Privatkredite, Einladungen von Millionärsfreunden - Christian Wulff hat kein Fettnäpfchen ausgelassen. Als jedoch am 13. Dezember 2011 die "Bild"-Bombe "Wirbel um Privatkredit – Hat Wulff das Parlament getäuscht?" platzte, brach ein mediales Unwetter los. 68 Tage später war Wulff seinen Posten, und wenig später auch seine Bettina los. Noch während der Prozess um den Bundespräsidenten immer wieder neue, oft unerhebliche Details ans Licht brachte, haben sich Thomas Schadt (Drehbuch, Regie) sowie Jan Fleischhauer (journalistische Mitarbeit) ans Werk gemacht, um die Causa Wulff als Doku-Drama in Szene zu setzen. Und um es vorweg zu sagen: Herausgekommen sind spannende 90 Minuten Politikeralltag jenseits aller Hochglanz-Illusion. Die Wulffs waren nie das Traumpaar, sie wurden von den Medien dazu gemacht. Dass sie bei passender Gelegenheit auch wieder fallen gelassen wurden, versteht sich von selbst. "Der Rücktritt" ist keine Schmonzette, die sich in der angeblichen Rotlicht-Vergangenheit Bettina Wulffs suhlt. Und es sind auch nicht die zweifelhaften Aufenthalte des präsidialen Paares in Villen auf Mallorca, die das Drama sehenswert machen. "Der Rücktritt" ist eine fesselnde Analyse der Medienwelt und zeigt, wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten.

Kai Wiesinger spielt den gejagten Wulff, Anja Kling seine um ihre Pfründe fürchtende Ehefrau. Thorsten Merten ist der "Bild"-Journalist Martin Heidemanns und Holger Kunkel spielt Wulffs Vertrauten Olaf Glaeseker. Spannend inszeniert, flimmert die 68-tägige Hetzjagd von der ersten Veröffentlichung bis hin zum Rücktritt am 17. Februar 2012 vorbei. 68 Tage Einsamkeit, Wulffs unerträgliche Salamitaktik eingeschlossen. Doch warum sollte man sich das Doku-Drama überhaupt ansehen? Ist der Fall nicht längst zu den Akten gelegt? Ganz gleich wie man sich diese Fragen beantwortet: Eines ist sicher, nie wurde eine Affäre von diesem Ausmaß schneller ins deutsche Fernsehen gebracht, als die der Wulffs. Damit wirft der Zuschauer quasi einen Blick hinter die Kulissen aktueller Politik und erkennt die Stars auf der Bühne als normale Menschen. Bettina freut sich über ihr Abendkleid, das sie beim Staatsbesuch in Oman tragen will, und der Präsident über den Rotwein, den er sich abends gönnt. Alles in der detailgetreu nachempfundenen Kulisse von Bellevue. Wie kann ein Bundespräsident nur so naiv sein, fragt sich der Zuschauer. Wulffs Gerede von "Rubikon" und "Krieg führen" ist unfassbar - aber wohl genau so geschehen ...