08.07.2016 EM-Kolumne

Leider nur Handball-Europameister

Ließ seine Zukunft nach dem EM-Aus gegen Frankreich offen: Joachim Löw.
BILDERGALERIE
Ließ seine Zukunft nach dem EM-Aus gegen Frankreich offen: Joachim Löw.  Fotoquelle: Tomasz Bidermann / Shutterstock.com

Jogi Löws Fehler bescherten Deutschland eine verdiente Niederlage im EM-Halbfinale gegen Frankreich.

Von Detlef Hartlap

Als der Bundestrainer Joachim Löw in der 79. Minute seinen Kapitän Schweinsteiger durch Leroy Sané ersetzte, dürfte sich die Trainerelite im Lande an den Kopf gegriffen haben. Wie so oft, wenn Löw zum Jogi wird, der er einst als Trainer-Novize beim VfB Stuttgart war.

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Die Franzosen verteidigten gerade mit Mann und Maus ihren exakt so geplanten, aber doch recht glücklich zustandegekommenen 2:0-Vorsprung, und wen schickt Löw aufs Feld? Einen Konterstürmer. Sanés Stärke liegt darin, mit schnellem Antritt in die Räume vorzustoßen, die ein attackierender Gegner bietet. Als Prellbock gegen eine massive Abwehr ist er bisher nicht in Erscheinung getreten, dazu ist er schon von der Statur her nicht in der Lage.

Was es in dieser Situation gebraucht hätte, wäre ein kopfballstarker Spieler gewesen. Leider war Löws Kader von einer Art, dass nach dem Ausfall von Gomez und der Sperre von Hummels kein solcher mehr vorhanden war. So erlebte die Welt einen Bundestrainer, der in einer schweren, aber noch nicht ganz aussichtslosen Situation die falsche Entscheidung traf und nebenher zu spüren bekam, was es heißt, einen Kader zusammengestellt zu haben, der in einer nicht ganz unüblichen Spielsituation (Rückstand gegen Ende der Partie) nicht die richtigen Spielertypen bereithielt.

Gewiefte Bundesligatrainer werfen bei solcher Gelegenheit ihre längsten und wuchtigsten Abwehrrecken nach vorn. Doch war Boateng bereits verletzt ausgeschieden, Emre Can, der über die nötige Wucht verfügt, war ausgewechselt, und Benedikt Höwedes, der jetzt durchaus Sturmspitze hätte spielen dürfen, kam eher verhalten nach vorn und nur einmal zu einem allerdings sehr schönen Kopfball.

Handballer unter Fußballern geben Rätsel auf

So ist Deutschland in zweifachem Sinne Handball-Europameister geworden. Die Handballer selbst deklassierten Spanien im Finale; die Handballer unter den Fußballern geben Rätsel auf. Sowohl Boatengs Hampelmanneinlage gegen Italien wie Schweinsteigers ausgestreckter Arm gegen Frankreich zeugen von ähnlicher Überforderung in Stresssituationen wie Löws panische Einwechslung von Sané.

Der Bundestrainer gilt im Glanz der 7:1 über Brasilien vor zwei Jahren und im Glorienschein von Deutschlands viertem Weltmeistertitel als unantastbar und vielen als bester Trainer der Welt. Seine Stärke ist unbedingtes Vertrauen in das Können seiner Getreuen (Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller etc.), seine größte Schwäche besteht darin, die zentrale Achse der Mannschaft mit den passenden Spielern zu ergänzen oder Lösungen zu finden, die das Fehlen solcher Spieler im Mannschaftsverbund ausgleichen.

Es war schon in Brasilien ein zäher Akt, ehe Lahm und Boateng auf den richtigen Positionen standen, ehe Klose als Stoßstürmer zur Geltung kommen durfte.

Auch jetzt kam die EM-Mannschaft erst unter starkem öffentlichen Druck und gegen Löws ursprüngliche Pläne zustande. Im Falle Gomez ging das, bis zu seiner Verletzung, gut; im Fall Kimmich als Spieler für die rechte Flanke klappte es nur gegen Gegner von zweifelhaftem Format, wie Nordirland und die Slowakei. Sowohl gegen Italien, erst recht gegen Frankreich war der arme Kerl überfordert.

Löws Treueprinzip birgt gewisse Tragik

Dass sich am Ende Löws Treueprinzip gegen ihn selbst wandte, dass ausgerechnet Boateng und Schweinsteiger schwere Fehler unterliefen, birgt eine gewisse Tragik. Löws ureigenste Schuld besteht indes im sturen Festhalten an Thomas Müller. Müller hatte, um den Spruch des einstigen Mittelstürmers Jürgen "Kobra" Wegmann hervorzukramen, "erst kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu".

Schlimmer, Thomas Müller hatte in diesem Turnier wie auch schon in den letzten Bundesligaspielen nicht das geringste Selbstvertrauen und gehörte nach der für ihn missratenen Vorrunde nicht mehr in die Mannschaft. Löw hielt mit Bedingungslosigkeit eines Liebenden (die niemals die Bedingungslosigkeit eines Trainers sein darf) an ihm fest.

Dürfen sich Löw und seine Spieler, darf sich Fußball-Deutschland damit trösten, ein überlegen geführtes Spiel schicksalhaft infolge einer Verkettung unglücklicher Umstände verloren zu haben?

Das wäre Augenwischerei. Didier Deschamps' Plan ist aufgegangen, Löws Behelfsmaßnahmen sind gescheitert. Der französische Trainer setzte nach anfänglichem Überfallspiel mit kraftraubender Balleroberung auf konzentrierte Defensive mit einzelnen Kontern. 

Er hat gewonnen.

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