Zwei Wochen Urlaub, davon ein paar Tage auch ohne Zugriff auf jegliche digitalen Helfer. Und viel lesen wollte ich. Aber gedruckte Bücher, ganz herkömmlich also. "Oldschool" nennt man das wohl. Ich finde das aber nicht, denn Zeit für ein gutes Buch gibt es immer. Diese vier Bücher habe ich gelesen – hier meine Eindrücke für Sie:

"Gebrauchsanweisung für Südtitrol" (Reinhold Messner): Bergsteiger, Bergbauer, Grenzgänger, Politiker, Autor – wer ist er eigentlich, dieser Reinhold Messner? Ich finde er ist extrem. In vielerlei Hinsicht. Aber ich finde ihn total spannend, vor allem im Hinblick auf seine Liebe zu seiner wunderschönen Heimat Südtirol, die ich selbst gerne bereise. Das zeigt Messner in vielen seiner Bücher, ganz besonders gut aber in diesem. Im Kapitel "Mein Südtirol" wird deutlich, was genau er für so schützenswert an seiner Heimat hält: das Leben und die Arbeit der Bergbauern. "Leider hören die Bauern in Südtirol viel zu sehr auf die Touristen und Politiker und zu wenig auf sich selbst", schreibt er. "Was Bergbauern produzieren, ist weniger wichtig als das, was sie an landschaftserhaltender Arbeit leisten: Sie pflegen Trinkwasserquellen, Kultur und Landschaft." Hierfür kämpft Messner und beschreibt in diesem Buch auch, wie er selbst versucht beispielhaft voranzugehen. So auf seiner eigenen Burganlage Juval. Er schreibt: "Juval ist der Versuch, lokale und exotische Kultur, bodenständige Landwirtschaft und Tourismus miteinander zu verzahnen." Ein Ausflug dorthin lohne sich immer. Laut Messner könne anderswo in Südtirol vielerorts besichtigt werden, wo Landwirtschaft lediglich als Ressource für den Tourismus verstanden werde.

Doch genug der kritischen Messner-Töne. Ich empfehle Ihnen dieses Buch zu lesen, bevor Sie nach Südtirol reisen. Denn so erfahren Sie, weshalb der Südtiroler besonders stolz auf seine schöne Heimat ist, was Autonomie in dieser dreisprachigen Region bedeutet oder weshalb die Südtiroler so unglaublich gerne ihre Gäste verwöhnen.

  • Reinhold Messner: "Gebrauchsanweisung für Südtirol", erschienen bei PIPER
  • Erstveröffentlichung 2010, inzwischen 6. Auflage
  • 224 Seiten, Flexcover mit Klappen, 15 Euro, EAN 978-3-492-27599-6
  • eBook: 12,99 Euro, EAN 978-3-492-95044-2

"Einwurf" (Toni Schumacher): "Das ist kein typisches Fußballbuch", sagte mir Toni Schumacher direkt zu Beginn unseres Gespräches. Wir haben uns getroffen, um über sein Buch zu sprechen, über seine Sicht auf den Fußball und ein Stück weit auch über ihn als Privatperson.

Zugegeben: Ich bin total sportbegeistert und auch großer Fußballfan. Deshalb habe ich jetzt auch zu diesem Buch gegriffen. Doch schnell wurde mir klar: Dieses Buch ist auch für diejenigen interessant, die der Fußball nicht so sehr interessiert. Vielleicht weil er ihnen zu kommerziell erscheint oder weil sie mit Millionentransfers nichts anfangen können. Toni Schumacher schreibt sehr transparent über seine Erlebnisse. Zum Beispiel was damals geschah, 1987, als er sein erstes Buch "Anpfiff" veröffentlichte. In "Anpfiff" sprach er über Doping, über Unarten im Fußball, er packte aus. Sein damaliger Verein, der 1. FC Köln, entließ ihn sofort. Schumacher stand plötzlich ohne Verein da.

"Einwurf" erschien vor zwei Jahren, 2017, also 30 Jahre nach "Anpfiff". Es ist eine Aneinanderreihung von 23 Kapiteln. Eigentlich kann jedes für sich einzeln stehen. Das kann man gerne kritisieren, wenn man ein Fan ist von einem chronologischen Aufbau eines Buches. Man kann es aber auch sympathisch finden, wenn man es mag, dass ein Autor einen glaubhaft teilhaben lässt an seinen Erlebnissen. Ich gehöre eher zu letzteren Zielgruppe. Schumacher selbst sagt: "Ich kann nur offen schreiben. Denn so bin ich halt." Und so gibt er Einblicke in seine Gedanken über die Ausbildung und Entwicklung junger Fußballspieler, über sein Mitleid mit einst erfolgreichen Fußballern, die den Schritt in das Leben nach der Karriere verpasst haben oder in seine Aufgabe als ehemaliger Vizepräsident des 1. FC Köln. "Besonders mit Blick auf Kinder und Jugendliche müssen wir deshalb auf die Vorbildfunktion setzen, die der populärste Sport der Welt ausfüllen muss (…)", schreibt Toni Schumacher.

Ein Buch so kurzweilig wie der Fußball selbst, so offen wie der Mensch Toni Schumacher und so breit wie alles, das sich nur um den Fußball ranken kann. Gut zu lesen, auch ein wenig zum Schmunzeln, nicht nur für Fußballfans.

  • Toni Schumacher: "Einwurf – Wahrheiten über den Fußball und mein Leben", erschienen bei Heyne
  • Erstveröffentlichung 2017
  • Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-453-20154-5
  • eBook: 15,99 Euro, ISBN: 978-3-641-21613-9

"Nächste Ausfahrt Zukunft" (Ranga Yogeshwar): Im Zuge unserer Recherchen für unsere Digitalserie in prisma stieß ich auf Ranga Yogeshwar. Den Physiker, den viele als außerordentlich pfiffigen Wissenschaftsjournalisten zahlreicher Fernsehsendungen kennen (z.B. "Quarks & Co.", "Wissen vor acht"). Ich rief ihn an, wollte mich für ein Interview zu digitalen Entwicklungen mit ihm verabreden. "Lesen Sie doch einfach einmal mein aktuelles Buch, da steht alles drin", sagte er mir ganz selbstbewusst. So kennt man ihn. Jetzt, wo ich "Nächste Ausfahrt Zukunft" gelesen habe, muss ich sagen: Ja, er hat recht. Hier ein kleiner Blick ins Buch:

Ranga Yogeshwar nimmt uns mit in die Welt. Nach Tschernobyl zum Beispiel, wo er unter anderem die ehemaligen Reaktorgebäude besucht hat und von "einer Reise durch die Vergangenheit" spricht. "Einige Kontrollräume sind nahezu museal. Die technischen Anzeigen, die Knöpfe und auch die Telefone stammen aus einer längst vergangenen Epoche." Später im Buch schreibt er über seine Kinder, die zur "Generation der Digital Natives" gehören. Aufgewachsen seien sie "mit all den Annehmlichkeiten einer modernen Digitalwelt; mit Internetanschluss, mit Navigationsgeräten, mit ewig bereiten Smartphones und mit der seltsamen Vorstellung, dass das Internet auf jede Frage eine passende App bereithält. Sie zählen zur Daumengeneration und befragen damit ihre Bildschirme oder kontaktieren ihre Freunde." Ein herrliches Bild, das Ranga Yogeshwar da zeichnet – "Daumengeneration"! Diese Kontraste machen das Buch so interessant. Und wenn Yogeshwar dann schreibt, Smartphones seien für viele von uns fast so etwas wie ein Teil des Körpers geworden, dann hält er uns damit eindrucksvoll den Spiegel vor. Nicht aber ohne direkt auch zu erklären, welche Chancen und auch Risiken mit dem digitalen Wandel einhergehen.

Ein Buch für alle, die gerne in der Breite mehr wissen möchten über die schnelllebigen digitalen Entwicklungen. Für alle die Sorgen haben, diese aber nicht in Abneigung wandeln. Und für alle die Chancen sehen, sich in diese aber nicht blind hineinstürzen.  

  • Ranga Yogeshwar: "Nächste Ausfahrt Zukunft – Geschichten aus einer Welt im Wandel", erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (KiWi)
  • 2019, Taschenbuch, 432 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978-3-462-05291-6
  • eBook: 9,99 Euro, ISBN: 978-3-462-31783-1

"Was wollen die denn hier?" (Lucas Vogelsang, Joachim Król):

Dieses Buch sprach mich von seinem Cover her direkt an: Wie er da so sitzt, der Joachim Król. Auf der Bank einer alten Bushaltestelle, direkt neben Lucas Vogelsang, dem Autor dieses Buches. Ganz ehrlich: Vogelsang kannte ich nicht, Król schon. Unzählige Tatort-Folgen, "Der bewegte Mann" oder "Wir können auch anders …" – sein Gesicht ist bekannt, seine Schauspielkunst erst recht. Und jetzt ein Buch. Ein Buch passend zum 30. Geburtstag des Mauerfalls. Die beiden nehmen uns mit auf eine Reise von West nach Ost, ein bisschen entlang der ehemaligen Grenze, aber auch ein bisschen mittenrein in die Vergangenheit.

Los geht alles in Bochum. Dort treffen Król und Vogelsang die ehemalige DDR-Polizistin Ursula Thom. Heute ist sie Rentnerin, damals floh sie in den Westen, verkaufte unter anderem Bausparverträge. Aber nicht dort, sondern wiederum im Osten. In ihrer alten Heimat. Weil sie als Neu-Wessi ja wusste, wie die Ossis ticken. Und so reisen Król und Vogelsang weiter, stoßen dabei immer wieder auf neue Geschichten. Auf ein privates Museum voller DDR-Polizeiuniformen zum Beispiel. Später treffen sie am Berliner S-Bahnhof Bellevue Schauspieler Horst Krause. In einem Restaurant im Bogen unter den Gleisen sitzen sie beisammen. Für Joachim Król ist schnell klar: „Hier sah es vor 30 Jahren nicht anders aus.“ Erinnerungen kommen hoch: "Gleich kommt ganz sicher Günter Pfitzmann durch die Tür oder zumindest Eberhard Diepgen." Król und Krause kennen sich gut. Als Kipp und Most spielten sie 1993 in Detlev Bucks Erfolgsfilm "Wir können auch anders …" Und wieder kommen Erinnerungen hoch.

Ein wenig schwer bin ich in das Buch reingekommen. An den Schreibstil von Lucas Vogelsang musste ich mich erst gewöhnen: sehr ausgefeilt, sehr wortgewaltig. Doch die Geschichten, die er aufschreibt, haben es in sich. Zusammen bilden sie eine Art kleines Geschichtsbuch über Ost und West, früher und heute. Sehr realitätsnah. Aber nie belehrend. Der Griff zu diesem Buch lohnt sich!  

  • Joachim Król, Lucas Vogelsang: "Was wollen die denn hier? – Deutsche Grenzerfahrungen", erschienen bei Rowohlt
  • 2019, Hardcover, 272 Seiten, 20 Euro, ISBN: 978-3-498-07071-7
  • eBook: 14,99 Euro