Herbst 1989, Bíly Potok, ein kleiner Ort an der tschechoslowakisch-polnischen Grenze, dem früheren Sudetenland. Hier arbeitet Alois Nebel ist Fahrdienstleiter an dem kleinen Bahnhof, das einzige Hobby des Einzelgängers ist das Sammeln alter Fahrpläne. Nebel hat sich nicht grundlos fast komplett aus der Gesellschaft zurückgezogen, denn noch immer verfolgen ihn die Geister der Vergangenheit: der Zweite Weltkrieg, die Vertreibung der Deutschen, die sowjetische Besatzung. Nebel wird seine Albträume nicht los und endet schließlich in einer Nervenheilanstalt. Dort lernt er "den Stummen" kennen, der bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren, verhaftet worden ist. Dieser wird zum unfreiwilligen Auslöser für den Entschluss von Alois, den Kampf gegen die Dämonen aufzunehmen, die ihn nächtlich heimsuchen ...

Dieser in wunderbaren Schwarz-Weiß-Bildern gezeichnete Trickfilm ist das Langfilmdebüt des tschechischen Werbefilmers und Musikvideo-Regisseurs Tomás Lunák, das 2012 mit dem Europäischen Filmpreis als bester Animationsfilm ausgezeichnet wurde. Im Stil des film noir erzählt "Alois Nebel" nicht immer treffsicher und teilweise etwas zäh von den dunklen Seiten der tschechisch-deutschen Geschichte. Besonders dem bis heute in Tschechien und der Slowakei nicht hinreichend aufgeklärten historischen Trauma der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg räumt Lunák viel Platz ein. Inszeniert nach der in Tschechien gefeierten Graphic Novel-Trilogie "Bíly Potok" (2003) , "Central Station" (2004) und "Zlate Hory" (2005) von Autor Jaroslav Rudis und Zeichner Jaromír Svejdík, ist "Alois Nebel" gleichzeitig ein Paradebeispiel für den gelungenen Einsatz des sogenannten Rotoskopie-Verfahrens, eine spezielle Anwendung bei der Herstellung von Animationsfilmen. Dabei werden reale Filmszenen Einzelbild für Einzelbild von hinten so auf eine Mattglasscheibe projiziert, dass der Animator sie abzeichnen kann. Im Gegensatz zur sogenannten Bewegungserfassung (motion capturing) ist die Rotoskopie ein zweidimensionales Verfahren. Die Ergebnisse können von halbwegs realistisch bis hin zu sehr stilisiert ausfallen. Rotoskopie hat als eigenes Stilmittel heute ihren festen Platz in Werbespots, Musikvideos und Kurzfilmen.



Foto: Pallas (Neue Visionen)