Der gute alte Spaziergang droht aus der Mode zu geraten – dabei ist er perfekt geeignet, unserem oft rasanten Alltag etwas entgegenzusetzen. Ein Plädoyer.

Rund ein Drittel der Deutschen vermisst sich selbst – mit einem Fitness-Tracker, einer Art Armbanduhr, die zurückgelegte Schritte, verbrannte Kalorien und andere Daten vermisst und auswertet. Daraus können beeindruckende Statistiken entstehen. Zum Beispiel diese: 2017 haben wir hierzulande rund 143 Millionen Euro für solche Geräte ausgegeben – Tendenz steigend. Und 2016 haben alle Nutzer der Fitness-App "Runtastic" zusammen 1.660.403.576.202 Meter zurückgelegt – die 21-fache Strecke von der Erde bis zum Mars. Doch worüber all diese Zahlen nichts aussagen: wie es den Menschen dabei ging.

Während Bewegung heute oft ein Ziel verfolgen soll, war der Sonntagsspaziergang lange Zeit das genaue Gegenteil: ein Ausflug ohne Ziel. Was nicht bedeutet, ohne Zweck. "Ich kann nur beim Gehen nachdenken. Bleibe ich stehen, tun dies auch meine Gedanken", schrieb der Philosoph Jean-Jacques Rousseau einst und war damit in guter Gesellschaft. Schon Artistoteles gab seine Philosophie im Gehen weiter – seine "Peripatetiker" trafen sich in einer Wandelhalle, um über Götter und Welten zu philosophieren.

Je langsamer, desto besser

An dem Phänomen, dass Gehen die Gedanken beflügelt, hat sich bis heute nichts geändert – es sind sogar neue Trends daraus entstanden. Der Künstler und Philosoph Thomas Schütt etwa hat gemeinsam mit Elke Schmid, einer "Trainerin für die Kunst des Gehens", das Projekt "École flâneurs" ins Leben gerufen – eine Art Flaneurs-Club, in dem sie mit Gleichgesinnten die Stadt erkunden. Je langsamer, desto besser. "Ich denke, je schneller du gehst, desto mehr nimmst du nur das Hässliche wahr", so Schmidt in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. "Wenn du langsam gehst, also wie beim Flanieren, transformiert sich vieles auch in was Schönes oder du entdeckst plötzlich was Schönes in Kleinigkeiten, die du so gar nicht siehst."

Dieses Entdecken hat seinen Niederschlag sogar in den Wissenschaften gefunden. In Kassel beispielsweise hat Martin Schmitz den "Annemarie- und-Lucius-Burckhardt-Lehrstuhl" inne – er ist "Spaziergangswissenschaftler" oder auch "Promenadologe". Was zunächst belustigend klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Denn aus dem Spazieren entsteht ein ganz eigener Blick auf die Umgebung – und der kann beispielsweise Stadt- oder Verkehrsplanung in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen.

Waldspaziergänge entspannen

Und zu guter Letzt – und damit schließt sich der Kreis – ist das Spazierengehen auch der Gesundheit zuträglich: ganz besonders in der Natur. "Die Seele wird vom Pflastertreten krumm", schrieb schon Erich Kästner und ergänzte: "Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um. Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm. Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden." Eine Tatsache, die Wissenschaftler bestätigen: Auch das Gehen verbrennt Kalorien, dazu genügen 3000 Schritte täglich zusätzlich, um das Risiko einer Arterienverkalkung und damit auch eines Herzinfarkts und Schlaganfalls deutlich zu senken. Besonders heilsam: Waldluft.

Ebenso erwiesen: Waldspaziergänge entspannen – schon nach fünf Minuten. Studien zufolge sollen sie zudem das Selbstwertgefühl und die Stimmung heben sowie Stress abbauen, erst recht, wenn am Weg ein See liegt oder ein Bach plätschert. Insofern mag er ein wenig altbacken wirken, von gestern aber ist der Sonntagsspaziergang noch lange nicht.