14.04.2021 Neue VOX-Serie

Willkommen in Tonis Welt

von Sarah Schneidereit
Toni (Ivo Kortlang) und seine Freundin Valerie (Amber Bongard)
Toni (Ivo Kortlang) und seine Freundin Valerie (Amber Bongard)  Fotoquelle: TVNOW

Der autistische Pflegepraktikant Toni aus "Club der roten Bänder" bekommt mit "Tonis Welt" eine eigene Serie auf VOX. prisma hat Hauptdarsteller Ivo Kortlang interviewt.

Von 2015 bis 2017 spielten Sie Toni Vogel in der Serie "Club der roten Bänder". 2019 dann noch einmal im gleichnamigen Kinofilm. Wie fühlt es sich an, jetzt ein eigenes Spin-off zu haben?

Es war ein ziemlich langer Prozess, das zu realisieren. Am Anfang hatte ich große Zweifel, auch an mir selbst. Als mir am Ende der Dreharbeiten von "Club der roten Bänder" die Idee vorgestellt wurde, ein Spin-off mit Toni zu machen, war das noch alles ziemlich viel Spinnerei. Ich konnte meine Ideen mit einfließen lassen, lange wurde gemeinsam an dem Projekt gefeilt. Und dann stellte sich auch bei mir große Freude ein, als klar war, dass wir das jetzt wirklich so umsetzen können.

Stand denn von Anfang an fest, dass Toni von all den Hauptcharakteren in "Club der roten Bänder" seine eigene Serie bekommt?

Toni war für viele ein spannender Charakter. Deshalb kam er wohl auch fürs Spin-off infrage. Man hätte jetzt natürlich auch zeigen können, wie er in einem Krankenhaus Arzt wird. Aber die Serie soll ihn stattdessen nochmal in einem anderen Setting zeigen. Innerhalb einer Beziehung und auf dem Land. Wie verhält sich Toni dort? Welchen Herausforderungen muss er sich stellen? Als die Konstellation mit Amber Bongard in der Rolle von Tonis Freundin Valerie stand, war ich richtig angefixt von der Grundidee der Serie.

Fehlt Ihnen denn der restliche Cast von "Club der roten Bänder"?

Für mich war die Serie mit der dritten Staffel in sich abgeschlossen und eine runde Sache. Der Kinofilm, der die Vorgeschichte erzählt, war noch einmal so ein Bonus oben drauf. "Tonis Welt" kommt zwar aus dem "Club der roten Bänder"-Universum, und zu Beginn der Serie verneigen wir uns quasi nochmal vor den Wurzeln. Aber es wird glaube ich recht schnell klar, dass es hier um Toni und seine Freundin geht. Deshalb ist es auch gut, dass es so wenige Hauptcharaktere gibt. Sonst wäre auch schnell wieder der Vergleich da. Und wir sind uns im Team einig: Die Serie "Club der roten Bänder" ist und bleibt einmalig.

Toni ist ein Asperger-Autist. Wie wird man so einer Rolle gerecht?

Ich glaube, es ist ganz wichtig, zu sagen, dass wir nicht den Anspruch erheben, eine Serie über Autismus zu machen. Das hat mich auch beim Spielen entspannt. Toni ist zwar ein Autist, aber natürlich würden die ganzen Veränderungen auf einmal – der Umzug, der neue Job, die Beziehung – im echten Leben einen Autisten überfordern. Das sind einfach zu viele Aufregungsfaktoren. In der Vorbereitung für den Dreh habe ich mich mit der Asperger-Community vernetzt. Ich durfte vier Autisten interviewen – und teils sehr persönliche Dinge erfahren. In den Gesprächen kam heraus, dass es der Community vor allem darum geht, von Stereotypen wegzukommen.

Sie haben die Rolle Toni ja bereits gespielt. Wie fiel denn damals das Feedback aus?

Das war sehr, sehr positiv. Ich habe viele Rückmeldungen bekommen, auch Briefe beispielsweise von Müttern von autistischen Kindern, die sich darauf gefreut haben, immer montags die Serie gemeinsam zu schauen. Sie fanden es toll, ihren Kindern sagen zu können: Hey, einer der Charaktere ist ein bisschen wie du.

Wie wäre es, Menschen mit Behinderung in solchen Serien mitspielen zu lassen?

In der Netflix-Serie "Atypical" ist das ja beispielsweise schon der Fall. Ich finde das total toll, der Ruf nach Diversität wird aktuell immer lauter. Mehr Vielfalt, nicht nur was das Geschlecht oder die Hautfarbe angeht, sondern insgesamt mehr Inklusion. Ich habe mich auch schon gefragt, wie Toni darauf reagieren würde, wenn er einen anderen Autisten trifft. Wieso nicht so eine Rolle mit jemanden besetzen, der nicht neurotypisch (Anm. d. Red.: normal bezüglich der Sozialkompetenzen) ist?

Das klingt so, als wäre eine zweite Staffel bereits geplant.

Wir warten erst einmal ab, wie "Tonis Welt" bei den Zuschauern ankommt. Aber ich glaube, es gibt noch ganz viel, was man über Toni erzählen kann. Mir war es wichtig, noch mehr Facetten von Toni zu zeigen als im "Club der roten Bänder". Der Figur noch mehr Tiefe zu geben. Zu sagen, dass mir das auch gelungen ist, wäre jetzt anmaßend (lacht). Da warte ich lieber aufs hoffentlich positive Feedback der Zuschauer.

Man nimmt Ihnen die Rolle des Tonis sehr gut ab. Besteht darin nicht aber auch die Gefahr, dass man zu sehr auf diese eine Paraderolle festgelegt wird?

Ich hatte diese Angst auch mal. Aber ein Schauspiel-Coach hat zu mir gesagt: "Wenn man dich in eine Schublade steckt, ist das eigentlich auch etwas Gutes. Denn du hast zumindest eine Schublade." (lacht) Wir schätzen einfach zu oft die Dinge nicht, die wir haben, und wollen immer mehr. Ich bin froh, dass ich Toni spielen darf. Mir macht es aber auch Spaß, in andere Rollen zu schlüpfen. In der ZDF-Serie "Fritzie" habe ich vergangenes Jahr zum Beispiel den coolsten Typen der Schule gespielt, der alle Mädchen am Start hatte. Jede Rolle hilft einem auch dabei, Seiten an sich selbst kennenzulernen, von denen man vorher nichts wusste.

War das mit Toni auch so? Gibt es da Parallelen?

Die Rolle hat mich sehr auf meine eigenen Strukturen aufmerksam gemacht. Bei den Dreharbeiten war ich bislang immer höchstens Teil von einem Hauptdarsteller-Gespann, bei „Tonis Welt“ stand ich dann quasi jeden Tag vor der Kamera. Da habe ich gemerkt, wie sehr ich Struktur brauche. Ich hatte ähnlich wie Toni am Set einen Sortier-Rucksack – ich wusste genau, was in welchem Fach ist und das hat mich dann in den Drehpausen zwischendurch enorm beruhigt (lacht). Natürlich ist der große Unterschied zwischen mir und einem Asperger-Autisten, dass ich viel leichter aus Situationen herauskomme, in denen ich versessen auf Kontrolle bin. Mein Stresslevel ist auch ein ganz anderes.

TV-TIPP

  • "Tonis Welt"
  • ab 14. April, 20.15 Uhr auf VOX
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