Warum Christopher Nolans „Die Odyssee“ kein Meisterwerk ist – eine Filmkritik
In Hollywood gibt es derzeit vermutlich kaum einen Filmemacher, dem die Stars so zu Füßen liegen wie Christopher Nolan (u.a. „Interstellar“, „Inception“ & „Oppenheimer“). Längst scheint sich etabliert zu haben: Wenn Nolan fragt, sagt man nicht nein. Das unterstreicht auch eine Anekdote, die der im Film stark aufspielende Robert Pattinson dem Magazin GQ erzählte. Als Nolan ihn anrief, habe er mit Blick auf das Drehbuch gesagt „Ich freue mich darauf, es zu lesen“. Daraufhin habe der Regisseur erwidert: „Du willst es lesen? Alle anderen haben einfach Ja gesagt”.
Wohl auch mit dem herausragenden Ruf, den Nolan in der Filmindustrie sowie bei vielen Filmfans genießt, lässt sich erklären, warum „Die Odyssee“ ein solches Schaulaufen der Stars geworden ist. Zum Cast zählen neben Robert Pattinson auch Zendaya und Tom Holland – das aktuell berühmteste Paar Hollywoods –, außerdem Matt Damon, Anne Hathaway, Charlize Theron, Jon Bernthal, Elliot Page, Mia Goth oder auch der US-Rapper Travis Scott als Barde.
Cast der Megastars und Nolans bislang bildgewaltigster Film: „Die Odyssee“
Mit diesem Cast verhält es sich wie mit einem zweischneidigen Schwert. Einerseits ziehen Stars wie Matt Damon oder Zendaya ein Massenpublikum an, andererseits stören sie nur allzu leicht die Immersion, also das vollkommene Eintauchen in eine Geschichte und ihre Welt. Das gilt vor allem für Schauspielerinnen und Schauspieler, die besonders für eine Rolle stehen (etwa Tom Holland für Spiderman) oder für solche, die aktuell in überbordend vielen Produktionen zu sehen sind (Zendaya).
Herausragende Schauspieler sind zweifellos dazu in der Lage, hinter ihrem Charakter zurückzutreten. Gleichzeitig können wir Zuschauer eine berühmte Schauspielerin für die Laufzeit eines Films oder einer Serie als einen anderen Menschen akzeptieren. Wenn jedoch ein Megastar nach dem nächsten über die Kinoleinwand schreitet, fällt das auf kurz oder lang schwer. Ob dieser prominente Cast deshalb das Filmerlebnis schmälert, ist jedoch subjektiv. Für die Qualität des Films notwendig ist er sicher nicht.
So oder so ist die „Die Odyssee“ ein filmisches Erlebnis. Ein Erlebnis, das unbedingt auf der großen Leinwand genossen werden muss. Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Nolan hat sein bislang bildgewaltigstes Werk geschaffen. Ob das Innere des Trojanisches Pferdes, der schaurig-groteske Zyklop Polyphem oder auch das Gewitter auf hoher See: „Die Odyssee“ ist voller Einstellungen und Szenen, die das Potenzial dazu haben, sich dauerhaft ins Gedächtnis einzubrennen.
Historische Musikinstrumente und eine überraschend alptraumhafte Odyssee
Nicht weniger eindrucksvoll als die Bilder präsentiert sich die Filmmusik von Ludwig Göransson, mit dem Nolan regelmäßig zusammenarbeitet. Für den Score zu „Die Odyssee“ griff Göransson auf historische, griechische Instrumente zurück, die gar nicht mehr vollständig existieren. Mithilfe von Historikern und Instrumentenbauern wurden sie rekonstruiert. Göransson kombiniert unter anderem das Zupfinstrument Lyra sowie die Doppelflöte Aulos mit düsteren, elektronischen Klängen. Göransson und Nolan bringen damit Antike und Gegenwart zusammen.
Besonders intensiv wirkt diese Mischung in den überraschend albtraumhaften Horrorszenen in „Die Odyssee“, die so wohl nur Wenige erwartet haben dürften. Diese fühlen sich mit Blick auf die Vorlage jedoch nur konsequent an: Ein blutrünstiger Zyklop oder auch eine Hexe, die Odysseus‘ Crew in Schweine verwandelt, sind zweifellos der Stoff, aus dem Albträume gemacht sind. Das weckt den Wunsch danach, Nolan möge doch eines Tages einen kompletten Horrorfilm inszenieren. Nach „Die Odyssee“ scheint dieser Traum vom Albtraum gar nicht so abwegig zu sein.
„Die Odyssee“ – Nolan-typisch komplex erzählt
Wer Nolans Filme kennt, der weiß um ihre Komplexität – und darum, dass der Regisseur eine Vorliebe dafür hat, mit dem Thema Zeit zu experimentieren. Auch in „Die Odyssee“ springt Nolan zwischen verschiedenen Zeitebenen und Erzählperspektiven hin und her, insbesondere in der ersten Hälfte des Films. Das passt hervorragend zu dem berühmten Epos, das dem Dichter Homer zugeschrieben wird. Auch in diesem wird die Handlung nicht chronologisch erzählt.
Sie setzt kurz vor der Rückkehr des Odysseus in Ithaka an, der nach dem zehnjährigen Trojanischen Krieg etwa zehn weitere Jahre fernab der Heimat verbringt. Rund sieben Jahre dieser Irrfahrt befindet er sich auf der einsamen Insel Ogygia bei der Nymphe Kalypso. Die Eroberung Trojas sowie die Stationen der Irrfahrt werden in Form von längeren Rückblenden oder aufblitzenden Erinnerungsfetzen erzählt.
Erzählerisch traut Nolan seinem Publikum viel zu – möglicherweise zu viel, denn die Zeit- und Perspektivensprünge können vor allem zu Beginn leicht zu Verwirrung führen. Obendrein nimmt „Die Odyssee“ uns nicht wirklich an die Hand. Ohne Vorwissen sorgen so manche Szenen für kleinere oder auch größere Fragezeichen – und die vielen Figuren tun ihr Übriges. Die grundlegende Handlung sowie die Beziehungen der wichtigsten Charaktere untereinander erschließen sich jedoch im Laufe der Zeit auch so.
Kein Ton für die Götter und die Mutter aller Heldenreisen
Die Verständlichkeit erschweren kann das Sounddesign. Nicht bloß visuell, auch der Ton kommt brachial daher. „Die Odyssee“ ist ein überaus lauter Film, bei dem sich Ton und Bild, aber auch die verschiedenen Tonquellen untereinander, einen Überbietungswettkampf zu liefern scheinen. Infolgedessen klagen manche Medienschaffende wie auch private Zuschauer darüber, dass die Original-Dialoge teilweise nur mit größer Mühe verstanden werden können – ein Vorwurf, der auch schon bei „Tenet“ (2020) geäußert worden war.
Mit Abstand am meisten leidet Nolans „Die Odyssee“ jedoch unter seiner Oberflächlichkeit. Sogar der Protagonist Odysseus bleibt etwas blass. Bevor der König Ithakas zusammen mit seinen Männern die Heimreise antritt, lernen wir ihn nicht wirklich kennen. Das liegt auch daran, dass die Handlung der Illias – also die Endphase des Trojanischen Krieges – kaum behandelt wird. Das ist nachvollziehbar, weil es sich eben um eine Verfilmung der „Odyssee“ handelt und die Laufzeit des Films ohnehin schon knapp drei Stunden beträgt.
Gleichzeitig fehlt dadurch jedoch ein wichtiger Teil der Charakterisierung des Odysseus. Die Geschichte von Odysseus gilt als eine der allerersten schriftlich festgehaltenen Heldenreisen der westlichen Literatur. Typisch für die Heldenreise, die der Mythenforscher Joseph Campbell wesentlich prägte, ist unter anderem, dass der Held sich zunächst ziert und seine Reise gar nicht antreten will. Das ist auch bei Odysseus der Fall, was Nolan jedoch auslässt.
Odysseus als noch zu klassischer Held
Das ist nur eines von mehreren Beispielen dafür, wie wenig vielschichtig Odysseus in Nolans „Die Odyssee“ gezeichnet wird. Zudem wird seiner Weiterentwicklung kaum Beachtung geschenkt. Während er anfangs noch besonders skrupellos und gewalttätig ist, wird aus ihm mit der Zeit ein empathischer und weitsichtiger Anführer. Das wird höchstens angeschnitten. Gleiches gilt für die die eigentlich zentralen Themen Heimat, Heimweh und Sehnsucht nach den Lieben, die sich deshalb emotional beim Publikum nur schwer übertragen können.
Denn dafür, dass die Rückkehr zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemachos der eigentliche Motor der Handlung im Epos ist, gibt Odysseus sich seiner Frau im Film unverständlich lange nicht zu erkennen. An der Stelle wird unangenehm deutlich, dass es sich eben doch um einen etwas überdramatisierten Hollywood-Blockbuster handelt. Zugleich wurde die Chance vertan, mit dem Irrglauben des strahlenden Helden aufzuräumen. Das hätte jedoch wesentlich dazu beigetragen, den Stoff sinnvoll in die Gegenwart zu überführen.
„Die Odyssee“ ist kein Meisterwerk – aber ein Segen für das Kino
Als moralisches Vorbild taugt Odysseus nämlich nicht, angesichts seiner Lügen und Betrügereien. Nolan vorzuwerfen, er verherrliche Odysseus, würde zu weit führen – allein schon wegen der Brutalität, mit der er sich gegen die Freier in Ithaka durchsetzt. Der Filmemacher verwehrt Odysseus jedoch beinahe jegliche charakterliche Tiefe, die dem enormen Umfang des Stoffes zum Opfer gefallen ist.
Ob man sich an den unauthentischen Rüstungen stört oder nicht, ist vermutlich sehr individuell. „Die Odyssee“ ist nun mal mehr ein Fantasy- als ein Historienabenteuer. Bei diesem von einem Meisterwerk zu sprechen – ein Wort, mit dem im Filmjournalismus aber auch unter Fans gerne mal um sich geworfen wird – würde die erzählerischen Schwächen des Films jedoch nicht berücksichtigen. Rein visuell oder auch mit Blick auf die Musik ist „Die Odyssee“ dagegen ein hochklassiges Erlebnis, das die Massen in die teils wirtschaftlich gebeutelten Kinos ziehen wird. Allein schon, dass Nolan nicht ständig vor Greenscreens, sondern überwiegend an echten Sets gedreht hat, ist ein Segen für das Kino des 21. Jahrhunderts.
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