Design wie im Luxushotel, aber kombiniert mit günstigen Hostelpreisen. Das ist ein neuer Reisetrend, der gut ankommt.

Neulich stand ein Gast aus Paris an der Bar des Hostels. Seit drei Tagen war er bereits in Berlin. Müde ließ er den Blick durch die Lounge schweifen und sagte: "Wow, so, stelle ich mir immer vor, könnte es sein, wenn ich bei Freunden übernachte – ist es aber nie." Eine Anekdote, die Misel Azaroglu erzählt, wenn er gefragt wird, wie er sein Haus charakterisieren würde. Der Berliner hat 2014 mit seinem Bruder Josev das Wallyard Concept Hostel Berlin eröffnet. Der Satz des Gastes ist für ihn ein dickes Lob. "Das macht uns natürlich glücklich – immerhin haben wir unser Hostel aufgezogen, um genau dieses Erlebnis Touristen aus der ganzen Welt zu bieten."

Das Wallyard – ein familiär geführtes Hostel in einer stillgelegten Fabrik in Berlin-Moabit – wird von Bloggern und Gastro-Experten aus ganz Deutschland für sein außergewöhnliches Designkonzept gefeiert und ist mittlerweile mit dem Label "Poshtel" behaftet. "Posh" ist englisch für schick.

Das Ziel der Betreiber: das Gemeinschaftsgefühl und die Zimmerpreise eines Hostels mit einem besonderen Einrichtungsdesign und dem Service von Luxushotels zu kombinieren. Wer bei Hostels noch an klapprige Stockbetten und schmierige Gemeinschaftsküchen denkt, der wird im Poshtel also eines Besseren belehrt. Es gibt zwar Mehrbettzimmer und Schlafsäle, aber ebenso Privaträume mit eigenem Bad. Die Preise variieren zwischen rund 10 Euro für ein Bett im Schlafsaal und circa 24 Euro für ein Doppelzimmer.

Poshtel als kulturelles Erlebnis

In den Lobbys warten durchgestylte Kaffeebars und im hauseigenen Restaurant teilweise so gutes Essen und Getränke, dass es den Gästen schwerfallen muss, noch vor die Tür zu gehen. Wer sich ein Zimmer in einem Hostel bucht, sucht Anschluss und möchte die Stadt und Kultur aus Sicht eines Locals kennenlernen. Das Poshtel geht weiter und macht sich selbst zum kulturellen Erlebnis. Das Wallyard zum Beispiel veranstaltet DJEvents und Konzerte von lokalen Künstlern und im Sommer Barbecues sowie Beachvolleyball- Turniere. Es gibt einen Fahrradverleih im Haus und geführte City-Trips.

Doch trotz niedriger Kontaktbarrieren wird niemand gezwungen, am Gemeinschaftsleben teilzunehmen. Eine ruhige Ecke, in der sich der Gast in seinen Laptop oder ein Buch vertiefen kann – Stromanschlüsse und WLAN sind in Poshtels selbstverständlich inklusive –, gibt es ebenfalls. "Uns ist es wichtig, den Gästen nicht nur ein Bett zu bieten, sondern den Poshtel-Aufenthalt selbst zum Highlight des Urlaubs zu machen", sagt Misel Azaroglu.

Die Hotelbranche reagiert mit den so genannten Poshtels, die oft auch als Design-Hostels oder Boutique- Hotels vermarktet werden, auf einen gesellschaftlichen Trend, der sich schon länger abzeichnet. Der globale Wohlstand nimmt zu und dadurch die Mobilität. Gleichzeitig gibt es immer mehr Alleinreisende, die vor Ort Anschluss suchen. "Früher boten Hostels lediglich ein günstiges Bett für die Nacht", sagt Christopher Lueck vom Hotelverband Deutschland (IHA). "Heute legen Reisende zunehmend Wert auf das Design und die Ästhetik ihres temporären Zuhauses, wollen aber das Preisschild und die gesellige Atmosphäre eines Hostels beibehalten." Mit den Poshtels besinnen sich Hoteliers auf die "gute alte Zeit", als Hotels und deren Restaurants Mittelpunkt und zentraler Treffpunkt einer Stadt waren, so Lueck. "Es ist die Renaissance der alten Hotels, die eine Geschichte erzählen, aber alle modernen technischen Standards aufweisen."

Grenzen verschwimmen

Poshtels füllen eine Nische. Mittlerweile haben so gut wie alle großen Hotelketten, darunter Marriott, Meininger, Generator und Wombat's, eigene Design- Marken entwickelt. Zudem haben sich Häuser etabliert, deren gesamtes Konzept sich auf die Eröffnung neuer Design-Hostels beruft, wie unter anderem die Häuser 25hours, Prizeotel oder CitizenM. Viele Häuser firmieren sowohl als Hostel als auch als Hotel.

Die Grenzen verschwimmen. Und die neuen Häuser sprechen nicht nur junge Rucksackreisende an. Vom Backpacker über Paare und Gruppen aller Art bis zu älteren Gästen, die neugierig sind auf diese Art der Übernachtungsmöglichkeit, sie alle buchen im Wallyard. Der Hauptteil sei zwar zwischen 18 und 35 Jahren alt, jedoch freut sich Misel Azaroglu auf alle Altersgruppen: "Je durchmischter unsere Gäste sind, desto schöner ist das Bild in der Lobby."