VOX-Doku

"Hip Hop – Eine musikalische Revolution": Chronik der deutschen Rap-Geschichte

von Eric Leimann

Seit den wackligen Anfängen in den frühen 90ern hat sich viel getan im deutscher Hip Hop. Die einstige Subkultur ist zur wichtigsten Popmusik der Jugend geworden. Eine VOX-Doku erklärt die Entwicklung des Genres.

VOX
Hip Hop – Eine musikalische Revolution
Dokumentation • 25.06.2019 • 22:30 Uhr

Bei der aktuellen Staffel des VOX-Erfolgsformats "Sing meinen Song" war kein Hip-Hop-Star dabei. Dennoch beschließt der Sender die finale Duett-Show mit einer Doku, die weit über die sonst auf dem Sendeplatz gebotenen "Backstories" der teilnehmenden Künstler hinausgeht. "Hip Hop – Eine musikalische Revolution" breitet über epische 130 Minuten (zuzüglich Werbeunterbrechungen) nichts weniger als eine Chronik der deutschen Rap-Geschichte aus. Von den ungelenken Anfängen weißer Mittelstands-Kids Anfang der 90er – Die Fantastischen Vier und "Die da!?" waren 1992 der erste deutsche Hip-Hop-Hit – bis zum heutigen Millionengeschäft zwischen Extrem-Provokation und Mainstream-Erfolg.

Hip Hop, das beweisen die Charts und andere Umsatzzahlen, ist längst zur dominierenden Jugendkultur Deutschlands geworden. Was die VOX-Dokumentation über das Phänomen besonders macht: Selten hat man so viele Pioniere und aktuelle Stars des Genres in ein und derselben Produktion ihre Geschichte erzählen hören: Von Veteranen wie Smudo, Moses Pelham oder Samy Deluxe über Sido und Eko Fresh bis hin zu aktuellen Charts-Dominatoren wie Kollegah oder 187 Straßenbande. Sie alle und noch zahlreiche Protagonisten mehr kommen ausführlich mit ihrer Geschichte zu Wort, Experten und Fans wie Hip-Hop-Experte Moritz Bleibtreu ordnen knapp 30 Jahre mit deutscher Hip-Hop-Geschichte ein.

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Nein, es ist kein musikhistorisches Proseminar, das VOX hier im XXL-Format über seinen Zuschauern ausgießt. Die Macher der Doku lassen eher die Hip Hopper und kundige Beobachter der Szene selbst reden. Dazu vertrauen sie auf starke Bilder und Sounds, die für jeden verständlich, aber keineswegs flach die Entwicklung des Genres Revue passieren lassen. Klar, im Gegensatz zum Ursprungsland USA kam deutscher Rap nicht von der Straße. Zwar erzählt der "halbe" Afroamerikaner Moses Pelham, wie er als Kind von seinen Cousins im Brooklyn-Urlaub gefragt wurde, welche Rhymes er denn so draufhabe, wodurch er erstmals von der jungen Hip-Hop-Kultur im Big Apple hörte, doch die ersten deutschen Rapper waren andere. Weiße Mittelstands-Kids wie Die Fantastischen Vier aus Stuttgart bereiteten den Weg für eine grundsätzliche Aufmerksamkeit bezüglich des Genres. Hamburger wie Samy Deluxe oder besagter Moses Pelham aus Frankfurt führten wenig später eine härtere, vom Straßenleben geprägte Komponente in die Musik ein. Und doch war es in Sachen Skandal nichts gegenüber dem ab 2001 wirkenden Sound des Labels Aggro Berlin, wo der Extrem-Rapper Sido 2004 von "Mein Block" erzählte.

Gut zehn Jahre nach seiner Erfindung war deutscher Rap "ganz unten" angekommen. Nicht, was das Niveau der Musik betrifft, sondern die schonungslose Schilderung des eigenen Lebens inklusive hohem Aggressionspotenzial mit extra-derber Sprache. Weder die "Beefs" zwischen den ehemaligen Kumpels Eko Fresh und Kool Savas werden ausgeklammert, noch die Geschichte einer Ehe zwischen dem organisierten Verbrechen und Rapper Bushido. Und natürlich wird noch einmal die Geschichte mit der berühmten Zeile "Mein Körper: definierter als von Auschwitzinsassen" der Rapper Farid Bang und Kollegah durchgenommen, die zur Abschaffung des Musikpreises "Echo" führte.

Heute, so scheint es, sind die größten Rapper jene, die polarisieren. Ob nun kalkuliert oder aus ihrer ureigenen Persönlichkeit heraus, darüber darf immer wieder spekuliert werden. Letztendlich ist dieses Mutmaßen auch ein bisschen Teil des Spiels, des Rap-Games. Wo Eltern ihren Kindern Musik verbieten oder Jugendhüter selbige gleich auf den Index setzen, sagt der langjährige Hip Hop-Experte Falk Schacht im Film: "Da werfen sich junge Deutsche gegenseitig Gedichte an den Kopf – anstatt sich zu prügeln. Wie nerdig ist das denn?" Tatsächlich, so das Fazit der sehenswerten VOX-Doku, ist die Hip-Hop-Landschaft heute vielfältiger denn je. Neben großem Pop-Schmuse-Rap von Cro bis hin zum extrem harten Berliner Frauen-Rap-Duo SXTN, Hip Hop war noch nie so dominant, aber auch so vielfältig wie heute. Gerade jene Zuschauer, die (noch) keine Experten für deutschen Rap sind, können durch diese gut zwei Stunden auf VOX ein ordentliches Niveau an Grundwissen erlangen. Experten hingegen werden kaum etwas Neues erfahren, aber sich dennoch gut unterhalten fühlen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst