Joseph Losey

Ein Leben dem Film: Joseph Losey Vergrößern
Ein Leben dem Film: Joseph Losey
Joseph Walton Losey
Geboren: 14.01.1909 in La Crosse, Wisconsin, USA
Gestorben: 22.06.1984 in London, England, Großbritannien

Eine ungeheuer weite Landschaft, darin zwei Männer, ein Hubschrauber auf ihrer Fährte. Mitleidlos erschlägt einer der Männer einen alten Schäfer. Die Szene spiegelt sich in den schreckgeweiteten Augen des anderen. Losey verzichtet auf die Vorführung von Gewalt und Brutalität, was er zeigt, ist die Reflektion des Grauens. Am Ende von Loseys Film "Im Visier des Falken" (1970) mit Robert Shaw und Malcolm McDowell siegt der Terror. Er kennt weder Schuld noch Unschuld. Er ist Selbstzweck.

"Das Ziel meiner Filme ist es, die Leute mit etwas aus dem Film zu entlassen, woran sie sich immer wieder erinnern, sie zu befähigen, aus den dargestellten Problemen ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. In den Hollywood-Filmen hatte ich immer eine Antwort, heute nicht mehr", sagt Losey 1970. 1951 wird der Regisseur wegen seiner linken Haltung und der Freundschaft mit Bertolt Brecht und Adrian Scott, einem der "Hollywood Ten", gemeinsam mit vielen anderen Hollywood-Künstlern von Senator McCarthy und seinem Ausschuss gegen 'unamerikanische Umtriebe' attackiert. Er steht wegen "kommunistisch subversiver Tätigkeit" auf der Schwarzen Liste und darf in den USA nicht mehr arbeiten. Unter Pseudonym dreht Losey in Italien, später in England, wo er sich dann niederlässt.

Der puritanisch-bürgerlich erzogene Sohn eines niederländischen Einwanderers beginnt ein Medizinstudium am Dartmouth College in New Hampshire, schließt sich aber bald den "Dartmouth Players" an und arbeitet bei dieser Theatertruppe als Regieassistent. Gleichzeitig schreibt er Einakter für das Theater, erhält einen Preis und wechselt 1929 zum Literaturstudium an der Harvard Graduate School of Arts and Science in Cambridge. 1930 bricht er auch dieses Studium ab, schreibt Theaterkritiken für die New York Times, den Herald Tribune und die Saturday Review of Literature. Bei einer Bühnenaufführung von Vicki Baums "Menschen im Hotel" ist er Regieassistent.

Dann freundet er sich mit dem amerikanischen Jazzmusiker Henry Hammond jr. an. Ihn begleitet er auf einer längeren Reise durch Europa. Er ist Regieassistent bei einer Inszenierung mit Charles Laughton und lernt auch das deutsche Theater kennen. In den Jahren 1932 bis 1937 ist Losey vorwiegend an amerikanischen Bühnen tätig. Er arbeitet an der Eröffnungsveranstaltung der Radio City Music Hall mit und inszeniert an verschiedenen Bühnen. Als Reporter für Variety unternimmt er 1935 von Januar bis September noch einmal eine Europa-Reise, die ihn nach Schweden, Finnland und die Sowjetunion führt. Loseys Theaterarbeit ist vor allem von Erwin Piscator und Bertolt Brecht beeinflusst.

Fünf Jahre lang ist er bei der Rockefeller Foundation beschäftigt. In der Abteilung "Human Relations Commission Film Project" überwacht er den Schnitt von 40 Dokumentarfilmen und 60 Lehrfilmen. Dann entstehen in den Jahren 1939/41 bei der Foundation auch Loseys erste Kurzfilme als Auftragsarbeiten. 1942 lernt er Bertolt Brecht kennen. In der gleichen Zeit beginnt er mit Programmen für die Radiosender NBC und CBS. Er macht vor allem Halbstunden-Sendungen in der Reihe "World at War". 1943 kommt er durch persönliche Bekanntschaft mit Louis B. Mayer zu einem Vertrag mit der MGM. Doch dann wird Losey eingezogen und dreht militärische Ausbildungsfilme. 1945 entsteht sein erster kurzer Kriminalfilm: "A Gun in His Hand".

1947 verfasst er gemeinsam mit Brecht und Laughton die englische Fassung von "Leben des Galilei". Loseys Inszenierung wird zuerst im Coronet Theatre in Los Angeles gezeigt und wechselt dann ins New Yorker Maxine Elliott Theatre. Der erste lange Spielfilm ist eine Sciencefiction-Story über Rassenhass und die Auswirkung des Krieges: "Der Junge mit den grünen Haaren" (1948). Es geht um einen Kriegswaisen und dessen kindlichen Kampf gegen den Krieg, gegen das Vergessen, gegen die Gleichgültigkeit der Menschen. Das Thema eines unmenschlichen und gleichgültigen Verhaltens findet man immer wieder in Loseys Werk, vor allem in den vier Thrillern "Gnadenlos gehetzt" von 1949, dem von Dalton Trumbo geschriebenen "Dem Satan singt man keine Lieder" (1950), "M" (1951), dem Remake von Fritz Langs Klassiker, und "Die Nacht der Wahrheit" (1951).

Einige von Loseys vielleicht interessantesten und direktesten Filme entstehen in den Fünfzigerjahren unter Pseudonym: Als Andrea Forzano dreht er 1951 in Italien "Giacomo" nach Noel Calef, 1953/54 "Der schlafende Tiger" als Victor Hanbury oder "The Intimate Stranger" (1955/56) als Joseph Walton, einige der danach folgenden britischen Filme sind in ihrem radikalen Realitätsanspruch faszinierend, so "Teuflisches Alibi" (1957), "Die tödliche Falle" (1959), "Eva" (1961) mit Jeanne Moreau, "Der Diener" (1963) oder "Accident - Zwischenfall in Oxford" (1967).

Einige Freunde irritiert der Regisseur mit Filmen wie dem ausladenden "Brandung" (1967), der scheinbar ganz im Bombastischen aufgeht, und der romantischen Harold-Pinter-Geschichte "Der Mittler" (1971). Losey lässt sich jedoch nie auf einen Stil festlegen, er ist immer vielseitig, beredt, seine Aussagen in den Filmen sind immer wichtiger und weitreichender als das, was er dazu sagt. So wie in dem bizarren Psychothriller "Die Frau aus dem Nichts" (1968) oder dem Actionfilm "Im Visier des Falken" (1970), wo in einer unendlich weiten, öden Landschaft zwei Männer in Fesseln von einem riesigen Vogel, einem Hubschrauber gejagt werden.

Ein wichtiger, erbarmungsloser und konsequent inszenierter Film ist "Für König und Vaterland" (1964) mit Dirk Bogarde und Tom Courtenay. In Schlamm und Nieselregen wird der Fall eines Deserteurs verhandelt. Ratten huschen durchs Gemäuer, von Ferne dröhnen Geschütze. Die Geschichte spielt zur Zeit der Flandern-Schlacht. Der für schuldig Befundene wird kurz vor einem neuen Angriff standrechtlich erschossen. Das ist glänzend gespielt von Courtenay, der schließlich von Bogarde, seinem Verteidiger, hingerichtet wird.

In "Accident - Zwischenfall in Oxford" mit Dirk Bogarde, Jacqueline Sassard, Stanley Baker und Michael York ist - wie so oft bei Losey - die Perspektive des Gezeigten wichtiger als die Story. Kolportage-Material wird zu mathematisch genauer Inszenierung verarbeitet: Bei Philosophie-Professor Stephen, versponnen in seine intellektuelle Arbeit, blüht zu Hause die Familie, zwei Kinder tummeln sich im gepflegten Garten, das dritte Kind ist unterwegs. In diese heile Welt bricht das Verhängnis ein. Eine harmonisch-bürgerliche Welt, die von friedlicher Wohlanständigkeit geprägt ist. Doch drei Männer, unten ihnen Stephen, machen dem hübschen jungen Mädchen Anna den Hof. Die abgehärmte schwangere Frau des Hauses steht ratlos dabei. Die Auseinandersetzung der Männer spitzt sich zu, und die Katastrophe am Ende stellt nur die alte Situation wieder her. Losey schuf mit Drehbuchautor Harold Pinter und Kameramann Gerry Fisher einen eindringlichen Film.

Zu seiner sozialen Verantwortung und zu seinem Selbstverständnis als Filmemacher sagte Losey einmal: "Soziale Reformen interessieren mich nicht so sehr, und vor allem glaube ich nicht an 'Message-Filme'. Ich glaube und hoffe, meine Filme lassen Sinn für soziale Verantwortung erkennen. Natürlich interessiert mich die Gesellschaft, aber vor allem das Leben und die Menschen. ... Mir scheint, alle möglichen und vorstellbaren Geschichten sind längst erzählt. Deshalb ist das einzige, was einen Film noch interessant macht, die Art, wie eine Geschichte erzählt ist. Es gibt so viel Selbstverständliches in jeder Story, dass das, was einen emotional oder ästhetisch inspiriert, nicht von der Story kommen kann."

Als Losey 1974 erneut Brechts Theaterklassiker "Galileo" inszeniert, gerät mit den Entdeckungen des Protagonisten nicht nur ein naturwissenschaftliches, sondern auch ein gesellschaftliches und philosophisches Weltsystem ins Wanken. Mitten in diesem Spannungsfeld durchlebt er den Konflikt zwischen Anpassung und Widerstand. In seiner persönlichen Krise spiegeln sich der Kampf eines Menschen um seine Selbsterhaltung und der Kampf eines verantwortlichen Wissenschaftlers um seine Selbstachtung. Der Zwiespalt, in dem sich Galileo in Loseys Adaption befindet, ist auch in der Werkgeschichte von Bertolt Brechts Schauspiel "Leben des Galilei" erkennbar. Aus dem Widerstandskämpfer in der ersten Fassung (1943 in Zürich uraufgeführt) wurde in der späteren, in Amerika entstandenen Version ein Verräter, dessen Widerruf zwar verständlich ist, aber moralisch unentschuldbar bleibt. An der Uraufführung 1947 in Beverly Hills war - wie bereits erwähnt - neben Charles Laughton auch Losey beteiligt, der bereits damals die Verfilmung des Stoffes plante.

Weitere Filme von Joseph Losey: "Leben des Galilei" (Kurzfilm, 1947), "Für Männer gefährlich" (1953), "In letzter Stunde", "Dämon Weib" (beide 1957), "First on the Road" (1959), "Die Spur führt ins Nichts" (1960), "Sie sind verdammt" (1962), "Modesty Blaise - Die tödliche Lady" (1965), "Das Mädchen und der Mörder" (1971), "Nora" (1972), "Die romantische Engländerin" (1975), "Monsieur Klein" (1976), "Straßen nach Süden" (1978), "Don Giovanni" (1979), "Boris Godunov" (1980), "Eine Frau wie ein Fisch" (1982) und "Steaming" (1985).

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