"Schwarze Adler"

Dokumentarfilm begleitet schwarze Nationalspieler: "Es macht so müde"

von Eric Leimann

Deutsche Fußball-Nationalspieler mit dunkler Hautfarbe: Heute ein ganz normales Bild. Doch das war keineswegs immer so. Im starken Dokumentarfilm "Schwarze Adler" erzählen Profis und Nationalspieler aus sechs Jahrzehnten ihre Geschichte.

Ein typischer Fall von "positivem Rassismus" wäre es, wenn ein weißer Filmemacher wie Torsten Körner in seinem Werk "Schwarze Adler" (Donnerstag, 15. April, Amazon) erzählen würde, dass alle schwarzen Jungs und Mädchen, Männer und Frauen, die in Deutschland erfolgreich gegen den Ball traten, unter sehr ähnlichen Erfahrungen gelitten hätten. Haben sie aber nicht, zumindest nicht in ihrer persönlichen Wahrnehmung. Und auf die kommt es letztendlich an. Körner versammelt in seinem Dokumentarfilm, der am Freitag, 18. Juni, im Rahmen eines Fußball-EM Übertagungstages auch im ZDF zu sehen sein wird, eine beachtliche Riege Fußballstars aus Deutschland mit nicht-weißer Hautfarbe. Da sind zum einen Pioniere wie Erwin Kostedde, 1974 erster schwarzer Fußball-Nationalspieler Deutschlands oder Jimmy Hartwig, der ihm 1979 folgte.

Beider Karrieren im DFB-Team waren – gemessen an ihrer fußballerischen Klasse – verstörend kurz. Kostedde und Hartwig könnten unterschiedlicher nicht sein – beide gehören zu den schillerndsten Gesprächspartnern dieses Films, in dem nur schwarze Menschen unkommentiert über ihre Lebenserfahrungen in Deutschland sprechen. Kostedde, ein Mann, der viel mitgemacht hat und dem man das ansieht: ein zurückhaltender, konzentrierter, melancholischer Mitsiebziger.

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Dann Hartwig, acht Jahre jünger – ein Mann, der ebenfalls viel mitgemacht hat und doch ganz anders ist: energetisch, lustig, ein gewiefter Moderator des eigenen Lebens. Wenn der ehemalige Klasse-Mann im Mittelfeld des Hamburger SV unter Trainer Ernst Happel davon erzählt, wie er den "weltgrößten Idioten-Chor" dirigierte, als er Zuschauer, die ihn im Stadion rassistisch beleidigten, den Takt vorgab, dann kann man sich so etwas bei Erwin Kostedde so gar nicht vorstellen.

"Schwarze Adler" tankt sich über 100 hochinteressante Filmminuten kapitelweise durch Jahrzehnte und Generationen von schwarzen Spielern in den höchsten deutschen Spielklassen und Nationalmannschaften: Anthony Baffoe sorgte als Spross einer gebildeten Diplomatenfamilie in den 80-ern und 90-ern für eine neue Wahrnehmung schwarzer Spieler in der Bundesliga. Nationalspieler wurde er allerdings nie, weil er sich für Ghana, das Herkunftsland seiner Eltern entschied. Ganz anders Gerald Asamoah, in Ghana geboren, aber der erste nicht in Deutschland geborene Nationalspieler mit schwarzer Hautfarbe. Der Erfolg des "Sommermärchens" 2006 – die gelungene Fußball-WM in Deutschland – ist eng mit seinem Namen verbunden.

"Die selben Probleme wie vor 20, 30 Jahren"

Spannend wird es auch, wenn Väter und Söhne ihre Erfahrungen als schwarze Spieler in Deutschland miteinander vergleichen: Jordan Torunarigha (Hertha BSC), dessen nigerianischer Vater Ojokojo in der Zweiten Liga in Sachsen spielte, als das während der frühen 90-er noch ziemlich "exotisch" war. Auch Souleymane Sané, Vater von Leroy – Bundesliga-Torjäger in den 80-ern und frühen 90-ern, berichtet von Rassismus, ebenso wie Jean-Manuel Mbom, 2000 in Göttingen geboren, und aktuell bei Werder Bremen unter Vertrag. Auch dessen Vater spielte während der 90-er Fußball in Deutschland, wohin er als Student aus Kamerun gekommen war.

Natürlich erzählt der Film auch von Spielerinnen. Die ehemalige Nationalspielerin Steffi Jones, Tochter einer Frankfurter Mutter und eines schwarzen GIs, erzählt sehr bewegend und offen über ihre Jugend. Auch die Jamaikanerin Beverly Ranger, im Fernsehen während der 70-er als Torschützin des Monats ausgezeichnet – und im damaligen deutschen Fernsehen als schwarze Fußballerin gleich mit doppelter Diskriminierungs-Haltung begrüßt (man muss es selbst sehen!) oder auch die Journalistin und ehemalige Jugend-Nationalspielerin Shary Reeves kommen zu Wort. Reeves ist es auch, die für den bewegendsten Moment dieses klugen, weil so offen angelegten Films sorgt: "Ich liebe dieses Land ... und es macht so müde", sagt sie unter plötzlichen Tränen, als die 1969 geborene Kölnerin ihr Leben als Afro-Deutsche reflektiert.

Ex-Profi Otto Addo, heute im Trainerstab von Borussia Dortmund aktiv und sicher keiner, den man als übersensibel bezeichnen würde, legt mit dem Satz nach: "Ich habe sehr viel Kontakt zu normalen Menschen und es sind dieselben Probleme wie vor 20, 30 Jahren. Ob es bei der Wohnungssuche oder der Jobsuche ist – es ist einfach der Alltag, das solche Sachen passieren." Gemeint ist alltäglicher Rassismus. Wenn die deutsche Fußball-National-Mannschaft heute in allen Altersklassen, ob bei Männern, Jungs, Frauen und Mädchen erfreulich "bunt" geworden ist, dann ist das ein Erfolg. Dass Rassismus deshalb aus dem deutschen Alltag verschwunden wäre, bleibt – trotz der integrativen Kraft des Fußballs – trotzdem eine Illusion. "Schwarze Adler" erzählt auf sehr persönlichen Art und Weise über die Erfahrung des Andersseins und Ausgegrenztwerdens. Und weil der Film so eng bei seinen Protagonisten bleibt, wirkt er besonders nach.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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