Das DDR-Kultfahrzeug gibt es in einer neuen Version. Umweltfreundlich und leise düst der Roller neuerdings elektrisch betrieben durch die Stadt.

Wenn Philipp Böhm heutzutage mit seiner Schwalbe durch Marburg an der Lahn düst, genießt er es, "den Fahrtwind zu spüren". Früher besaß der 28-Jährige das Original des DDR-Kultfahrzeugs aus dem Hause Simson. Nun ist der Schwalbe-Fan mit einer neuen Version unterwegs: dem E-Roller des Münchner Unternehmens Govecs. "Ich brauche nicht tanken, kein Benzin mischen und muss nicht ständig an meinem Alltagsgefährt schrauben, um es fahrtüchtig zu machen", sagt Böhm über seine Wahl, "und ich fühle mich sicherer durch die modernen – also funktionierenden – Bremsen, Simson-Fahrer wissen so etwas zu schätzen.“

Im vergangenen Sommer kam die Schwalbe mit E-Motor, wie sie der Marburger nutzt, auf den Markt. In diesem Sommer soll sie eine Schwester bekommen. Die Firma Govecs, Lizenznehmer des eingetragenen Markenzeichens Schwalbe, bringt nach dem Modell L1e nun L3e heraus.

Beide sehen exakt gleich aus. Doch während der 2017 auf den Markt gebrachte Roller 45 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit schafft, wird für das Leichtkraftrad bei 90 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit ein Motorradführerschein nötig sein. Die Leistung des Bosch-Motors verdoppelt sich beim Nachfolgemodell von vier auf acht Kilowatt.

Rund vier Stunden hält sie durch

In Sachen Reichweite kommt die Schwalbe L1e mit einer Batterie auf bis zu 63 und mit zwei Batterien auf bis zu 125 Kilometer, bei der L3e sind es bis zu 90 Kilometer. Das normale Aufladen der fest verbauten Akkus dauert laut Hersteller viereinhalb Stunden (ein fünf Meter langes Kabel befindet sich unter dem Sitz). Im sogenannten Schnelllademodus sind es je nach Modell und Ausstattung eine bis eindreiviertel Stunden.

Hinter den bald zwei E-Schwalben, die beide im polnischen Breslau produziert werden, steckt ein Pionier der Elektromobilität. Govecs-Geschäftsführer Thomas Grübel, 48, gelernter Kaufmann, ist selbst begeisterter Rollerfahrer und Besitzer einer alten Simson- Schwalbe. In den 1990er-Jahren war er zufällig mit dem Thema E-Roller in Berührung gekommen. Damals arbeitete er in China als Produktionsberater für Spielzeugunternehmen: Vorgestellt wurde ihm dabei auch ein klappbarer Elektroroller. Grübel übernahm dessen Entwicklung vor 20 Jahren.

Saubere Transportlösung

Der Street Devil wurde der erste EU-weit zugelassene E-Roller. In der Folge engagierte sich der Münchner weiter in diesem Bereich, gründete zunächst die Firma Emax, 2009 dann mit seinem Partner Nicholas Holdcraft das Unternehmen Govecs. Bei der Suche nach einem "geschichtsträchtigen Produkt, idealerweise aus Deutschland" kam er schnell auf die Schwalbe, "die erfolgreichste Einzelmarke der europäischen Moped-Geschichte". 2014 sicherte er sich die Lizenz, nach drei Jahren erfolgte der Verkaufsstart.

Seine Vision, sagt der Firmengründer, sei "eine Stadt ohne Staus und Abgase, in der die maximale Bewegungsfreiheit der Menschen durch ein vielfältiges, umweltfreundliches und flexibles Verkehrssystem garantiert wird". Im Jahr 2030 werden voraussichtlich 60 Prozent der Weltbevölkerung in urbanen Gebieten leben, blickt Grübel gar nicht so weit in die Zukunft. "Die wachsende Wohndichte, Erhöhung des Verkehrsaufkommens und damit verbundene Steigerung des Kohlendioxid- Ausstoßes machen saubere und effiziente Transportlösungen notwendig", so Grübel. Die Elektromobilität könne dabei „einen wesentlichen Beitrag“ zu den sogenannten Green Citys, also den grünen Städten, leisten. "Und Elektroroller spielen dabei eine wichtige Rolle."