Der "Lake District" im Nordwesten Englands ist ein Traumland für Wanderer. Man wandert tagelang hügelauf, hügelab. Sechs Meilen (knapp zehn Kilometer) sind unter diesen Umständen ein ordentliches Tagespensum. Wenn nicht gerade Hochsommer herrscht (der in dieser Gegend ohnehin selten spürbar wird), begegnet man deutlich mehr Schafen als Menschen.

Den Wanderer umgarnen Eindrücke, Erinnerungen, vielleicht Musikfetzen ... Was vorher bedrückend auf der Seele lag, hier kann man es vergessen.

Man fühlt sich in Thomas Hardys "Am grünen Rand der Welt" versetzt, also ins 19. Jahrhundert, oder in Emily Brontës „Wuthering Heights“, wenngleich beide Romane in anderen Teilen Englands spielen.

Wandern als Begegnung mit Natur und Literatur, mit Schicksal und Geschichte. Im Lake District ist Historie an 2000 denkmalgeschützten Häusern nachvollziehbar oder auch am Westende des Hadrianwalls, den die Römer einst gegen die wilden Kelten zogen.

Je härter, desto lieber. Auf dem "GR34" in der Bretagne (Frankreich) gelangt man ans Ende der Welt. Im "Finistère", dem finis terrae, begegnet der Wanderer keltischen Märchen, der Erinnerung an den Kampf gegen Nazi-Deutschland und der (erfolgreichen) Résistance der Bretonen gegen ein Atomkraftwerk.

Um einen Fernwanderweg wie GR34 mit der schönen Crozon-Halbinsel zu erkunden, braucht man viel, viel Zeit. Hat man sie, wird das Gehen über kurz oder lang zu einem Weg in die erste Person Einzahl, zur Selbstin spektion vor Landschaft. Gehen um des Gehens willen. Selbstverständlich ist das nicht, es zeugt vielmehr von einer bemerkenswerten Karriere, die das Wandern wie auch das Laufen gemacht haben.

Denn am Anfang war die Last. Bevor aus Laufen Lust wurde, lief der Mensch um sein Leben. Irgendwo draußen in der Savanne starb ein Tier. Da hieß es schnell sein, vor den Geiern ans Fleisch kommen, und vor den Hyänen!

Der Mensch lief, weil er Nahrung brauchte, weil er sich nach Fleisch verzehrte. Mit dem Aufbruch aus dem afrikanischen Paradies, was mit Tse tsefliege und Malariamücke zu tun hatte, wurden die Wege lang und länger, begann der große Aufbruch zur Erkundung der Welt. Der Europäer ist ein Afrikaner, der vor Zeiten über Asien einwanderte.

Prinzipiell ist der Mensch immer und jeder Zeit auf den Beinen, aus Not, aus Neugier, auf der Flucht oder auf der Suche nach sich selbst. Zu gehen ist eine menschliche Grundbedingung. Erst die Motorisierung hat sie partiell außer Kraft gesetzt.

Die Steinzeitfrau, die zwischen Schwarzwald und Jütland pendelte, wanderte nicht aus Freude am Gehen. Auch Ötzi, den vor Jahren ein Gletscher freigab, schleppte seinen Korb nicht zum Spaß. Wandern war Mühsal und geschah aus Notwendigkeit.

Wie anders heute, wenn ein Joschka Fischer zum Marathoni wird und den "langen Lauf zu mir selbst" antritt. Die frühen Menschen liefen, um was zu beißen zu bekommen, die heutigen laufen, um ein gutes Gefühl zu haben und abzuspecken. Wenigstens vorübergehend.

Martin Luther ging für seine Ausbildung von Mansfeld nach Erfurt und zurück. Natürlich zu Fuß. Für ein Pferd waren die Luthers zu arm.

Auf dem weiten Weg durch Mitteldeutschland schnappte Sohn Martin Ausdrücke und Sprachwitz in so reichem Maße auf, dass sein Deutsch prägend wurde. Gehen als Sprachschule.

Der Mensch ist zum Gehen geboren, seine wichtigsten Werkzeuge neben den Händen waren die Füße. Aber er ging, weil er gehen musste.

Das hat sich ins Gegenteil verkehrt. Der Moment, da das Wandern von der Last zur Lust wurde, lässt sich ziemlich genau bestimmen. Im späten 18. Jahrhundert konnte es sich das selbstbewusste Bürgertum erlauben, ohne Sinn und Zweck zu wandern. Einfach so.

Man zog los, um was zu erleben. Um sich zu bilden, wie vordem Luther, nur dass dessen Wanderung durchaus einen Zweck verfolgt hatte, nämlich das Studium in Erfurt.

Die Bürgersöhne hatten eher geringe Lust auf Bücherwissen. Sie zog es nach Italien oder nach England. Ihre Bildungsreisen dienten der Horizonterweiterung und ungefährlichen, weil nicht unbedingt verpflichtenden sexuellen Abenteuern.

Das Wandern als Initiation für Sprösslinge aus Familien, die es sich leisten konnten.

Der Sachse Johann Gottfried Seume (1763–1810) war von anderem Holz. Sein "Spaziergang nach Syrakus", 1802 veröffentlicht, ist ein Dokument soziologisch genauer Beobachtung und frischen Freiheitsdrangs.

Seumes Ungebundenheit (als Soldat hatte er auch die Karikatur des Wanderns, das Marschieren, erlebt) war Auslöser für eine Erscheinung des 19. Jahrhunderts, das Vagabundentum. Die Ausgestoßenen einer neuen industriellen Welt, die den Menschen immer mehr einengte, prägten ein eigenes Bild vom Umherziehen.

Wandern ist, wie man in den USA sagt, "deep travel", Bewegung mit allen Sinnen, um wieder zu Sinnen zu kommen.

Laufen ließe sich eher mit einer Flucht vergleichen, Flucht vor lässlichen oder gefährlichen Sünden. Weswegen die Flucht auch niemals enden darf, Weil Stillstand nur den Sünden hilft.

Ötzi war ein eisenharter Kerl, weil das Leben ihm keine Wahl ließ. Heute wandern und rennen wir, gern auch extrem, weil das automatisierte Leben ein Weichmacher ist und wir doch gern hart wie Ötzi wären.

Wenn wir dabei an Orte wie den Lake District, GR34 oder auf deutsche Steige gelangen, umso schöner!