11.07.2016 EM-Kolumne

Da waren die Motten dran

Cristiano Ronaldo zog erneut alle Blicke, Emotionen - Sympathien wie Antipathien - auf sich.
BILDERGALERIE
Cristiano Ronaldo zog erneut alle Blicke, Emotionen - Sympathien wie Antipathien - auf sich.  Fotoquelle: Marco Iacobucci EPP / Shutterstock.com

Die Fußball-Europameisterschaft mit ersten Anzeichen von Vergänglichkeit eines Booms.

Von Detelf Hartlap

Nach all der in Presse und Fernsehen forcierten Indoktrination um die Wichtigkeit der Fußball-EM, nach all der markengerechten Stilisierung von "la Mannschaft" und der eintönigen Zuspitzung von Team-Matches zu reinen Torjäger-Duellen (Ronaldo gegen Bale etc.) hielten am Ende die Motten Einzug.

Das Finale zwischen Portugal und Frankreich schienen die kleinen grau-braunen Flatterwesen zwischenzeitlich an sich reißen zu können, so sah es zumindest auf dem Fernsehbildschirm aus.

Erst entdeckten wir die Motten zuhauf auf dem Anzug von Portugals Trainer Fernando Santos, dann auf Ronaldos von Schweiß und Tränen feuchtem Antlitz, schließlich huschten sie in einem fort vor das Auge der Kamera, als ob sie sagen wollten: Fertig mit Fußball, jetzt ist unsere Zeit gekommen!

Was für eine schöne Metapher das für den Niedergang der europäischen Staatswesen hätte sein können - Staatswesen, die, Frankreich voran, zwischen der Erschöpfung ihrer demokratisch-ethischen Politikgrundlage und dem Aufkommen eines durchgeknallten Nationalismus zerrieben werden. Aber da sind die Motten schon so was von drin, dass keiner mehr weiß, wie man sie wieder rausbekommt.

Es ging indes nicht um Politik, obwohl sich etliche Kommentatoren nicht zu dumm vorkommen, die Wichtigkeit eines Sieges für das von Terror und wirtschaftlichem Desaster gebeutelte Frankreich hervorzuheben. Die Invasion der Motten im Stadion von Saint Denis (welche Ursache sie auch haben mag) bleibt vorläufig ein Menetekel, doch dass der Fußball sich in blinder Ereignis- und Geschäftswut selbst mottenreif macht, dieser Eindruck konnte während der vier EM-Wochen durchaus aufkommen.

Die Qualität des Spiels verlagerte sich in einem Turnier, dessen meiste Teilnehmer nicht endrundentauglich waren, vom Feld auf die Tribüne. Wales kam mit exakt zwei guten Fußballern (Bale und Ramsey) ins Halbfinale – aber seine Fans waren klasse, sozusagen weltmeisterlich.

Irland spielte nicht besser als vor vier Jahren, als man eine Packung nach der anderen bezog, aber die Fans sangen womöglich noch schöner und inbrünstiger als die Waliser. Diesmal hätte Irlands limitierter Fußball beinahe ausgereicht, die Franzosen zu eliminieren.

Island bereitete viel Freude, wie es jeder Außenseiter macht, der einem (oder zwei) Favoriten ein Bein stellt. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine perfekte, fast militärisch anmutende Mannschaftsorganisation auf dem Platz, an weite Einwürfe und jenes "Hu!"-Ritual mit dem Donnerklatschen über dem Haupt, das man sich vor zwei Jahren beim schottischen Erstligisten FC Motherwell abgeschaut hat und jetzt als isländische Erfindung von hohem Exportwert gilt.

Fans und weniger fanatische Zuschauer feierten sich selbst, der Fußball an sich aber holte das überwunden geglaubte Prinzip Mauertaktik aus der Mottenkiste. Wo immer sich eine Mannschaft von vornherein dem Gegner unterlegen glaubte, was naturgemäß häufig vorkommt, wenn allzu viele unterklassige Mannschaften teilnehmen dürfen, wurde bis an die Grenzen der Erträglichkeit gemauert.

Cristiano Ronaldo ist Portugal

Auch Portugal, der neue Europameister, war nicht frei von Safety-first-Anwandlungen, doch konnte es selbst in seinen schwächeren Anfangsspielen mit der stupenden lateinischen Ballfertigkeit aller seiner Spieler, insbesondere der Mittelfeldstrategen Joao Mario, des famosen Talents Renato Sanches (künftig Bayern) und Raphael Guerreiro (künftig Dortmund), gefallen, und es verfügte mit Cristiano Ronaldo über den Akteur, der alle Blicke, Emotionen - Sympathien wie Antipathien - auf sich zog.

Was Deutschlands Teammanager Oliver Bierhoff mit dem aus der aus einer alten Werbe-Schatulle hervorgekramten "la Mannschaft" zu inszenieren versuchte, nämlich einen verkaufstauglichen Produkteffekt, das schafft Ronaldo allein. Er ist Portugal, er ist die EM, er ist der Muskelmann des Turniers, und alle möglichen Fuzzy-Fans stellen Gott weiß was an, um mit ihm aufs Foto zu kommen und glücklich davon zu hüpfen, wenn es gelungen ist.

Kein deutscher Spieler, auch kein Franzose, verfügt über ein solches Glamourformat wie Ronaldo.

Musste Portugal im Finale ohne Ronaldo auskommen? Sicher nicht. Seine verletzungsbedingte Abwesenheit spornte mindestens genauso an wie ein mitspielender Ronaldo.   

Portugal war am Ende der verdiente Europameister. So wie die Franzosen im Halbfinale mit Geduld und Spucke und ein wenig Fortüne gegen das athletisch überlegene deutsche Team obsiegten, so powerten die körperlich unterlegenen, aber balltechnisch (und damit fußballerisch) überlegenen Portugiesen am Ende die Franzosen aus.

Je länger das Spiel dauerte, desto häufiger verstanden sie es, den Ball flach und mit souveräner Präzision von Mann zu Mann laufen zu lassen, vier, fünf, sechs Stationen hintereinander, das bekam die französische Mannschaft nur ganz selten hin und vertraute ansonsten der Kraft ihrer Prellböcke Moussa Sissoko oder Olivier Giroud.

Man könnte sagen: Asterix hat sich in einen Portugiesen verwandelt und den Obelix in den Franzosen mit List und fußballerischer Gewandtheit besiegt.

Knick in der religionsartigen Anbetung des Fußballs

Die Motten sind geflogen in und um Saint Denis. Sie sind nicht gegen das französische oder portugiesische Team geflogen, aber gegen eine Turnieraufblähung, die zu üppig ist um spannend zu bleiben, gegen eine Belastung von Spitzensportlern, die gnadenlos ausgebeutet werden, indem sie ganzjährig Spitzenleistungen vollbringen. Das ist keine Frage von horrenden Gagen, sondern der körperlichen und mentalen Möglichkeiten.

Die Befürchtung steht: mit der EM in Frankreich begann der Knick in der religionsartigen Anbetung des Fußballs. Später wird man WM-Turniere an schrecklichen Schauplätzen wie Russland und Katar dafür verantwortlich machen oder Europameisterschaften, die, wie 2020, von Land zu Land vagabundieren. Aber der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. In den vielen unterklassigen Spielen von Frankreich bekam er seine ersten Risse.

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