Das große Turnier in Aachen bietet Besuchern einen innovativen Service.

Es sind längst nicht mehr nur Fans des Pferdesports, die den CHIO Aachen besuchen. Inzwischen zählt das offizielle Turnier der Bundesrepublik Deutschland jedes Jahr rund 350.000 Gäste. Davon ist ein großer Teil Eventpublikum – Besucher, die in ihrer Freizeit auch zu vergleichbar populären Veranstaltungen wie dem DFB-Pokal oder der Formel 1 gehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel war ebenfalls schon dabei.

"Der CHIO hat sich zu einer der größten Sportveranstaltungen bundesweit entwickelt", sagt Niels Knippertz vom CHIO Aachen. "Wir akkreditieren jedes Mal rund 800 Journalisten, die Veranstaltung wird in mehr als 140 Länder übertragen. Das macht anderen großen Freizeitangeboten Konkurrenz."

Ein Grund: das wachsende digitale Angebot rund um das Event. Nicht einfach im Internet ein paar Infos vorhalten, sondern vor allem die komplizierteren Regeln der Reitsportdisziplinen transparenter machen und Interaktionsmöglichkeiten schaffen – das ist laut Knippertz seit Beginn der 2000er-Jahre das Ziel.

Virtueller Flug über das Gelände

Erster Meilenstein in der digitalen Geschichte des CHIO war der virtuelle Nachbau des Vielseitigkeitsparcours. "Er führt neben dem großen Stadion durchs Gelände – ein Höhepunkt der Disziplin", sagt Knippertz. Basierend auf Geo-Daten entstand ein naturgetreues Areal, das Zuschauer am Computer aus der Perspektive des Reiters erleben und durch das sie Hindernisse aus allen Perspektiven betrachten können. Knippertz: "Das gibt ihnen einen ganz anderen Eindruck von dem Sport und der Leistung der Sportler."

In den Folgejahren entwickelten die Verantwortlichen das System weiter. Beim Kartenerwerb über die Website können sich Käufer schon vor Veranstaltungsbeginn virtuell ins Stadion setzen. "Wir lassen es nach und nach digital weiterbauen, das eröffnet unendlich viele Möglichkeiten", sagt Knippertz. Man hebt das Dach ab, um ins Stadion zu blicken, oder fliegt virtuell über das Gelände. "Das Turnier ist nur zehn Tage im Jahr. Digital nutzen wir die restliche Zeit, um das Stadion vorzustellen."

Seit 2012 erweitert eine App das digitale Angebot. Dank kostenfreien WLANs auf dem CHIO-Gelände lässt sie sich auch während der Veranstaltung vor Ort nutzen. "Wir wollen Transparenz und Teilhabe ermöglichen", sagt Knippertz. Ein Beispiel: das Dressurreiten, die am schwersten zu verstehende Disziplin beim Turnier. "Laien sehen keinen Unterschied zwischen den Leistungen für Platz eins und Platz zehn. Deshalb haben sie die Möglichkeit, via 'CHIO Aachen Dressurradio' zugeschnittene Kommentare von Experten anzuhören. Die laufen auf einer auf das Stadion abgestimmten Frequenz."

Auch die "Judging App", entwickelt mit dem offiziellen Technologiepartner SAP, erhöht das Verständnis und erleichtert damit den Zugang zum Pferdesport. Mit ihr vergeben Zuschauer in Prüfungen der Disziplinen Dressur und Voltigieren live Noten für die Turnierteilnehmer – parallel zu den Juroren. Ihre Beurteilung können sie in Echtzeit mit denen der Richter vergleichen.

"Oft liegen die beiden Seiten gar nicht weit auseinander", sagt Knippertz. "So gibt es sowohl einen offiziellen Sieger als auch einen Sieger der Herzen."

Ideen aus dem Profi-Fußball

In der Disziplin "Vielseitigkeit" sind die Reiter seit zwei Jahren mit Trackern ausgerüstet. Die Chips sammeln Daten und übersetzen sie in optische Bilder, die wiederum mit dem angereichert werden, was die Helmkamera der Reitsportler filmt. "Das ist fast wie bei einem Videospiel. Man meint, selbst auf dem Pferd zu sitzen", beschreibt Knippertz den Effekt. Zuschauer sehen Zwischenzeiten, das Höhenprofil der Strecke, den Herzschlag der Reiterin, eventuelle Abweichungen vom Reiterplan.

2016 gab es erste Tracking-Tests für die Disziplin Spingreiten. Kameras folgen den Reitern und übersetzen alles, was diese im Parcours tun, in Daten. "Damit kann man zahlreiche Infos gewinnen, etwa sieht man, wer beim Stechen in Führung ist, und hat auf Wunsch den direkten Vergleich zum Konkurrenten", erklärt Knippertz. "Solche digitalen Spielereien machen das Ganze transparent und faszinierend: Man schaut gebannt auf den Monitor und wird neugierig."

Auch aktuell sind Knippertz zufolge Weiterentwicklungen in Gang. In vielen Bereichen sind die CHIO-Veranstalter Pioniere, lassen Ideen vor allem aus dem Profi-Fußball an ihre Ansprüche anpassen. Bisher gibt es, wie Knippertz vermutet, eine derartige Bandbreite an digitalen Erweiterungen bei keinem anderen Sportereignis.

"Wir wollen zusätzliche Spaßfaktoren in die Veranstaltung bringen und mit dem Publikum kommunizieren. Das eigentliche Erlebnis ist und bleibt aber das Analoge: Eine Preisverleihung unter Flutlicht im ausverkauften Stadion hat etwas Besonderes. Besucher sind immer wieder überrascht von den Dimensionen, der Atmosphäre und der tollen Stimmung."