Als am 21. Juni 1966 der Metzgergehilfe Jürgen Bartsch verhaftet wird, ist eine der spektakulärsten Mordserien der Nachkriegsgschichte geklärt, denn der 19-jährige missbrauchte und tötete von 1962 bis 1966 im Ruhrgebiet vier schulpflichtige Jungen. Kein Serienmörder aber hat sich so offen zu seinen Taten geäußert, kein Sexualstraftäter wurde von so vielen Gutachtern untersucht wie der 19-jährige Metzgergeselle. Im zweiten Prozess wurde das Urteil "Lebenslänglich" aufgehoben, Bartsch zu einer zehnjährigen Jugendstrafe verurteilt und in der psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt Eickelborn untergebracht, wo er am 5. Januar 1974 die Schwesterhelferin Gisela Deike aus Hannover heiratete. Beide wollten auch Kinder haben, doch dazu kam es nicht mehr. Um ihn von quälenden Schuldgefühlen und Mordfantasien zu befreien, schlugen die Ärzte eine Kastration vor. Bartsch willigte ein, starb bei der Operation aber an der falschen Dosierung des Narkosemittels Halothan.

Ein bemerkenswertes Langfilmdebüt des Regisseurs Kai S. Pieck, der hier einen der spekakulärsten Kriminalfälle der Nachkriegsgeschichte zu einem sehenswerten Drama mit nicht immer überzeugenden Hauptdarstellern inszenierte. Sebastian Urzendowsky und Tobias Schenke verkörpern den jugendlichen, später erwachsenen Bartsch unaufdringlich, aber zum Teil - besonders Schenke - auch leblos in ihrem Spiel. Als Grundlage diente Pieck das Buch "Jürgen Bartsch: Opfer und Täter - Das Selbstbildnis eines Kindermörders in Briefen" von Paul Moor, in dem der des amerikanische Journalist seinen Briefwechsel mit Bartsch dokumentiert. Gelungen allerdings die Mischung aus Realität und Fiktion, so setzt Pieck etwa auf das Mittel einer fiktiven Therapiesitzung, die mit einer Videokamera aufgenommen wird, in der Bartsch Auskunft über sein Leben gibt. Unterbrochen wird dieser Monolog durch eine Reihe von szenischen Rückblenden, die das Erzählte - Erinnerungen an Kindheit und Jugend in den 50er- und 60er-Jahren sowie die einzelnen Morde - illustrieren. Versprengt finden sich auch Einblendungen von Bartschs Tagebucheintragungen mit Selbstreflexionen wieder. Mit Hilfe diverser Montagetechniken nähert sich der Film der Persönlichkeit Bartschs ausschließlich aus dessen Perspektive an, ohne Kommentar von außen. Merkwürdig allerdings, dass das Drama erst im September 2004 in die Kinos kam, im TV lief es bereits im Oktober 2003.

Foto: Salzgeber