Es zieht sie in die Berge. Wo die eisigen Winde ­wehen und kniehoch Schnee liegt. Hoch hinaus auf den Zauberberg, der Erlösung verspricht und Verderben bringt. Hanns & Jürgen scheinen in Schuld & Wahn aneinander gekettet zu sein. ­Beide sind nicht mehr ganz bei sich, Jürgen, der Junkie und ­Beinahe-Mörder, und Hanns, das ­Beinahe-Opfer. Von Jürgen (spricht im Wiener Gossen-Slang) wissen wir nicht einmal, ob er im wirklichen Film noch unter uns weilt. Von Hanns (spricht im vernuscheltem Hochdeutsch) wissen wir, dass er im Fieber halluziniert. Und dass er jeden ­Augenblick abnippeln könnte. Jürgen hatte ein Kindergarten-Kind als Geisel genommen. Und dann hat er, im Chaos einer Polizeiaktion, dem Kommissar in die Brust geschossen. Knapp übers Herz. So was verbindet.

Im Krankenhaus sehen wir sie nebeneinander im Bett liegen, erleben, wie Jürgen in Jesus-Haltung vom Kreuze grüßt, und ­hören seine Kommentare zu den laufenden Ermittlungen. Ermittlungen? Ja, ganz nebenher und in Momenten, die weder von Fieber noch von Jürgen beeinträchtigt werden, geht Kommissar Hanns von Meuffels zwei rätselhaften ­Todesfällen in dem Münchner Krankenhaus nach, in dem er sich gerade von seiner Schussverletzung erholen soll. Der Leser merkt: Ein "Tatort" mit seinen Volkstheater-Stereotypen ist das nicht. Keine Verabredung, von der man weiß, wie sie ausgeht. Dem "Polizeiruf 110" stehen unbeackerte Felder und frischere Erzählweisen offen. Die Folge "Fieber" (Regie Hendrik Handloegten) nutzt das mit feiner Lust an der ­Absur­dität und filmischer Konsequenz. Matthias Brandt spürt unter dem Einfluss von Schmerzmitteln seinem Verdacht gegen die Klinik nach. In Begleitung seines ­Infusionstropfes schlurft er patientenschrittig durch labyrinthische Flure und gerät in Gefahr, doch noch um die Ecke gebracht zu werden, diesmal unter ärztlicher Aufsicht. Als hätte sich Fernseharzt Dr. House in Kafkas Schloss verirrt. Die Realität verschwimmt. Wo bleibt Jürgen? Der ­Zauberberg ruft. Aber die Leichen, das wissen wir Fernseh-­Kriminologen, liegen immer im Keller. Detlef Hartlap

Foto: BR/die film gmbh/Jacqueline Krause-Burberg