte Darstellerinnen im passenden Alter. Auch mit Influencern in fiktionalen Rollen geht sie hart ins Gericht: "Eine große Reichweite in sozialen Netzwerken ersetzt nun einmal keine schauspielerische Ausbildung."

Ans Aufhören denkt Kruse trotz aller Kritik an der Branche nicht. "Ich habe nicht vor aufzuhören", sagte sie jüngst der "Welt am Sonntag". Verantwortlich für ihre Gelassenheit macht sie den Buddhismus, den sie seit 1994 praktiziert und über den sie 2013 das Buch "Mein Weg mit Buddha" veröffentlichte. Sie habe gelernt, sich nicht über Äußerlichkeiten zu definieren. Auf die Frage, ob sie glücklich sei, antwortete sie schlicht: "Sehr sogar."


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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