Wenn es ans Sterben geht, entwickelt der Mensch bemerkenswerte Rituale. Für sich selbst als Hinterbliebenen, aber auch für die Toten. Doch Josef Krist ist noch nicht tot. Noch treibt er in einem Ruderboot auf dem Bodensee, beleuchtet von Fackeln, gekleidet in Hemd und Anzughose, den Körper übersät mit Wunden und blauen Flecken, umgeben von Äpfeln, Zweigen, Beeren, Tannenzapfen und allerlei anderen seltsamen Dingen, die Augen tränenerfüllt in den dunklen Nachthimmel gerichtet. Und dazu singt Sting den "Cold Song" aus Henry Purcells Semi-Oper "King Arthur", der davon erzählt, wie die Liebe und ihre Macht noch das kälteste Herz aufzutauen vermögen. Schaurig. Grausig. Schön.

Kurze Zeit später ist Krist ein Fall für die Polizei, genauer: für Klara Blum (Eva Mattes). Langsam verblutet ist er in seinem Boot. Doch der Konstanzer Ermittlerin hat ihr Arzt gerade gesagt, sie müsse sich ab jetzt ein bisschen schonen. "Auf den Satz habe ich mich mein ganzes Leben lang gefreut."

Der Fall selbst ist nicht das einzig Verwirrende. Da wäre noch die Liebelei zwischen dem Schweizer Ermittler Lüthi (Roland Koch) und seiner Kollegin Glocker (Isabelle Barth), die Frage, warum Klara Blum vorgibt, im Urlaub gewesen zu sein, die ziemlich rabiaten Umbauarbeiten im Präsidium, die seltsame Reaktion der Witwe des Toten – und einiges mehr.

Es hätte ein kunstvoller, dramaturgisch hervorragender Tatort werden können

Am wenigsten verwirrend ist da noch der krude Mist, den Krist zu Lebzeiten so von sich gegeben hat. Über "sein" Deutschland, über die Überfremdung, über seine Angst vor anderen Religionen. Das an sich, es wäre schon ein großes Thema. Und der Tatort "Wofür es sich zu leben lohnt" wäre nicht der erste, der sich einem solchen großen Thema widmet. Doch statt sich darauf zu konzentrieren, eröffnet er ständig neue Nebenschauplätze. Den Konflikt zwischen Blum und ihrem Kollegen Perlmann (Sebastian Bezzel) beispielsweise, den des Schweizer Kollegen mit seinem eigenen Fall und seinen privaten Problemen, und nicht zuletzt all die skurrilen, undurchsichtigen und teilweise auch unglaubwürdigen Figuren, die sich da am Bodensee tummeln.

Hätte Regisseurin Aelrun Goette sich doch bloß einen Teil davon herausgesucht, beispielsweise die drei alten Damen, denen Blum auf ihrer Suche nach dem Mörder begegnet, die – verschroben, undurchsichtig und durchaus faszinierend – in einer einsamen Villa am See wohnen, es hätte ein kunstvoller, dramaturgisch hervorragender Tatort mit einem Titel wie "Die Hexen vom Bodensee" werden können. Oder sie hätte sich auf den Mord am Drückerkönig Mayer konzentrieren können, dessen Witwe (Sarah Hostettler) durch ihre geerbte Villa stolziert wie die Braut in "Kill Bill", es hätte ein kunstvoller, dramaturgisch hervorragender Tatort mit einem Titel wie "Kiddo" werden können. Oder er hätte die Geschichte des Unternehmers Maximilian Heinrich (Matthias Habich) in den Mittelpunkt stellen können, in dessen Textilfabrik in Bangladesch gerade 1000 Arbeiter verbrannt sind und der sich moralisch, juristisch und persönlich mit den Vorwürfen auseinandersetzen muss, es hätte ein kunstvoller, dramaturgisch hervorragender Tatort mit einem Titel wie "Dahka" werden können.

Und genau so ist auch dieser Tatort: eine Zicke

Oder eben die Frage, ob das Revier in Konstanz für Blum und Perlmann über die Jahre nicht zu klein geworden ist. Auch Krimis, die sich dem Innenleben der Reviere und Ermittler widmen, können ja durchaus überzeugen – und so hätte es ein kunstvoller, dramaturgisch hervorragender Tatort mit einem Titel wie "Der letzte Mord" werden können, ist dies doch der letzte Fall vom Bodensee mit Blum und Perlmann. Doch eine solche Gemengelage wie in diesem Tatort, die kann am Ende nur ins Chaos führen. In ein durchaus kunstvolles zwar, mit hervorragenden Darstellern, einem Soundtrack der einen streckenweise in den Bann zieht, aber eben ins Chaos.

"Das Leben ist flüchtig, flatterhaft, empfindlich, eine ganz schöne Zicke ist das Leben. Doch es ist auch die Schönste auf dem Ball", sagt eine der drei Hexen vom Bodensee irgendwann zu Klara Blum. Und genau so ist auch dieser Tatort. Eine Zicke. Flatterhaft. Und schön. Und weil er der letzte aus Konstanz ist, muss er einen Schluss haben. Genauer gesagt sogar mehrere. Einen für den Fall, einen für die Witwe, einen für die drei Hexen, und einen für Klara Blum. Und in diesen Schlüssen, in diesem Finale, da gelingt diesem Tatort zwar einerseits so etwas wie eine Positionierung, andererseits aber überhebt er sich da auch vollends. Kunstvoll, durchaus. Aber das rettet am Ende niemanden mehr.