Cosima Henman: Vom Patchwork-Kind zur Filmheldin
Familie kann man sich nicht aussuchen – oder vielleicht doch? Ob bluts- oder seelenverwandt: Familie kann etwas Großartiges sein, wie Schauspielerin Cosima Henman (29) aus eigener Erfahrung weiß. Die Wahlberlinerin, die bereits 2010 ihre erste Kinorolle in "Teufelskicker" spielte, wuchs selbst in einer Patchworkfamilie auf. Anlässlich ihrer Rolle im ZDF-Film "Plötzlich Schwester" (6. August, 20.15 Uhr, ab 13. Juli in der ZDF-Mediathek) spricht sie über die Vor- und Nachteile dieses Familienmodells und die Verantwortung, die sie als große Schwester übernommen hat. Die Familienkomödie geht mit prominenter Besetzung um Andrea Sawatzki der Frage nach: Was bedeutet Familie? Als Tochter des Regisseurs Granz Henman, bekannt durch Filme wie "Hammerharte Jungs", sieht sich die gebürtige Kölnerin Cosima Henman zudem immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, ihren Erfolg vor allem "Vitamin B" zu verdanken. Im Interview erzählt sie, wie es ist, als Tochter eines erfolgreichen Vaters unter dem kritischen Blick der Öffentlichkeit eigene Erfolge zu feiern.
prisma: In "Plötzlich Schwester" spielen Sie eine junge Frau, deren Leben durch eine überraschende Familienenthüllung auf den Kopf gestellt wird. Haben Sie selbst Geschwister?
Cosima Henman: Ja, ich habe einige Geschwister, die alle jünger sind als ich, teilweise mit einem größeren Altersunterschied. Da ich nicht mehr zu Hause wohne und viel arbeite, verbringen wir leider nicht so viel Zeit miteinander, wie ich es mir wünsche. Aber ich bin auf jeden Fall die große Schwester. Ich muss sagen, ich habe mir als Kind schon immer eine große Schwester oder einen großen Bruder gewünscht. So musste ich mir alles erkämpfen. Die Nachzügler hatten da schon ein bisschen mehr Freiraum. Für mich war es allerdings auch leicht und schön, in die Beschützerrolle zu schlüpfen.
prisma: Als große Schwester tragen Sie viel Verantwortung. Was macht für Sie Familie aus?
Henman: Diese Kernfrage ist das zentrale Thema des Films. Er enttabuisiert verschiedene Familienkonstellationen und macht deutlich, dass man nicht zwingend gemeinsam aufwachsen muss, um eine familiäre Bindung einzugehen. Familie kann auch plötzlich entstehen – in welcher Form auch immer. Dann wird man im besten Fall für die Person, die man ist, geliebt und wertgeschätzt. Mir persönlich ist es nicht wichtig, ob eine Familie blutsverwandt ist oder nicht, sondern dass die Menschen mich als die Person akzeptieren und lieben, die ich bin. Gerade in meinem Beruf als Schauspielerin schlüpfe ich in viele Rollen und habe gelernt, zu performen. Daher ist es schön, auch am Set einfach mal man selbst sein zu können. Diese Menschen sind für mich auch wie Familie.
"Entscheidend ist, dass die Menschen sich respektieren"
prisma: Was haben Sie während der Arbeit an dem Film über Ihre Familie gelernt?
Henman: Was ich mitnehme, ist: Egal, wie unterschiedlich wir alle sind und welche Ansichten wir haben – wir können trotzdem voneinander lernen. Deshalb ist Familie meiner Meinung nach auch so wichtig, um nicht festzufahren. Familienmitglieder, die unterschiedliche Ansichten vertreten, fördern die eigene Weltoffenheit.
prisma: Haben klassische Familienmodelle Ihrer Ansicht nach noch dieselbe Bedeutung wie vor 20 Jahren?
Henman: Das kann ich pauschal nicht beantworten. Wenn das klassische Familienmodell aus Mutter, Vater und Kind auf einer gesunden Partnerschaft basiert, dann kann das sehr gut funktionieren. Am Ende kommt es aber immer auf den Einzelfall an. Auch Patchwork-Familien können wunderbar funktionieren. Entscheidend ist, dass die Menschen sich respektieren und bereit sind, an ihrer Beziehung zueinander zu arbeiten – unabhängig davon, welche Geschlechterrollen bestehen.
prisma: Wird gesellschaftlich noch immer zu sehr an einem Idealbild von Familie festgehalten?
Henman: Früher blieben viele Paare wegen der Kinder oder aus gesellschaftlichen Gründen zusammen. Dabei muss jedoch immer im Einzelfall geprüft werden, was für das Kind tatsächlich besser ist: ob die Eltern zusammenbleiben oder nicht. Ich selbst bin in einer Patchwork-Familie aufgewachsen und empfand das als positiv. Daraus ist auch neuer Familienzuwachs entstanden, was ebenfalls schön war. Wie so oft gibt es auch hier Vor- und Nachteile. Grundsätzlich sollte man diesen Familienmodellen mit Offenheit begegnen und ihnen eine Chance geben. Letztendlich ist aber jede Situation anders, und jeder muss seinen eigenen Weg finden.
"Es gibt noch zu wenige Frauenrollen in den Dreißigern"
prisma: Sie arbeiten seit Ihrer Kindheit vor der Kamera. Wie hat sich die Branche für Schauspielerinnen in den vergangenen zehn Jahren verändert?
Henman: Ich glaube, wir machen langsam Fortschritte darin, Frauenbilder vielfältiger darzustellen. Frauen sind komplex, und genau diese Tiefe in Figuren sichtbar zu machen, ist wichtig. Wir merken: Die Branche entwickelt sich. Es gibt eine Frauenquote, mehr Regisseurinnen und Frauen in führenden Positionen – wenn auch noch immer zu wenige -, aber es bewegt sich etwas. Gerade unser Film war mit einer Regisseurin und einer Drehbuchautorin sehr frauendominiert. Außerdem gab es vier weibliche Hauptrollen, während die Männer eher Zweckfiguren waren (schmunzelt).
prisma: Gibt es nach wie vor bestimmte Klischees oder Erwartungen, mit denen Schauspielerinnen stärker konfrontiert werden als Schauspieler?
Henman: Ja, ich glaube, dieses Gefühl kennen viele Schauspielerinnen. Gleichzeitig achte ich darauf, bei mir zu bleiben, ohne ständig das Bedürfnis zu haben, mich jemandem beweisen zu müssen. Gerade in den späten Zwanzigern geht es für viele darum, die eigene Stimme zu finden. Außerdem gibt es meiner Meinung nach noch zu wenige Frauenrollen in den Dreißigern – dabei ist das eine unglaublich spannende Lebensphase. In einer Branche, in der man schnell im Mittelpunkt stehen kann, ist es nicht immer leicht, sich nicht einfach den Meinungen anderer anzuschließen, sondern herauszufinden: Wofür stehe ich eigentlich? Für mich war das vor allem ein persönlicher Prozess – weniger der Versuch, mich gegenüber männlichen Kollegen behaupten zu müssen, sondern vielmehr die Suche nach der eigenen Haltung.
"Heute geht es mir vor allem um Rollen mit Tiefe"
prisma: Sie werden im Dezember 30 Jahre alt. Welche Vorstellungen von Erfolg hatten Sie mit Anfang 20 – und welche heute?
Henman: Mit Anfang 20 wollte ich vor allem in vielen Filmen mitspielen und spannende Figuren verkörpern, bei denen die Leute sagen: "Wow, wie cool." Das hat sich mit der Zeit verändert. Heute geht es mir vor allem um Rollen mit Tiefe, die eine Botschaft vermitteln. Gleichzeitig zieht es mich immer stärker in Richtung Regie und Drehbuch, weil ich auch meine eigenen Geschichten erzählen möchte. Im Laufe der Jahre ist es mir wichtiger geworden, eine eigene Stimme zu haben, statt einfach nur auf der Leinwand oder dem roten Teppich präsent zu sein.
prisma: Was würden Sie Kindern – vielleicht irgendwann einmal Ihren eigenen – raten, die heute in diese Branche einsteigen möchten?
Henman: Ich würde meinem Kind niemals im Weg stehen. Mein Vater war Regisseur, und ich durfte es ja auch ausprobieren. Gleichzeitig sagte meine Mutter immer: "Mach' erst einmal dein Abitur und entscheide dann. Werde dir bewusst, warum du diesen Weg gehen möchtest." Genau so würde ich es auch handhaben. Erst einmal eine normale Kindheit erleben, eigene Erfahrungen sammeln und seinen Weg finden. Und wenn der Wunsch dann immer noch da ist, würde ich selbstverständlich unterstützen und helfen.
prisma: Rückblickend: Würden Sie selbst alles genau so noch mal entscheiden, wenn Sie die Wahl hätten?
Henman: Ich meine, einerseits ja und andererseits nein. Einerseits könnte ich vielleicht sofort in die Regie einsteigen. Andererseits möchte ich die Lebenserfahrungen, die ich bislang gewonnen habe, nicht missen. Das Tolle am Schauspiel ist, dass ich so viel erleben darf. Ich bekomme so viele Freifahrtscheine für Dinge, die ich im Alltag eigentlich nicht machen kann. Ich glaube folglich, ich würde alles genauso machen.
"Entscheidend war letztlich immer die eigene Leistung"
prisma: Kritiker sprechen in Bezug auf Ihre Karriere allerdings von "Vitamin B". Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, dass Herkunft Türen öffnen kann, die anderen verschlossen bleiben?
Henman: Das war früher schon ein Thema für mich. Mein Ego war größer, und ich wollte allen beweisen, dass ich meinen eigenen Weg gehe. Heute sehe ich das anders. Ich finde es sehr schön, mit den eigenen Eltern zusammenarbeiten zu können. Wenn die Zusammenarbeit so gut funktioniert wie bei uns und einen sogar noch enger zusammenschweißt, dann ist das eine echte Chance. Viele junge Schauspieler starten ohne Unterstützung in die Branche. Ich hatte das Glück, meinen Vater als Unterstützung zu haben. Am Ende musste ich die Castings aber trotzdem selbst bestehen. Mein Vater war "nur" Regisseur und kein bekannter Schauspieler, dessen Name mir Türen geöffnet hätte. Entscheidend war letztlich immer die eigene Leistung.
prisma: Haben Sie nun bestimmte Erwartungen an sich selbst, die mit Ihrem 30. Geburtstag verbunden sind?
Henman: Für viele Frauen ist das ein Thema. Für mich war es lange keines. Ich sehe noch sehr jung aus, weshalb das Alter für mich im Schauspiel bislang noch keine große Rolle spielt. Was sich verändert hat, ist mein Gefühl von Sicherheit. Ich fühlte mich noch nie so gefestigt wie heute. Das liegt vor allem an meiner Lebenserfahrung. Letzten Endes ist 30 auch nur eine Zahl. Ich genieße diese Phase gerade sehr. Wenn ich beim Einkaufen noch nach dem Ausweis gefragt werde, nehme ich das als Kompliment (lacht).
prisma: Haben Frauen Ihrer Generation mehr Freiheit oder mehr Druck, das Leben "richtig" zu leben?
Henman: Beides. Ich glaube, mit mehr Freiheit geht teilweise auch mehr Druck einher. Auch die Öffentlichkeit spielt eine Rolle. Es herrscht viel Druck, weil es einfach viele Vergleichsmöglichkeiten gibt. Andererseits gibt es auch mehr Möglichkeiten, laut zu sein, mehr Freiheit zu haben und um diese Freiheit zu kämpfen.
prisma: Woher nehmen Sie diese Selbstsicherheit?
Henman: Für mich war Kampfsport ein wichtiger Schlüssel. Ich betreibe ihn seit einigen Jahren, und er hat mich sowohl körperlich als auch mental gestärkt. Vor allem schafft er einen wichtigen Ausgleich zum Schauspielberuf. Als Schauspielerin tauche ich ständig in andere Rollen und Welten ein. Da kann ich mich schnell verlieren. Kampfsport holt mich zurück zu mir selbst. Ich begebe mich immer wieder in Situationen, die zunächst beängstigend wirken. Wenn ich dann merke, dass ich sie bewältigen kann, verändert das auch innerlich etwas. Genau das gibt mir viel Kraft und Selbstvertrauen.
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Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH