Düsterer Fall

"Polizeiruf 110: Sie haben Namen": Kritik zum ARD-Krimi mit Anneke Kim Sarnau und Lina Beckmann

01.11.2026, 06.45 Uhr
Im "Polizeiruf 110: Sie haben Namen" tauchen die Rostocker Ermittlerinnen in die düsteren Abgründe der Zwangsprostitution ein. Der Krimi zeigt die erschreckende Realität und persönliche Herausforderungen für die Ermittlerinnen.

Ob radikalisierte Teenager, Missbrauch in der Familie oder alleinerziehende Mütter in Armut: Seit jeher leuchtet der Rostocker "Polizeiruf 110" die düsteren Abgründe der Gesellschaft aus. Mit Anneke Kim Sarnau und Lina Beckmann als Ermittlerinnen hat sich nach dem Abgang von Charly Hübner vor vier Jahren zudem ein herausragendes Duo etabliert, das die sozialen Verwerfungen auch auf persönlicher Ebene selten kaltlässt. So ist es auch im neuen Fall, der sich auf erschütternde Weise mit der Realität der Zwangsprostitution in Deutschland auseinandersetzt. Nach dem Mord an einer jungen Frau begeben sich die Kommissarinnen im "Polizeiruf 110: Sie haben Namen" tief hinein in ein menschenverachtendes System, das einem Frauenleben keinen Wert beimisst.

ARD
Polizeiruf 110: Sie haben Namen
Kriminalfilm • 01.11.2026 • 20:15 Uhr

Das von einer Anglerin gefundene Opfer, eine minderjährige Prostituierte aus Osteuropa, wurde gleichsam hingerichtet – und zuvor noch grausam gefoltert. Die Spur der identitätslosen Frau führt die Ermittlerinnen Katrin König (Sarnau) und Melly Böwe (Beckmann) in eine Art Feriendorf, das dem Zuhälter und Ex- Kampfsportler Heiko Mischke gehört. Der von Sönke Möhring bestechend doppelzüngig gespielte Bordellbesitzer stilisiert sich als Wohltäter und sagt im Gespräch mit den sichtlich angewiderten Ermittlerinnen Dinge wie "Ich verdiene gutes Geld, weil ich Respekt habe vor Frauen und ihnen helfe" und "Typen wie ich schützen die Selbstbestimmung der Frauen". Ein Typ, so fasst es Chef Henning Röder (Uwe Preuss) zusammen, "der liebt es einfach, Menschen zu versklaven".

Wie die Realität aussieht, illustriert im Film von Regisseurin Franziska Schlotterer die junge Ukrainerin Natasha, auf die die Ermittlerinnen bald stoßen. Die junge Frau hat bereits eine lange Odyssee durch verschiedene europäische Bordelle hinter sich und gibt sich aus Angst vor Mischke und seinen Schergen schweigsam. Mitreißend gespielt von Anastasiia Mazhara, die nach Kriegsbeginn selbst aus der Ukraine fliehen musste, versucht sie in einer brutalen Männerwelt zu überleben. "Sie können mir nicht helfen. Und Sie können mich nicht beschützen", wirft sie den Ermittlerinnen vor. "Natasha muss für sich selbst sorgen, wenn sie überleben will", beschreibt es ihre Darstellerin. Und so lässt sich Natasha auf einen Deal mit Mischkes zwielichtigem Anwalt Bastian Hoyer (Christian Erdmann) ein. Im Patriarchat, so spitzt es das Drehbuch von Florian Oeller zu, muss man selbst Täter werden, um dem Opferdasein zu entkommen.

"Häufig nicht freiwillig"

Der siebte Rostocker "Polizeiruf 110" seit Lina Beckmanns Premiere mutet dem Publikum bittere Wahrheiten über die Prostitution in Deutschland zu. Auch wenn manche Bilder, von verstörten junge Frauen bis zu osteuropäischen harten Typen, durchaus gängige Stereotype zeigen, dokumentiert der Krimi jenseits romantisierender Rotlichtklischees vor allem die entsetzliche Realität. Das ist auch Fachberaterin Prof. Dr. Julia Wege zu verdanken, die ihre Erkenntnisse mit den Schöpfern teilte: etwa, "dass die Frauen häufig nicht freiwillig, sondern aus ökonomischen oder sozialen Zwängen in die Prostitution einsteigen". Vorstellungen, es sei ein Beruf wie jeder andere, entlarvt sie als "Mythen". Stattdessen gehe es um Armut, Verzweiflung, Perspektivlosigkeit: "Sie finden hier in Deutschland in hohem Maße kriminelle Rahmenbedingungen vor, die sie sehr schnell in Abhängigkeitsverhältnisse rutschen lassen."

Anstelle von glitzernden Fassaden und angeblich sauberer Sexarbeit zeigen die Macher menschenunwürdige Zustände und ein perfides System der Ausbeutung. Wie grausam die ökonomische Sklaverei der weiblichen Körper genau aussieht, rechnet Kommissarin König an einer Stelle schonungslos vor: "Ab dem zehnten Typen, der ihre Körperöffnungen penetriert, haben sie die Möglichkeit, sich etwas zu essen zu kaufen." Ja, es geht auch verbal überaus hart zu in diesem "Polizeiruf". Klar ist aber auch: Wenn die Ermittler vergleichsweise unterirdische Beleidigungen von sich geben, liegt das vor allem an der ebenso unterirdischen Wirklichkeit, in der sie recherchieren.

"Wir brauchen das nordische Modell"

Hinzu kommt, dass es auch im Privatleben des Ermittlerinnenduos wie gewohnt aufreibend zur Sache geht. König erfährt in angeforderten Stasi-Akten, dass ihr Vater keineswegs politisches Opfer war, sondern auf der Seite der Täter stand. Auch Kollegin Böwe wird von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt: Jan Jürgens (großartig schmierig: Thorsten Merten), der als Staatsanwalt die Polizeiarbeit massiv behindert, erweist sich zugleich als jener Mann, der Böwe einst vergewaltigte und Vater ihrer Tochter ist. "Ein mieses korruptes Arschloch", fasst die Ermittlerin treffend zusammen.

Dass überhaupt eher schlechte Stimmung im Ermittlerteam herrscht, liegt auch an Volker Thiesler (Josef Heynert), der nach seiner schweren Verletzung im Einsatz zurückkehrt. Doch der noch immer völlig lädierte Kollege freut sich so gar nicht auf seine Wiedereingliederung, er sei schließlich nur "euer Depp vom Dienst, der sich hat über den Haufen schießen lassen, weil euer Feierabend so viel wichtiger war als mein Feierabend". Wie geht man mit einem verbitterten Kollegen um? Weil das Team in dieser Episode keinen Rat weiß, gibt es hier für die kommenden Fälle so manches Konfliktpotenzial.

Stunk im Kommissariat, persönliche Probleme, ein schockierender Fall von systematischer Frauenverachtung, dazu die bedrückende Grauheit der trist inszenierten Hansestadt: Der Rostocker "Polizeiruf" bleibt auch diesmal seinem inzwischen erarbeiteten Ruf treu. Vor allem aber gelingt es ihm – durchaus als klassisch aufklärerisches Sozialdrama in öffentlich-rechtlicher Tradition -, die strukturelle Gewalt auch hinter der legalisierten Prostitution aufzudecken. Für Fachberaterin Julia Wege gibt es dahingehend nur einen Lösung: "Der erste und wichtigste Schritt wäre, Prostitution zu verbieten. Wir brauchen das nordische Modell."

Polizeiruf 110: Sie haben Namen – So. 01.11. – ARD: 20.15 Uhr

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Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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