Lesetipp

Für Sie gelesen: Graphic Novels

21.09.2026, 02.00 Uhr
Graphic Novels wie "Gras" von Keum Suk Gendry-Kim und "Berlinoir" von Reinhard Kleist erzählen von historischem Leid und dystopischen Welten. Matt Haig und Samantha Sotto Yambao bieten hingegen Reisen in die Vergangenheit und zu verlorenen Träumen.

„Gras“ von Keum Suk Gendry-Kim erzählt die packende, teilweise schockierende Lebensgeschichte von Lee Ok-sun, einer koreanischen Frau, die während des Zweiten Weltkriegs von der japanischen Armee verschleppt und zur sogenannten „Trostfrau“ gemacht wurde. Als junge Frau wird sie in ein Militärbordell nach China gebracht, wo sie Gewalt und Misshandlungen erleidet. Die Graphic Novel schildert Lees Kindheit in großer Armut, ihre Verschleppung, die Jahre im Bordell und ihr späteres Leben. Dabei geht es nicht nur um ihre persönliche Geschichte, sondern auch um das System der militärischen Zwangsprostitution und um die Frage, wie Erinnerung, Schuld und historische Verantwortung in Asien gesehen werden. Keum Suk Gendry-Kim erzählt zurückhaltend und eindringlich in eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, durch die „Gras“ zu einem ganz besonderen Leseerlebnis wird. Der Titel „Gras“ verweist auf die Überlebenskraft der Natur und wird zum Symbol für Menschen, die trotz Gewalt und Unterdrückung weiterleben. Die Graphic Novel ist damit zugleich ein historisches Dokument und ein zutiefst menschliches Plädoyer gegen das Vergessen.

„Gras" von Keum Suk Gendry-Kim, Avant Verlag, 488 Seiten, 35 Euro, ISBN: 978-3-96445-158-3

In „Berlinoir“ von Reinhard Kleist und Tobias O. Meißner beherrschen Vampire Berlin. Sie haben ein autoritäres Regime errichtet, das die Menschen ausbeutet. Doch im Untergrund formiert sich Widerstand: Eine kleine Gruppe wagt den Kampf gegen die übermächtigen Herrscher. Die Graphic Novel verbindet Vampirgeschichte, Politthriller, Dystopie und Großstadt-Noir. Im Mittelpunkt stehen Macht, Propaganda, Gewalt, gesellschaftliche Abgründe und die Frage, wie sich Menschen gegen ein totalitäres System behaupten können. Die Handlung beschränkt sich dabei nicht auf ein simples Schwarz-Weiß-Schema aus Gut und Böse, zeigt vielmehr eine Welt voller Intrigen, Gegensätze und moralischer Grauzonen. Die Neuausgabe fasst die ursprünglich in drei Teilen erschienene Geschichte zusammen, wurde überarbeitet und enthält bisher unveröffentlichtes Zusatzmaterial. Kleists Zeichnungen verbinden das Berlin der 1920er-Jahre mit expressionistischem Stummfilm und einer retrofuturistischen Zukunftsvision. „Berlinoir“ diente als Vorlage für die Serie „City of Blood“, die seit September bei Disney+ läuft. Die Verfilmung erzählt gewissermaßen die Vorgeschichte: Wie gelangten die Vampire in Berlin an die Macht? In den Hauptrollen sind unter anderem Lars Eidinger und Jördis Triebel zu sehen.

„Berlinoir (Neuausgabe)“ von Reinhard Kleist, Tobias O. Meißner, Carlsen Comics, 176 Seiten, 30 Euro, ISBN: 978-3-551-80915-5

Als der 82-jährige Buchhändler Wilbur stirbt, erwartet ihn eine Überraschung: Er wird vom Mitternachtszug abgeholt, der ihn zu wichtigen Stationen seines Lebens zurückbringt. So erlebt Wilbur beispielsweise zum zweiten Mal seine Kindheit in Sheffield und trifft erneut auf seine große Liebe Maggie. Er muss mit ansehen, wie er zu einem gefeierten Buchverkäufer aufsteigt, dabei aber die Menschen in seinem Leben aus den Augen verliert.

„Die Mitternachtsreise" von Matt Haig, Droemer Knaur, 336 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-426-56249-9

Auch auf Raya wartet in dem neuen Roman von Samantha Sotto Yambao eine ganz besondere Zugreise. Die junge Frau wollte immer Songwriterin werden, doch hat ihren Traum nach dem Tod ihres Bruders aus den Augen verloren. Als sie sich im Elsewhere Express, einem Zug für verlorene Seelen, neben dem nahezu blinden Künstler Q wiederfindet, erlebt sie eine Reise zu sich selbst.

„Der Elsewhere Express" von Samantha Sotto Yambao, Penhaligon, 528 Seiten, 23 Euro, ISBN: 978-3-7645-3387-8