Dass Bahnfahren ein echtes Vergnügen sein kann, beweisen diese Strecken – vom Schweineschnäuzchen bis zur Schwarzwaldbahn.

Der Gütertransport von Remscheid nach Solingen war noch bis vor 120 Jahren ein höchst mühsames Geschäft – und ein äußerst langwieriges noch dazu. Der Weg über das tief eingeschnittene Tal der Wupper war gut 40 Kilometer lang, und das, obwohl beide Städte fast in Sichtweite voneinander liegen. Dieses Problem jedoch wurde 1895 von Ingenieuren gelöst. Sie bauten eine Stahlbogenbrücke über das Tal, 107 Meter hoch – und danach reichten zwei Kilometer, um hier die Wupper zu überqueren. Die Müngstener Brücke – sie hieß früher einmal Kaiser-Wilhelm-Brücke – ist das höchste und eleganteste Viadukt Deutschlands. Ein richtiges Bahnwunder – und eine Attraktion für das gesamte Bergische Land drum herum. Hierher kommen inzwischen so viele Bahnfreunde, dass es sich lohnte, unter dem Brückenbogen einen Brücken-(Freizeit-)Park anzulegen.

Deutschland ist reich an Bahnrekorden und sehenswerten Bahnen. Mal fährt man mit der Bahn, um berühmte Strecken kennen zu lernen, mal fährt man zur Bahn, um sie zu bestaunen – so wie eben bei der Müngstener Brücke, deren kühne Bauweise erst unten von der Wupper aus sichtbar wird. Doch es gibt in Deutschland noch weitere Strecken zu entdecken. Hier deshalb weitere zwölf Vorschläge, um tolle Bahnen und Höhepunkte der Bahntechnik – einmal von Nord nach Süd – zu erleben. Übrigens: Ein preiswertes Vergnügen ist das sowieso, im Regio-Zug gelten Spartickets.

In Hamburg gibt es die schönste Kurzstrecke Deutschlands. Die U-Bahn-Linie 3 fährt von Baumwall (Elbphilharmonie) als Hochbahn auf Stelzen eine Station weit zu den St. Pauli Landungsbrücken. Dies ist das Ansichtskarten-Hamburg, ein touristischer Hotspot. Zurück geht es zu Fuß. Man will ja dieses Stück Hamburg nicht nur durchs Bahnfenster, sondern auch von der Straße darunter aus sehen. Die U3 muss man auch vom Hafen aus genießen!

Die tollsten und deutschlandweit längsten Stahlfachwerkviadukte wurden so hoch über den Nord-Ostsee-Kanal gebaut, dass selbst riesige Kreuzfahrtschiffe sie passieren können. Zur Rendsburger Hochbrücke fährt man mit dem stündlichen Regional- Express ab Hamburg Hbf. Von Rendsburg aus geht es weiter zur Hochbrücke Hochdonn (Station Burg [Dithmarschen]), und wer mag, kann auch noch über den Hindenburgdamm auf die Insel Sylt fahren. All das ist an einem Tag mit nur einem Ticket zu schaffen.

Der Schienenbus "Schweineschnäuzchen" auf der Insel Borkum heißt so, weil er auf seiner Vorder- und Rückseite mit den Motorvorbauten wie ein Schweinchen aussieht. Es ist das hässlichste Bahnfahrzeug deutschlandweit – und wird deshalb so heiß geliebt, dass die Plätze im Schnäuzchen vorgebucht werden müssen.

Auf der Insel Usedom gibt es bundesweit die kürzeste internationale Bahnstrecke, seit die Trasse der Bäderbahn um 1500 Meter bis in die polnische Stadt Swinemünde hinein erweitert wurde. Die eigentliche Bahnattraktion ist hier aber die Karminer Hubbrücke. Sie steht an der Südspitze Usedoms mitten im Peenestrom. Im Krieg wurden die beiden Zubringerbrückenteile weggesprengt, seither gibt es keine direkte Bahnverbindung mehr nach Berlin. Irgendwann einmal, so hofft Usedom, wird es wieder Berlin–Usedom-Züge geben, die dann über die Hubbrücke fahren werden.

Die Strecke der Mecklenburgischen Bäderbahn vom Ostsee-Kurort Bad Doberan über das durch den G8-Gipfel 2007 weltberühmt gewordene Heiligendamm nach Kühlungsborn, entlang von herrlichen Buchenwäldern und längs einer prächtigen Lindenallee, ist besonders schön. Bahnfreunde aber kommen hierher vor allem wegen der Lok Nummer 99.2324, dem einzigen Dampflok-Neubau der vergangenen 50 Jahre.

Mehrere Millionen Ziegelsteine wurden vor 177 Jahren gebraucht, um die weltgrößte Backsteinbrücke – 79 kleine und zwei große Ziegelsteingewölbe – über die Göltzsch zu bauen. Zur Göltzschtalbrücke – 78 Meter hoch, 574 Meter lang – an der sächsisch-thüringischen Grenze fährt man in Netzschkau einfach die Brückenstraße hinunter an den Fluss.

Die Hohenzollernbrücke über den Rhein, direkt vor dem Kölner Hauptbahnhof, ist die Liebesbrücke der Bahn. Am Gitterzaun hängen so viele Liebesschlösser, dass man sich schon Gedanken über seine Tragfähigkeit macht. Dank dieser Liebesbeweise weiß man auch, wie weit die Liebe bei der Eisenbahn reicht. Der Liebeszaun ist exakt 409 Meter lang.

Wenn es ums Berlin-Brandenburg-Sightseeing geht, dann ist der Regional-Express Berlin Ostbahnhof–Magdeburg unschlagbar. Er hält am Alexanderplatz, am Bahnhof Friedrichstraße und am Bahnhof Zoo sowieso. Man sieht vom Zug aus den Funkturm, schaut in den Zoologischen Garten, durchquert Charlottenburg, fährt durch den Grunewald und am Wannsee entlang nach Potsdam und in Richtung der Stadt Brandenburg, überquert die Spree und mehrfach die Havel und erlebt mehrere brandenburgische Seen entlang der Strecke. Schöner geht es nicht – es sei denn, man nimmt den Zug schon ab Frankfurt (Oder). In Wusterwitz muss man aussteigen, danach gilt das günstige Berlin-Brandenburg- Ticket nicht mehr. Wer noch über die Elbe nach Magdeburg fahren will, braucht zusätzlich ein Sachsen-Anhalt-Ticket.

Morgens liegt das rechte Rheinufer im Schatten, dagegen wird das linke Rheintal von der Sonne beschienen. Deshalb beginnt man Rundfahrten in der "Kulturlandschaft Mittelrhein" vormittags immer rechtsrheinisch. Der Mittel rhein wurde in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen und das zu Recht. Der Rhein zwischen Koblenz und Rüdesheim oder Bingen mit seinen Weinbergen und 36 Burgen zählt zu den schönsten Flusslandschaften weltweit. Zurück fährt man linksrheinisch – dann gelingen dank der Sonne auch die Fotos von der Loreley und den Burgen auf der rechten Rheinseite.

Im 19. Jahrhundert trauten sich Badener und Württemberger nicht über den Weg. Um den Nachbarn nicht zu nahe zu kommen, entschieden sich die Badener deshalb für eine sehr komplizierte, dafür rein badische Streckenführung, als es darum ging, eine Bahn vom Rheintal quer über den Schwarzwald zum Bodensee zu bauen. Die Schwarzwaldbahn fährt deshalb auf einer Trasse, die von oben mit ihren vielen Kehren und 37 Tunneln an ein abgerolltes Wollknäuel erinnert. Wer noch mehr Bahnschwarzwald erleben will, steigt in Donaueschingen in die Höllentalbahn Richtung Titisee zurück nach Freiburg um.

Der Rekord als höchstgelegene Stadt Deutschlands gehört Oberwiesenthal in Sachsen – 914 Meter über dem Meer. Dorthin fahren die Zschopau- und danach die Fichtelbergbahn auf einer der beeindruckendsten Mittelgebirgsstrecken längs durch das Erzgebirge. Zeit, die Landschaft zu genießen, hat man dabei reichlich. Die Züge halten auf dem Weg zum Fichtelberg 28 Mal.

In München gibt es einen "Starnberger Bahnhof". So nennt man die Gleise 27 bis 36 im Münchner Hauptbahnhof, von wo die Züge in die bayrischen Alpen bereitstehen. Man kann über Rosenheim in die Berge fahren, schöner ist die Strecke entlang des Starnberger Sees und längs des Staffelsees, und danach unterhalb des Ammergebirges und entlang des Estergebirges nach Garmisch Partenkirchen und weiter nach Mittenwald und Österreich.