27.11.2020 Interview zum Jubiläum

"Der Tatort ist ein Geschenk"

von Felix Förster
Ermitteln gemeinsam in Dortmund: der Münchner Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) mit seinen
Kollegen Jan Pawlak (Rick Okon), Martina Bönisch (Anna Schudt) und Nora Dalay (Aylin Tezel, v.l.).
Ermitteln gemeinsam in Dortmund: der Münchner Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) mit seinen Kollegen Jan Pawlak (Rick Okon), Martina Bönisch (Anna Schudt) und Nora Dalay (Aylin Tezel, v.l.).  Fotoquelle: WDR/Frank Dicks

Der Tatort begeht mit einer aufwendig produzierten Doppelfolge sein 50. Jubiläum. Anlässlich der beiden Folgen, in denen die Dortmunder und Müchner Ermittlerteams zusammen arbeiten, hat prisma mit den Regisseuren der beiden Folgen, Dominik Graf und Pia Strietmann sowie mit den Schauspielern Anna Schudt und Udo Wachtveitl gesprochen.

50 Jahre Tatort ist etwas ganz Besonderes. Eine Frage in die Runde: Wie ist Ihre ganz persönliche Beziehung zu der Reihe? Udo Wachtveitl ist ja schon seit 1991 dabei? Wie sehen Sie den Tatort im Rahmen der Fernseh-Historie in Deutschland?

Udo Wachtveitl: Der Tatort ist ein großes Geschenk an viele. Natürlich an die Zuschauer, wenn es eine gute Folge ist, aber auch an die ARD. Er ist auch für die Filmemacher ein großes Geschenk, denn dadurch, dass erst einmal so viele Leute grundsätzlich die Bereitschaft haben, am Sonntag um 20.15 Uhr einzuschalten, können die sich auch manches trauen. Das wäre in einem Format, das sich erst einmal um eine Kenntnisnahme bemühen müsste, nicht so leicht möglich. Da muss der erste Schuss gleich sitzen. Für mich persönlich war der Tatort bestimmend für einen Großteil meiner beruflichen Laufbahn, aber nicht so, dass ich mir das ausgesucht oder gar von vornherein angestrebt hätte. Ich habe nicht mit Anfang 30 gesagt: So jetzt rette ich mich schnell in eine rentenversicherungspflichtige Tätigkeit, die ich möglichst lange ausübe. Das hat sich einfach so ergeben. Es gibt bis heute nach wie vor keinen festen Vertrag mit dem BR und uns und sowohl wir als auch die könnten jederzeit aussteigen. Das hält natürlich so eine Beziehung auch ein bisschen frisch.

Wie sieht es denn aktuell mit Ihren Plänen aus, möchten Sie das noch länger machen?

Udo Wachtveitl: Die Frage hätten Sie mir vor fünf Jahren stellen können oder auch vor 15 oder vor 20 und ich hätte genauso wenig eine Antwort darauf gewusst wie heute. Ich möchte das – Stand jetzt – noch länger machen. Aber dieser Zukunftspfeil fliegt auch nicht weiter als die letzten Jahrzehnte: bis ins nächste oder übernächste Jahr. Wer weiß, was dann ist.

Wie ist das bei Ihnen, Anna Schudt? Sie machen den Dortmunder Tatort schon seit 2012, sind jedoch nicht ganz so lang dabei wie Udo Wachtveitl.

Anna Schudt: Trotzdem überraschend lange, ich denke immer: Schon wieder ist ein Jahr herum! Nach wie vor ist der Tatort für mich total positiv. Die Reihe war immer sehr gut zu mir und hat mir sehr vieles geschenkt. Bemerkenswert ist, dass der Tatort solch eine experimentelle Plattform geworden ist und dass man sich auf diesem Spitzensendeplatz so etwas leisten kann. Da kann man einfach Dinge ausprobieren, die nicht unbedingt allen gefallen müssen, es aber garantiert ist, dass es von sehr vielen Leuten gesehen wird und nicht im Kino untergeht. Ganz aktuell zeigt das auch der Jubiläums-Tatort, der den Zuschauern hoffentlich gefallen wird. Wir setzen auf diesen Sendeplatz einen Tatort, der einfach mal ein komplett neues und anderes Konzept ausprobiert.

Der Jubiläums-Tatort ist so gesehen ja auch ein Experiment: Es gibt zwei Folgen, die von so unterschiedlichen Regisseuren wie Dominik Graf und Pia Strietmann inszeniert wurden. War das jetzt wirklich so zweigeteilt, dass Dominik Graf die erste Folge gemacht hat und Frau Strietmann die zweite? Oder gab es da trotzdem eine enge Zusammenarbeitet?

Dominik Graf: Natürlich, du kommst ja gar nicht daran vorbei, gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Das Drehbuch der ersten Folge war hervorragend, neben vielen anderen Dingen war mein Eindruck, dass seine Stärke auch in der Art der Teamzusammenarbeit der beiden Ermittlerteams lag. Alle arbeiten zusammen, aber auch irgendwie gegeneinander, und einige auch für sich allein, und daraus entwickelt sich dann eine absolute Katastrophe. Und diese Katastrophe wird mit leicht verändertem Personal dann von Pia in Teil zwei weiter erzählt. Spaß macht natürlich auch, sich zu einigen, wie die Rolle der Tochter des verdächtigen Restaurantbesitzers besetzt und erst bei mir, dann bei Pia interpretiert wird. Wie sehe ich das? Wie sieht Pia das? Sehr spannend.

Für Pia Strietmann war "Es bleibt in der Familie" die zweite Tatort-Folge in diesem Jahr. Wie war denn Ihre Herangehensweise an diese Doppelfolge? Hatten Sie im Hinterkopf: Das ist jetzt die Jubiläumsfolge und etwas ganz Besonderes?

Pia Strietmann: Bei beiden Folgen hatte das für mich ganz viel mit Verantwortung zu tun. Man weiß ja schließlich, dass viele Leute den Tatort gucken. Ob das nun eine Jubiläumsfolge ist, oder eine ganz normale Folge, spielt gar nicht so eine große Rolle. Diese Verantwortung sehe ich – ähnlich wie Udo eben – als Geschenk. Man sollte sich dessen bewusst sein und der Verantwortung nachkommen. Ich wollte nutzen, dass so viele Menschen zuschauen und eine moderne, eine gewagte oder einfach eine detailverliebte Inszenierung suchen und nicht 08/15-Zeug abgeben.

Dominik Graf, Sie haben in den 80er Jahren mit der Schimanski-Folge "Schwarzes Wochenende" ihr Tatort-Debut gegeben. Wie hat sich die Herangehensweise an den Tatort im Laufe der Zeit verändert? Sind die Dreharbeiten heute komplett anders oder kann man das durchaus miteinander vergleichen?

Dominik Graf: Wir hatten damals 30 Drehtage, heute sind es 22, 23, wenn man Glück hat – wie in diesem Fall – selten noch 24. Man muss halt schneller arbeiten. Sechs Tatort-Kommissare in einer Szene gleichzeitig kommt auch nicht so häufig vor.

Das war bestimmt nicht immer einfach…

Dominik Graf: Doch, total.

Udo Wachtveitl: Freilich will jeder vorkommen und wenn auf einmal sechs da sind, die um die guten Szenen oder Sätze rangeln, dann ist das ein anderes Drehen. Wir sind aber alle lang genug dabei, um persönliche Eitelkeiten nicht überhandnehmen zu lassen. Viele von uns haben ja Theater-Erfahrung, da gibt es eine Ensemble-Disziplin. Daran erinnert man sich, wenn man so eine Doppelfolge mit zwei Teams angeht. Wir fühlten uns ja auch geehrt, an diesem Jubiläums-Tatort teilnehmen zu dürfen. Ich persönlich hätte mir trotzdem ein bisschen mehr Folklore bei diesem Aufeinanderprallen der beiden Welten Dortmund und München gewünscht.

Es gibt diese kleine Szene mit der BVB-Tasse, das war so etwas wie ein kleiner Seitenhieb…

Udo Wachtveitl: Ich weiß nicht, was da noch drin ist, gedreht haben wir ja mehr. Dominik, ist die Unterhosen-Szene noch drin?

Dominik Graf: Ja natürlich, die ist drin…

Udo Wachtveitl: So etwas zum Beispiel, das ist auf heftigstes Betreiben von interessierten Kreisen – in diesem Falle von mir – gedreht worden, weil ich einfach finde, München und Dortmund, Jubiläum, da wird natürlich eine Erwartungshaltung bei den Zuschauern hochgekocht, die man auch bedienen muss. Was ist denn da jetzt, wenn die Münchner da in Dortmund auftauchen? Ich hoffe, es ist gelungen, ich habe die Filme noch nicht gesehen. Aber, dieses Element hat mir Spaß gemacht und mich auch gefreut. Deshalb hätte ich davon gern etwas mehr gehabt.

Udo Wachtveitl und Anna Schudt, gibt es denn unter den Tatort-Teams Kontakte über das Jahr oder ist man da einfach in seiner Stadt?

Udo Wachtveitl: Dieses Klassentreffen gibt es nicht.

Anna Schudt: Das gibt es nicht, es sind ja auch zu viele Teams. Das wäre ja auch vollkommen unmöglich. Aber wir hatten einen sehr lustigen, überraschenden Abend zusammen. Die Münchner waren da, wir waren da…

Udo Wachtveitl: … die Kölner waren da, die Münsteraner und "sortenfremd" war noch der Wilsberg da.

Anna Schudt: Wirklich?

Udo Wachtveitl: Ja, im Hotel.

Anna Schudt: Der war nicht bei unserem Schrottwichteln dabei.

Udo Wachtveitl: Ach nee, da nicht.

Anna Schudt: Da haben wir zusammen gesessen und es war außerordentlich amüsant.

Aber es ist jetzt nicht so, dass die Dortmunder sich mit den Kölnern treffen, die Münchner mit denen aus dem Schwarzwald?

Udo Wachtveitl: Man verliert ja auch langsam den Überblick.

Domink Graf: Ich fand die beiden Teams, die da für die Jubiläumsfolge ausgesucht wurden, eine wirklich gute Auswahl. Die sechs Polizisten, die da aufeinander trefen, passe unheimlich gut zusammen, gerade auch in ihrer extremen Verschiedenheit. Das Dortmunder Team hatte von Anfang an eine gewisse Schicksalsschwere durch Faber und seine Vorgeschichte, die Jörg Hartmann in jedem Moment immer mit erzählt hat. Daraus kommen die Rambo-artigen Alleingänge der Figur in den letzten Jahren, die Konflikte mit den Kollegen Boenisch, Dalay und Pawlak. Als Kontrast, aber auch als Ergänzung dazu dann die leichtere Gangart der beiden Münchner. Ich weiß nicht, wie es denn Schauspielern dabei ergangen ist? Ich fand das sehr hochinteressant.

Das Zusammenspiel zwischen Anna Schudt, Jörg Hartmann, Rick Okon und Aylin Tezel als Dortmunder Team ist sehr gelungen. Insgesamt ist aber auffallend, dass es in der Doppelfolge eher humorlos zugeht. Ist das so gewollt oder ist das auch allgemein eine Tendenz beim Tatort, dass das Lustige so ein bisschen den Münsteranern überlassen wird? Wie kann man das einordnen?

Udo Wachtveitl: Von mir ist das nicht gewollt und ich werde auch nicht müde, das einzufordern. Es ist schade, dass so wenig Humor zu sehen ist. Dieser Trübniskitsch in vielen Formaten geht mir wahnsinnig auf den Wecker, es gibt so eine allgemeine Tendenz, immer schlecht gelaunte Kommissare zu haben. Das verstehe ich nicht. Vielleicht soll es Tiefsinn simulieren.

Wie sehen die anderen das?

Dominik Graf: Ich hatte immer das Gefühl, ein guter Polizei-Thriller kommt ganz ohne Humor gar nicht aus. Humor hat natürlich auch besonders mit der Teamarbeit zu tun. Polizeifilme handekb immer auch von einer Mannschaft, einem ganzen Apparat, der sich ständig miteinander auseinander setzt. Manchmal hat dieser Apparat fast mehr mit sich selbst zu tun als mit den Verbrechern. Deshalb muss immer etwas vorkommen, was zumindest mal kurz auflockert, Solidarität, Trost, Witz.

Anna Schudt: Wir haben immer den Anspruch, einen humorigen Punkt zu finden. Das ist aber tatsächlich in Dortmund nicht ganz so einfach (lacht). Trotzdem ist das schon ein Anspruch, den wir manchmal etwas verzweifelt suchen. In dieser Folge war der Druck extrem hoch und es war kein witziges Thema. Ich habe nicht so viele Punkte finden können, wo ich die Mundwinkel hätte nach oben ziehen können. Aber klar sucht man das, man möchte ja auch unterhalten.

Wie war das mit den italienischen Kollegen? Emiliano de Martino ist in seiner Rolle absolut beängstigend.

Udo Wachtveitl (lacht): Wir Kommissare hatten ja nichts mit ihm zu tun.

Dominik Graf: Die Zusammenarbeit war großartig. Es wurde alles übersetzt von einem Dolmetscher. Emiliano spricht mittlerweile vielleicht zwei Worte Deutsch. Und trotzdem war die Verständigung blitzartig. Ein totaler Profi.

Pia Strietmann: Das kann ich nur bestätigen.

Übrigensprisma-Chefredakteur Stephan Braun hat mit Joe Bausch gesprochen, denn der muss wissen, was einen guten Tatort ausmacht. Schließlich gehört er schon seit 1997 zum Kölner Team. Als Rechtsmediziner unterstützt er die Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär). Im Video-Interview verrät er, was den Tatort aus seiner Sicht so erfolgreich macht.

Das könnte Sie auch interessieren