Segeln gilt als teuer und elitär. Das aber stimmt nur zum Teil, sagt "Yacht"-Chefredakteur Jochen Rieker. Ein Interview über Unerschrockenheit, die Sehnsucht nach der See und den idealen Einstieg in einen echten Familiensport.

Herr Rieker: Wassersport gilt allgemein als teures Hobby und auch der Titel Ihres Magazins, "Yacht", klingt eher nach Luxus. Was ist dran an diesem Vorurteil?

Es ist wie so oft bei Vorurteilen: Sie sind nicht völlig aus der Luft gegriffen, sind aber arg zugespitzt und beschreiben nur einen tatsächlich gar nicht so großen Teil des Segelsports. Natürlich gibt es Yachten, die ein Vermögen kosten. Aber die meisten unserer Leser sind keine Millionäre; die Mehrzahl hat ihre Boote gebraucht gekauft – für den Gegenwert eines Motorrads oder, wenn es sich um Fahrtenschiffe handelt, eines Wohnmobils.

Was das Segeln in gewisser Weise elitär erscheinen lässt, ist meines Erachtens eher, dass es nicht jeder kann. Man braucht spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten, und wer zur See fährt vielleicht auch ein gewisses Maß an Unerschrockenheit. Aber mit Luxus im Sinne eines exorbitant teuren Freizeitvergnügens hat es meist nicht viel zu tun.

Ein zweites Klischee besagt, dass die Segler alle am Meer wohnen. Aber wo sind Ihre Zielgruppen denn wirklich zu Hause?

Das würden die meisten Segler sicher gern, mich eingeschlossen. Aber tatsächlich gilt das nur für die wenigsten. Zwar gibt es im Norden, also nahe der Nord- und Ostsee, am meisten Eigner. Aber auch in Nordrhein-Westfalen, in Baden-Württemberg, Bayern und Berlin leben viele, die regelmäßig auf See gehen.

Ich selbst bin im Süden geboren, zwischen Stuttgart und Ulm, knapp zwei Stunden entfernt von Ammersee und Bodensee, aber wir waren mit der Familie trotzdem so oft es ging auf dem Wasser. Und ich habe schon als kleiner Junge von großen Törns geträumt. Vielleicht ist die Sehnsucht nach der See dort sogar noch größer, wo sie nicht unmittelbar vor der Haustür liegt.

Immer wieder hört man, dass dem Segelsport der Nachwuchs ausgeht. Woran liegt das?

Das stimmt so nicht. Die Attraktivität des Segelsports ist nach allen uns bekannten Parametern erstaunlich stabil – unabhängig, welche Altersgruppe man betrachtet. Was sich verändert hat, und vielleicht zielt Ihre Frage darauf ab, ist die Intensität und Dauer. Insbesondere Jugendliche und Berufseinsteiger pausieren mitunter längere Zeit, weil sie in Schule und Job stärker gefordert sind als frühere Generationen, und auch, weil sie sich nicht mehr nur einem Hobby widmen, sondern mehreren. Deshalb fehlt später dann auch bei manchen der Impuls, sich ein eigenes Boot zu kaufen und sich zumindest im Sommer stark ans Segeln zu binden.

Und welche Strategien verfolgt die Branche, um das zu ändern?

Da gibt es auf vielen Ebenen Initiativen und Bemühungen. Im Sport zum Beispiel gibt es mit der Segelbundesliga ein junges Format, bei dem Vereinsmitglieder auf vom Veranstalter gestellten Booten ihrem Hobby nachgehen können. Das hat so viel Nachfrage erzeugt, dass es jetzt bereits eine Zweite Liga gibt und Überlegungen für eine weitere Regionalisierung angestellt werden. Das Konzept hat nach kürzester Zeit auch Nachahmer in anderen Ländern gefunden, weshalb seit zwei Jahren die Sailing Champions League etabliert wurde. Das ist ein Musterbeispiel, wie man aktive Sportler aufs Wasser holen kann.

Eine ganz ähnliche Initiative ist vor zwei Jahren auch für den reinen Freizeitbereich gestartet worden, an der auch unser Verlag beteiligt ist: Start Boating. Das ist eine Serie von Veranstaltungen im ganzen Bundesgebiet, bei denen Interessierte ohne jede Vorkenntnis Probetörns auf ganz modernen Segel- und Motorbooten unternehmen können – jeweils unter Anleitung eines erfahrenen Skippers. In der zurückliegenden Saison kamen so fast 4000 Menschen aufs Wasser und konnten sich kostenlos einen Eindruck von dem besonderen Lebensgefühl verschaffen, einfach mal alles hinter sich zu lassen.

Gibt es denn so etwas wie einen durchschnittlichen deutschen Segler? Und wenn ja: Wie sieht er aus?

Statistisch gibt es den. Er ist Ende 40, überwiegend männlich, gut ausgebildet, in seiner Freizeit sportlich aktiv, naturverbunden. Aber tatsächlich hab ich noch keinen getroffen. In München ist der typische Segler auf einem See unterwegs, überwiegend auf kleineren Booten, Jollen oder Katamaranen. In Hamburg segelt er meist eine hochseetaugliche Kielyacht, unternimmt Törns an der deutschen und dänischen Ostseeküste, während Segler in Köln oder Düsseldorf häufig nach Holland fahren, aufs IJsselmeer. Viele Segler haben aber auch kein eigenes Boot, sondern chartern wochenweise – etwa im Mittelmeer. Es ist ein wirklich sehr breites Freizeitvergnügen.

Abseits der Weltelite, die nach wie vor von Männer-Teams dominiert wird, scheint Segeln von außen betrachtet ein ziemlich gleichberechtigter Sport zu sein. Ist der Eindruck richtig?

Ja, das stimmt. Und sogar im Profisport gibt es mehr und mehr gemischte Teams. Aktuell segeln beim Volvo Ocean Race um die Erde auf jedem der sieben Yachten Frauen mit. Das gab es in der Form noch nie zuvor. Auch bei Olympia gibt es mit dem Nacra 17 ein Boot, das von gemischten Zweier-Crews gesegelt wird.

Fahrtensegeln ist ohnehin eine Familienangelegenheit. Da gehen alle mit an Bord, und wenn die Kinder aus dem Haus sind, segeln die Eltern im Urlaub und an den Wochenenden zu zweit.

Die neue DSV-Präsidentin ist übrigens eine Frau – zum ersten Mal in der 130-jährigen Geschichte des Deutschen Segler Verbands.

In vielen Sportarten hat in den vergangenen Jahren die Digitalisierung zugeschlagen. Wie sieht es hier beim Segeln aus? Ist der Trend hier auch zu spüren?

Ja, auf allen Ebenen. Sie können heute per App ihren Platz im nächsten Hafen vorbuchen, ihren Autopilot über WLAN fernsteuern, die Daten von ihrem Bordsystem auf dem Tablet anzeigen lassen, die Heizung vom Auto aus aktivieren. Man kann auch vom Sofa aus virtuelle Regatten gegen Profis segeln. Mein Ding ist das jetzt nicht. Ich segle, um den Kopf frei zu bekommen, um die Komplexität des Landlebens hinter mir zu lassen. Aber was ich durchaus schätze: Die Digitalisierung erlaubt uns, andere Segler auf ihren Fahrten und Abenteuern zu begleiten. Die See hat ja keine Tribüne. Wer über den Atlantik fährt, ist für zwei bis vier Wochen einfach weg. Über GPS-Tracker und Satellitentelefon können Segler heute aber in Verbindung mit ihren Familien, Freunden und Fans bleiben.

Das gab es früher nicht. Als Wilfried Erdmann, Deutschlands bekanntester Extremsegler, 1984/85 alleine und ohne Zwischenstop um die Welt segelte, blieb er 271 Tage lang praktisch verschollen – bis auf ein paar Positionsmeldungen über Funk, die er an Frachter in der Nähe absetzte.

Noch mal zurück zur Ausgangsfrage: Welche Möglichkeiten habe ich denn, mich auch ohne allzu großes Budget mit dem Segeln zu beschäftigen?

Oh, reichlich! Die günstigste Möglichkeit ist, in einen Segelverein einzutreten, dort die Ausbildung zu machen. Dann kann man für sehr geringe Gebühren die Club-eigenen Boote mieten. Viele Vereine unterhalten an der See auch größere Yachten, die meist günstiger sind als Charterboote. Sie können sich aber auch ein gebrauchtes Boot kaufen. Segelfertige Jollen und Sport-Katamarane in ordentlichem Zustand gibt es ab 1000 Euro. Eine kleine Fahrtenyacht mit zwei bis vier Kojen kostet 5000 bis 10.000 Euro. Allerdings sollte man die als Neueinsteiger nicht ohne die Begleitung eines Sachverständigen kaufen, der die Substanz beurteilen kann. Sonst lacht man sich eine Dauerbaustelle an.

Und so etwas wie Boot-Sharing, gibt es das? Ähnlich der Reitbeteilung im Pferdesport?

Das nennt man im Segeln man Eignergemeinschaft: ein Boot, zwei oder drei Besitzer, die sich Anschaffung, laufende Kosten und im Winter die Wartungsarbeiten teilen. Übers Internet gibt es auch erste Sharing-Plattformen. Die haben anders als etwa in der Schweiz aber noch nicht die nötige Verbreitung, das steht hierzulande erst am Anfang.

Angenommen, ich entscheide mich, den Segelschein zu machen: Wo finde ich einen guten Lehrer und woran erkenne ich ihn?

Ich würde zunächst einmal schauen, ob es in der Nähe einen Segelverein gibt, der ausbildet. Es gibt darüber hinaus aber auch ein vom DSV erstelltes Verzeichnis anerkannter Segelschulen.

Und worauf muss ich mich einstellen? Was sind die großen Hürden in diesem Sport?

Am Anfang mag das geforderte Fachwissen und Vokabular ein bisschen verschrecken, aber keine Bange: Das hat man schnell drauf. Einsteiger tun sich häufig auch mit der Unterscheidung von Luv und Lee schwer, also der dem Wind zugewandten (Luv) und der dem Wind abgewandten Seite (Lee). Und wer seekrank wird, hat bei Welle damit zu kämpfen. Das ist allerdings nichts zu dem unbeschreiblich schönen Gefühl, ein Boot nur mit der Kraft des Windes und des Willens zu steuern oder abends in einer ruhigen Ankerbucht die Sonne im Meer versinken zu sehen.

Zum Abschluss noch eine ganz persönliche Frage: Wie und wo segeln Sie am liebsten? Und warum?

Ich bin am liebsten auf meinem Boot, das ich in- und auswändig kenne und auch nachts alleine beherrsche. Es liegt in der Ostsee, seit 20 Jahren mein Heimatrevier, das mir nie langweilig geworden ist. Ich liebe aber auch die Bretagne, will unbedingt mal nach Schottland segeln und irgendwann auch über den Atlantik. Das hab ich schon zweimal gemacht, aber noch nie auf eigenem Kiel.

SEGELPAKET ZU GEWINNEN: MIT PRISMA UND "YACHT" ZUR BOOT 2018

Vom 20. bis 28. Januar 2018 findet in Düsseldorf die "boot 2018" statt – die größte Wassersportmesse der Welt. Aus diesem Anlass verlosen prisma und "Yacht" zehn Segelpakete, bestehend aus jeweils

• 1 Jahresabo der Zeitschrift "Yacht"
• 1 Buch "Freiheit auf Zeit" von Kristina Müller, erschienen im Delius-Klasing-Verlag
• 1 Eintrittskarte zur Messe "boot 2018".

Die Gewinner werden am 23. Januar gezogen und telefonisch benachrichtigt, die Karten an der Tageskasse hinterlegt.

Einfach bis 22. Januar 2018 anrufen und gewinnen: 01379/88 85 16 (0,50 €/Anruf a. d. dt. Festnetz/Mobilfunk abweichend. Die Preise wurden prisma von den Kooperationspartnern unentgeltlich zur Verfügung gestellt).