Zehn Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs und gut sechs Monate nach dem Terroranschlag im Frühjahr 2019 in der Hauptstadt Colombo erholt sich Sri Lanka – und gilt als Top-Reiseziel. Wir stellen drei Möglichkeiten vor, den Inselstaat zu erkunden.

"Ich habe schon eine Menge Zeit meines Lebens mit Warten verbracht – und das an den unmöglichsten Orten", sagt Justin Moore und nippt schmunzelnd an seinem Champagner. Moore, ein Mann um die 50 mit dem hemdsärmeligen Charme eines weitgereisten Briten, steht am Rand eines Reisfelds im Matale-Distrikt und schaut zu, wie seine Männer zusammenpacken. Gerade hat er seinen Heißluftballon hinter einem Fluss gelandet – jetzt stößt er mit den Gästen an. 5100 Flüge hat Moore hinter sich – und nach jedem gibt es ein Gläschen.

Das und die Erlebnisse in der Luft entschädigen ihn für die Warterei, dabei weiß er nie, wohin der Wind ihn und seine Gäste weht, er komme selten zwei Tage hintereinander aus derselben Richtung. Und so überfliegt er immer wieder andere Ecken dieser Region, die Hügel von Dambulla mit dem gigantischen goldenen Buddha, die Ebene vor dem See von Kandalama, in der Rauch aus Dutzenden von Lagerfeuern aufsteigt, über denen Essen gekocht, mit denen aber auch Müll verbrannt wird. Über Welterbestätten und Tempel mit ihren Stupas hinweg, über Dschungel und Äcker und eine Tierwelt, die einer der Gründe dafür ist, dass der Lonely Planet Sri Lanka 2019 zur Top-Destination erklärt hat. "Leider kann ich die Elefanten nicht dressieren, aber manchmal sieht man welche", sagt Moore. "Auch Krokodile und andere Tiere." Dieser Reichtum ist es, der ihn seit 14 Jahren hier hält. "Die Landschaft ist herrlich und die Menschen sind wahnsinnig freundlich. Und ich muss diesen Job machen. Was soll ich sagen?"

Ein Land voller Vielfalt

Während Moore plaudert, ruckelt südlich von Kandy schon der erste Zug des Tages durch das Hochland in Richtung Nuwara Eliya. Dadamm, dadamm. Dadamm, dadamm. Wer damit fahren will, muss von Colombo jedoch erstmal in die Hauptstadt der Zentralprovinz kommen. Am schnellsten geht das: per Propellermaschine. Inlandsflüge bieten in Sri Lanka nur einige kleine Fluggesellschaften wie Cinnamon Air an, deren Piloten wirken, als seien sie einer 80er-Jahre-Serie entstiegen: Dunkle Sonnenbrille, Flipflops an den Füßen und betont gelassen, so starten sie auf dem Bandaranaike Airport, um 40 Minuten später auf dem Mahaweli in Kandy zu landen, dem längsten Fluss Sri Lankas.

Ein aufregend wackliger Flug, der einen weiteren Eindruck von der Vielfalt des Landes verschafft mit seinen Stränden im Westen und Osten und dem Hochland, dessen Berge in bis zu 2 500 Meter Höhe aufragen. Hier liegen die Plantagen, auf denen der berühmte Ceylon-Tee wächst – und eine Landschaft, die wie gemacht ist für das Zugfahren, ein Abenteuer, das nur knapp am Klischee vorbeischrammt.

"Man spürt, was Freiheit ist"

Dieses Klischee gipfelt in einem Grün, das fast in den Augen weh tut. Doch dann schiebt sich ein weißer Baumstamm in den Blick, dann noch einer und nach wenigen Kurven ist der ganze Hügel bedeckt mit haushohem Eukalyptus. Jede Kamera muss scheitern beim Versuch, aus diesem Dickicht ein Foto zu machen, kaum etwas gibt es, an dem das Auge sich festhalten kann. Wer Irland für eine grüne Insel hält, war nie in Sri Lanka. Erst wenn der Blick sich öffnet, auf Brücken oder in einer der Kurven, wird das Bild kontrastreicher: Felsvorsprünge, Wasserfälle und natürlich die Teeplantagen mit ihren geschwungenen Reihen hüfthoher Pflanzen, die sich um die Hügelkuppen ziehen. Auf einigen davon prangen stolz und in großen Lettern die Namen der Produzenten: Edinburgh, Inverness, Glenloch, Labookellie. Das britische Erbe.

Das satte Grün der Plantagen

Seine Fahrt begonnen hat der Zug am Bahnhof von Kandy, wo lange vor der Abfahrt schon Auftrieb herrscht. Hunderte von Touristen warten hier, ganze Gruppen junger Mädchen in Sandalen, Männer mit Haremshosen und Rastalocken, Reisegruppen in gesetztem Alter, die schwere Kameras tragen und noch schwerere Koffer, Paare in Funktionskleidung mit dem müden Blick echter Rucksacktouristen – und Familien, vor allem aus China. Dazwischen Einheimische, manche in Alltagskleidung, manche in festlichen Saris. Hier und da ragt ein Selfie-Stick aus der Menge. Die Fahrt durch das Hochland ist ein Highlight jeder Sri-Lanka-Reise – auch für die 32-jährige Franziska Jahnke aus Berlin. "Das Zugfahren in diesem Land ist absolut einzigartig", schwärmt sie. "Man steht an der offenen Zugtür, sieht das satte Grün der unzähligen Teeplantagen an einem vorbeiziehen und spürt plötzlich, was Freiheit ist."

Dazu komme die Atmosphäre im Zug, der Austausch mit anderen Reisenden, die fliegenden Händler, die mit Salz, Chili und Curryblatt gewürzte Erdnüsse, knuspriges Gebäck oder süßen Tee mit Kondensmilch anbieten. Schnell kommt man hier ins Ge - spräch mit anderen Fahrgästen: "Dicht gedrängt auf dem Boden des Zuges sitzend, fasziniert beobachtend, wie die Händler sich ihren Weg bahnen, haben wir uns über Sri Lanka und das Reisen an sich ausgetauscht", berichtet Jahnke. Ein insgesamt sicheres Land übrigens. Nicht nur im Zug habe sie sich sicher gefühlt, auch auf der weiteren Reise habe es nur eine brenzlige Situation mit einem angetrunkenen Mann gegeben, in der ihr aber sofort drei Singhale sen zu Hilfe gekommen seien.

Bewährungsproben

Ob Propellermaschine, Ballon oder Zug – eines haben diese drei Wege, Sri Lanka zu entdecken, gemeinsam: Sie alle schärfen den Blick für die rasanten Veränderungen, die das Land seit einigen Jahren durchmacht. Für die Weite der Landschaft und die Enge, in der Teile der Bevölkerung immer noch leben. Für die Pracht der Kulturerbestätten genauso wie für die Folgen eines boomenden Tourismus – die Investitionen wie auch ihre Kehrseiten. Für ein Land im Umbruch, das erst noch beweisen muss, ob es die Wahl zur Top-Destination verkraftet oder daran zerbricht. Den Bürgerkrieg und die jüngsten Terroranschläge hat Sri Lanka überstanden. Jetzt steht seine nächste Bewährungsprobe an.