Marco Giraldo, Geschäftsführer von TourCert verrät, wie ein nachhaltiger Tourismus gestaltet sein muss und worauf Reisende achten sollten.

TourCert berät und begleitet Unternehmen und Destinationen weltweit auf dem Weg zu einem nachhaltigen Tourismus. Wie muss dieser gestaltet sein, damit er auch wirklich nachhaltig ist?

Zunächst einmal sollte die nachhaltige Entwicklung des Tourismussektors nicht als zusätzliche Belastung für die Unternehmen, ihre MitarbeiterInnen oder für die Reisenden verstanden werden. Vielmehr sichert sie die Zukunft der Branche. Nachhaltige touristische Angebote und Dienstleistungen sind qualitativ hochwertige Produkte, sie bedienen die wachsende Nachfrage nach sozial- und umweltverträglichem Reisen und können im Tourismus Maßstäbe setzen. Eine riesige Chance für alle Beteiligten!

In der Gestaltung eines nachhaltigen Tourismus geht es meines Erachtens um die konsequente Nutzung dieser Chancen. Es geht nicht darum, den Tourismus selbst abzuschaffen. Vielmehr soll er in nachhaltige Bahnen gelenkt werden. Die wachsende Zahl von Reisenden bringt immer größere Herausforderungen mit sich, beispielsweise im Hinblick auf Treibhausgasemissionen, Ressourcenmanagement oder die negativen Auswirkungen auf lokale Gemeinschaften und Kulturgüter. Wird der Tourismus jedoch im Einklang mit der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung gestaltet, so bietet er große Chancen hinsichtlich der Schaffung von Arbeitsplätzen, Förderung lokaler Wirtschaftskreisläufe, Schutz von Ökosystemen und Arten und Verständigung & Akzeptanzschaffung zwischen verschiedenen Kulturkreisen. Wichtig dabei ist, dass der wirtschaftliche Nutzen und die Wertschöpfung vor Ort stattfindet und dass die Natur als Lebensgrundlage der einheimischen Bevölkerung angesehen wird. Die Branche kann damit wesentlich zur Erfüllung der Sustainable Development Goals (SDGs) beitragen und trägt eine enorme Verantwortung.

Kurz: Nachhaltige Tourismusgestaltung muss auf allen drei Dimensionen der Nachhaltigkeit basieren und einen sozialverantwortlichen, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Tourismus generieren, ohne dass eine Dimension auf Kosten einer anderen entwickelt wird.

Nachhaltiges Reisen fängt mit der Wahl des Reiseortes an. Fallen Fernreisen komplett weg, wenn man Wert auf Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit legt?

Die ökologische Dimension, unter anderem also die Umweltverträglichkeit, ist von wesentlicher Bedeutung. Sprechen wir von Nachhaltigkeit, geht es jedoch um das Spannungsdreieck mit zwei weiteren, der sozialen und der ökonomischen Dimension. Wenn der Tourismus so gestaltet wird, dass er angemessene und sichere Löhne für die einheimischen Arbeitnehmer bietet, faire Arbeitspraktiken und soziale Bedingungen für das Personal gewährleistet, einen Austausch zwischen den Reisenden und der einheimischen Bevölkerung ermöglicht, die kulturellen Besonderheiten der Region fördert, so dass auch die Bewohner vom Tourismus profitieren und keine Ressourcen verschwendet werden, dann kann der Tourismus zu einer global und lokal nachhaltigen Entwicklung beitragen. In diesem Fall sollte dann auch eine Fernreise ohne schlechtes Gewissen stattfinden dürfen!

Nichtsdestotrotz sollte jeder Flug gut überlegt sein. Reisende sollten auf jeden Fall darauf achten, dass die Entfernung zum Urlaubsort in einem angemessenen Verhältnis zur Reisedauer steht. Für ein langes Wochenende zum Shoppen nach New York zu fliegen, ist wenig nachhaltig. Die Faustregel lautet hierbei: Soweit möglich Kurzstreckenflüge (unter 700 Kilometer) vermeiden. Langstreckenflügen über 2000 Kilometer sollten mindestens 14 Tage dauern. Und ganz allgemein: Je weiter weg, desto länger vor Ort.

Wer eine Flugreise bucht, kann als Ausgleich für die verursachten CO2 -Emissionen freiwillig einen Klimaschutzbeitrag bezahlen. Klimakompensationsanbieter wie atmosfair, myclimate oder auch die Klima-Kollekte verwenden diesen Beitrag für Klimaschutzprojekte, z.B. zur Förderung von erneuerbaren Energien in Entwicklungsländern. Somit wird an diesen Orten CO2 eingespart, welches sonst durch fossile Energien entstanden wäre. Bevor ein Klimaschutzbeitrag geleistet wird, sollten sich Reisende überlegen, ob sie a) die Emissionen komplett vermeiden können oder ob sie b) die Emissionen durch Alternativen reduzieren können.

Welche Rolle spielt die Wahl der Unterkunft? Worauf kann ich bei der Wahl achten?

Hotels bieten ihren Gästen ein Zuhause auf Zeit und tun alles, damit diese sich bei ihnen wohlfühlen. Ebenso sollten sich ihre Mitarbeiter bei ihnen wohlfühlen – ist doch die Hotellerie eine Branche von Menschen für Menschen. Viele Unterkünfte haben auf Grund ihrer Räumlichkeiten und den Bedürfnissen ihrer zahlreichen Gäste mit besonders hohen Strom- und Ressourcenverbräuchen zu kämpfen. Engagement in diesem Bereich ist auch sehr lobenswert. Als Außenstehenden können wir vieles nur ansatzweise erkennen. Reisende sollten versuchen, mehr über die Unterkunft zu erfahren. Was steht auf der Homepage geschrieben? Was schreiben andere Reisende? Oder ist das Hotel zum Beispiel von einer Zertifizierungsorganisation wie TourCert ausgezeichnet? Eine gründliche Recherche gehört, so denke ich, zu einer guten Reisevorbereitung. Böse Überraschungen lassen sich ganz nebenbei vermeiden.

Handelt es sich bei nachhaltigem Tourismus um einen Trend oder glauben Sie, dass sich die Branche wirklich bessert und an ihrem Selbstverständnis arbeitet?

Immer mehr Reisende achten auf ihren ökologischen Fußabdruck. Laut zahlreichen Studien zum Thema Nachhaltiger Tourismus möchte ein Großteil der weltweit befragten Reisenden nachhaltiger reisen. Fast 85 Prozent der Deutschen wollen im Urlaub auf die Umwelt achten. Die sichtbaren Spuren des Massentourismus auf die Umwelt lassen über die Hälfte der Befragten ihr eigenes Reiseverhalten allgemein überdenken. Wir sehen hier auf jeden Fall ein Umdenken, auch dank den jüngsten Bewegungen wie Fridays for Future. Das Potenzial ist sehr groß, allerdings fehlt es noch an notwendigen Informationen und Angeboten, damit aus dem „Wollen“ ein „Handeln“ wird. Bei TourCert holen wir weltweit Unternehmen individuell an ihrem Ausgangspunkt ab, motivieren zu bewältigbaren Schritten und ermutigen zur konsequent verantwortlichen Wirtschaftsweise. Jenseits des aktuellen Dogmas materiellen Wachstums entstehen neue Arten der Wertschöpfung und außerordentlich spannende Produkte. In diesem Sinne verstehen wir uns auch als Innovationsagentur für Zukunftsmodelle.

Welchen Tipp würden Sie jemandem geben, der Wert auf klimafreundliches Reisen legt?

Es muss nicht immer das Flugzeug sein: An- und Abreise können möglichst umweltverträglich gestaltet werden. Nahe Destinationen in Europa lassen sich auch leicht mit der Bahn oder dem Bus erreichen. Genauso wie für An- und Abreise gilt, dass sich Reisende vor Ort so umweltverträglich wie möglich fortbewegen sollten. Das kann bedeuten, dass statt dem Mietwagen einfach mal auf öffentliche Verkehrsmittel, Mitfahrgelegenheiten oder vielleicht sogar das Fahrrad oder E-Bike zurückgegriffen wird. Daraus können sogar ganz neue Erlebnisse entstehen. Falls das Wunschziel nur mit dem Flugzeug erreichbar ist, dann sollte ein möglichst langer Aufenthalt vor Ort eingeplant werden. Daneben empfehlen wir, als Ausgleich für die verursachten CO2-Emissionen freiwillig einen Klimaschutzbeitrag an Klimakompensationsanbieter zu bezahlen.