Das Internet als Ort zum Trauern? Das ist erst einmal schwer vorstellbar – und doch längst Realität, wie Sabine Landes vom unabhängigen Infoportal "digital.danach" zeigt.

Das Internet hat inzwischen einen festen Platz im Alltag der meisten Bundesbürger und ist nicht mehr wegzudenken. Egal, ob wir E-Mails schreiben, in Onlineshops einkaufen, nach Produkt- und Arztbewertungen suchen oder uns mit Mediatheken oder Online-Magazinen unterhalten – das Internet ist uns ein wichtiges Kommunikations- und Recherchemittel geworden. Und auch zum Trauern wird das Internet heute von vielen genutzt.

Beratungsangebote als Selbsthilfe

Tatsächlich suchen viele Menschen im Netz nach Informationen rund um Sterben, Tod und Trauer. Und das Angebot ist groß: Neben einschlägigen Seiten von Bestattungsunternehmen und Trauerexperten gibt es inzwischen viele Beratungsangebote im Internet. Ein Beispiel ist die Online-Beratungsstelle für trauernde Jugendliche und Kinder "Young- Wings (www.youngwings.de). "Betroffene Kinder und Jugendliche können sich über unser Portal jederzeit an uns wenden, egal wie lange der Tod des Menschen, um den sie trauern, zurückliegt. Wir begleiten sie anonym und kostenlos", erklärt die Vorstandsvorsitzende der "Nicolaidis YoungWings Stiftung", Martina Münch-Nicolaidis.

Die Hürde, sich Hilfe zu holen, ist im Netz niedriger. Das Gleiche gilt für den Austausch mit anderen Trauernden. In digitalen Trauergruppen oder -foren finden Menschen mit ähnlichem Schicksal unabhängig von Zeit und Ort zusammen – und stehen sich bei.

Darüber hinaus nutzen viele das Internet, um von ihrer Trauer zu erzählen. Ein Beispiel dafür ist Silke. Der Name ihres Internettagebuchs "In lauter Trauer" ist Programm: Sie berichtet auf www.in-lauter-trauer.de vom Verlust ihres Lebensgefährten und ihrem Alltag ohne ihn. Hunderte lesen mit. Und das ist nicht neu. Menschen haben Medien schon immer genutzt, um Trauer auszudrücken. So füllen Bücher mit persönlichen Verlustgeschichten ganze Regalbretter und auch in Film und Fernsehen begegnet uns das Thema.

Das eigene Sterben bewältigen

Auch die Gastwirtin Nina Zacher spricht über den Tod: Sie erzählt öffentlich von ihrem eigenen Sterben. Das wirkt zwar befremdlich, ist aber kein Internetphänomen. So ist Nina Zacher Ende 2015 zu Gast bei Markus Lanz. Wenn man die junge Frau in der Sendungsaufzeichnung im Studiosessel sitzen sieht, merkt man ihr erst nicht an, wie schlecht es bereits um sie steht. Als sie dann von ihrer Krankheit ALS erzählt, vom rapiden Abbau ihrer Muskeln, ist man zusammen mit dem Publikum und den anderen Studiogästen sehr betroffen.

Ein Dreivierteljahr später ist Nina Zacher tot. Von ihrem Sterben erzählt sie auch in kurzen Videos auf YouTube und in Texten auf ihrem Facebook-Profil. Nach ihrem Tod nimmt dort ihr Mann und der Vater von vier gemeinsamen Kindern Abschied von seiner Frau. Tausende nehmen Anteil und drücken ihr Mitgefühl aus.

Erinnern im Netz

Auch Dr. Rainer Liepold, evangelischer Pfarrer, weiß von einem Fall aus seiner Gemeinde zu berichten: "Ich erinnere mich an eine relativ junge Frau, die am Ende durch Drogen ums Leben kam. Ihre Mutter hat Bilder ins Netz gestellt, Kerzen für sie angezündet, und ich war beeindruckt, wie unglaublich viele Menschen darauf reagiert haben. Die Mutter hat mir berichtet, dass ihr die Vernetzung, diese Rückmeldung von anderen, auch von Menschen, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind, sehr gutgetan hat."

Und es gibt zahlreiche weitere Möglichkeiten, wie Hinterbliebene im Netz der Verstorbenen gedenken. Sie programmieren Erinnerungsseiten, schalten digitale Traueranzeigen oder nutzen Gedenkseitenportale. Die Seiten sind oft liebevoll mit Fotos und Abschiedsworten gestaltet. Natürlich können sie kein Grab und keine Bestattung ersetzen, aber sie können helfen, die räumliche Entfernung zwischen Familienmitgliedern und Freunden zu überbrücken. So entstehen digitale Erinnerungsorte, die von überall aus besucht werden können, auch von gesundheitlich eingeschränkten Menschen.

All das zeigt: Zwischenmenschlicher Umgang endet nicht vor der Tastatur, sondern setzt sich genau dort, im Netz, fort. Es ist ein Raum, in dem wir arbeiten, handeln, einkaufen, kreativ sind, spielen – und eben auch ein Raum, in dem wir trauern.