Seit beinahe 20 Jahren lebt Schauspielerin Inez Bjørg David mittlerweile in Deutschland, ihrer zweiten Heimat, wie sie selbst sagt. Dennoch sieht die gebürtige Dänin in der Politik einiges an Verbesserungspotenzial.

Als Inez Bjørg David mit 19 Jahren von Dänemark aus in ein Auslandsjahr nach Berlin aufbrach, konnte sie kaum Deutsch. Heute, knapp 20 Jahre später, ist Deutschland für die 37-Jährige längst zur Heimat geworden, auch wenn ihr das Siezen nach wie vor eine Qual sei, wie die Aktrice im Interview erzählt. Nachdem die gebürtige Dänin mit Rollen in den Dailys "Verbotene Liebe" und "Sturm der Liebe" ihren Durchbruch schaffte, machte sie gleichermaßen in Kino- wie auch TV-Produktionen von sich reden. In ihrem neuesten Film, der Musikromanze "Wenn's um Liebe geht" (Freitag, 28. Juni, 20.15 Uhr im Ersten), spielt David ein schüchternes Mauerblümchen, das sich zur Stimme der Nation entfaltet. Im Interview verrät sie, welche Herausforderung das Singen für sie darstellte, warum sie sich erst spät zum Schauspielerberuf bekannte und spricht darüber, was in der deutschen Politik falsch läuft.

prisma: Sie haben in Ihrem neuen Film "Wenn's um Liebe geht" selber gesungen. Haben Sie sich dabei wohlgefühlt?

Inez Bjørg David: Nein, überhaupt nicht. (lacht) Das war aber auch ein Grund, warum ich mich entschieden habe, den Film zu machen. Ich bin mittlerweile seit 20 Jahren in diesem Beruf, und es ist ganz selten, dass einem eine Figur über den Weg läuft, die man nicht schon irgendwie gespielt hat. Am Set vor 30 Menschen zu stehen und live zu singen, hat mir einiges an Überwindung abverlangt. Irgendwann gegen Ende hin hat es aber auch Spaß gemacht.

prisma: Waren Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

David: Auf jeden Fall, und ich war erleichtert. Für mich als sehr ehrgeizigen Menschen war es schwer, weil erst relativ kurzfristig klar war, dass ich die Rolle spiele, und zu dem Zeitpunkt gab es die Musik auch noch gar nicht. Etwa fünf Wochen vor Drehbeginn habe ich begonnen, mit einem Gesangscoach zu arbeiten.

prisma: Konnten Sie sich von Ihrer Schwester Anna, die Sängerin ist, Kniffe abschauen?

David: Anna war zu dem Zeitpunkt hochschwanger, und daher war es nicht möglich, sie dahingehend zu involvieren. Aber ich habe mir im Nachhinein das Resultat von Anna abnehmen lassen. Sie wäre übrigens auch mein Backup gewesen, wenn ich es nicht hinbekommen hätte.

prisma: Ihre Schwester ist Sängerin, Sie Schauspielerin: Liegt die Kreativität in der Familie?

David: Ja, bestimmt. Ich sehe das ja auch an meinen Kindern. Das fängt schon zu Hause beim Basteln an, wo es die Kinder ausleben. Das war in meiner Kindheit auch so, dass das positiv gefördert wurde. Es hat nie jemand gesagt: Du wirst auf keinen Fall Schauspielerin oder Sängerin. Es war eher so: Ja klar, wir schauen, was wir dafür tun können.

prisma: Wie hat sich dann der Wunsch entwickelt, Schauspielerin zu werden?

David: Eigentlich gar nicht, weil ich nie Schauspielerin werden wollte. Ich habe auch wirklich lange damit gehadert. Erst nachdem ich schon über 30 Jahre alt war, habe ich meinen Spaß an der Arbeit gefunden. Auch erst dann ging es mir über die Lippen, dass ich wirklich Schauspielerin bin. Früher war es oft nach dem Motto: Ich spiele zwar, aber ich bin es nicht.

prisma: Woher kamen diese Zweifel?

David: Das sind keine Zweifel, ich hatte nur einfach nie den Wunsch Schauspielerin zu werden. Das ist mir so zugeflogen, und deswegen habe ich mich damit einfach nicht wirklich identifiziert.

prisma: Ist Musik eigentlich auch ein Thema, das Sie privat tangiert?

David: Ja und nein. Ich liebe Sprachen, was bekannterweise auch mit Musikalität zu tun hat. Privat ist Musik aber kein großes Thema. Es gibt ja Menschen, die sich total gut auskennen und auch jeden Tag stundenlang Musik hören. Das ist bei mir nicht so. Schon seit vielen Jahren singe ich aber sehr gerne, wenn es um das Meditieren und Mantren geht. Da geht es allerdings eher darum, die Gefühle aus dem Gesang herauszunehmen und die Schwingungen der Worte durch den Körper strömen zu lassen.

prisma: Nehmen Sie Yoga als Rückzugsmöglichkeit zu Ihrem zeitintensiven Job wahr?

David: Auf jeden Fall, aber es ist für mich noch viel eher eine spirituelle Entscheidung. Mir geht es weniger um Entspannung, sondern eher um eine Entwicklung des eigenen Bewusstseins. Während ich drehe, muss ich aufpassen, dass ich nicht zu viel meditiere, weil das oft nicht zusammenpasst. Je nachdem welche Prozesse das Meditieren in mir ankurbelt, ist es einfach schwierig, morgens aufzustehen und spielen zu gehen.

prisma: Inwiefern?

David: Oft konfrontiert man sich dabei mit Dingen, die man eigentlich von sich wegschieben will. Und Spielen zu gehen, funktioniert dann am Besten, wenn ich Spaß dabei habe. Ich sage immer: Glückliche Schauspieler sind wie kleine Kinder. Sie fangen an zu spielen und zu improvisieren, und erst dann können bestimmte Dinge entstehen.

prisma: Sie sind in Dänemark geboren und aufgewachsen. Vermissen Sie heute Ihre Heimat?

David: Nein, das kann ich so nicht sagen. Ich fühle mich schon sehr heimisch in Deutschland. Ich benutze auch öfter aus Versehen den Ausdruck: Wir Deutschen. Was mir aber manchmal fehlt, ist die Fröhlichkeit und der nette Umgang mit fremden Menschen – ob auf der Straße oder beim Einkaufen. Die Dänen sind da einfach viel freundlicher. Auch das Siezen ist für mich nach wie vor eine Qual. Das liegt einfach nicht in meiner Natur.

prisma: Können Sie sich vorstellen, eines Tages nach Dänemark zurückzukehren?

David: Als ich dieses Jahr über Weihnachten in Dänemark war, war das erste Mal der Gedanke da: Es wäre auch ganz nett, im kleinen Dänemark zu leben, wo es einfach entspannter ist. Gerade, weil man in den letzten Jahren das Gefühl hat, dass es auf der ganzen Welt brodelt. Die Aggressionen werden immer deutlicher und die Menschen wütender. Und der Deutsche an sich kann auch einfach extrem gut meckern, obwohl die Wirtschaft seit Jahrzehnten am Boomen ist. Die Menschen sind trotzdem total unzufrieden.

prisma: Nehmen Sie das in Dänemark anders wahr?

David: Ja, dort gehören 80 Prozent der Menschen zur Mittelschicht. Diese verlassen sie nur, weil sie reicher werden. In Deutschland aber sinkt der prozentuale Anteil der Menschen, die in der Mittelschicht sind – diese verlassen sie aber, weil sie arm werden und plötzlich auf Hartz IV landen. Das verunsichert die Bevölkerung. In Dänemark hast du die Sicherheit, dass wenn du aus einem Akademikerhaushalt mit einem gewissen Einkommen kommst, du auch so weiterleben wirst. Hierzulande ist das nicht so, wie man unter anderem auch am Schauspielberuf sehen kann.

prisma: Inwiefern?

David: Es gibt ausgebildete Schauspieler, die null abgesichert sind, wenn sie von heute auf morgen keine Aufträge mehr bekommen. Die gehen sofort auf Hartz IV. Ich drehe sehr viel. Anfang des Jahres war ich beim Arbeitsamt und dachte, nach den vielen Drehs hätte ich Anspruch auf Arbeitslosengeld. Letztlich haben fast 100 Versichertentage gefehlt. Das ist lächerlich, weil das kein Schauspieler hinbekommen kann. Wenn es um die Kunst geht, sind die Deutschen schlecht darin, auf ihre Künstler aufzupassen.

prisma: Stichwort Politik: Sie sind sehr engagiert, was das Thema Nachhaltigkeit betrifft. Wo würden Sie den Grund für den Drang nach Veränderung verorten? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

David: Nein, das hatte ich schon immer. Schon als ich vier oder fünf Jahre alt war, wollte ich hilflosen Tieren helfen. Im Teenageralter kam dann ein sozialpolitisches Empfinden dazu. Mir ist bewusst geworden, dass Menschen nur Respekt geben können, wenn ihnen auch Respekt entgegengebracht wird. Das ist in Deutschland auch das Problem. Der Mensch wird vom System sehr oft respektlos behandelt. Und dann wundert man sich, dass der Mensch wütend durch die Gegend läuft, weil er sich vom System geknechtet fühlt.

prisma: An was denken Sie im Speziellen?

David: Was ich zum Beispiel schon immer absurd fand, ist, dass bereits in der vierten Klasse klar ist, wer Abitur machen darf und wer nicht. Was für ein Klassendenken! Da werden Kinder schon so früh solchen Erlebnissen von Misserfolg ausgesetzt. Oder anders herum: Du bist der Auserwählte, du bist gut genug. Soll das vorteilhaft für das Kind sein?

prisma: Der jungen Generationen wurde lange Politikverdrossenheit vorgeworfen. Unter anderem wegen der "Fridays for Future"-Bewegung ist die Jugend politisch wie lange nicht. Wie beurteilen Sie diesen Wandel?

David: Ich finde das großartig. Schon seit Jahren habe ich den Eindruck, dass die Politik keine Politik für das Volk und die Bürger macht. Ich finde es toll, wenn man die Politiker endlich wachrüttelt und sagt: Die Jugend macht das so nicht mit, den Schwachsinn und das Geschwafel von langsamem Wandel. Es gibt so viele Länder, von denen man sich einiges abgucken kann. Selbst in Indien haben sie von heute auf morgen Plastiktüten verbannt. Und das kriegen wir im super organisierten und strukturierten Deutschland nicht hin?

prisma: Haben Sie schon mit dem Gedanken gespielt, in die Politik zu gehen?

David: Ja, darüber habe ich schon nachgedacht. Ich habe mich aber aus mehreren Gründen dagegen entschieden, unter anderem wegen dem Faktor Zeit und wegen der Familie. Bisher war es einfach nicht die richtige Zeit für mich – auch wenn ich es nicht ausschließen will, das irgendwann zu machen.

prisma: Bei Ihrem Engagement im Verein "Cradle to Cradle" sind Sie mit anderen Prominenten wie Bela B. und Sarah Wiener in illustrer Gesellschaft. Stehen Sie als Person der Öffentlichkeit in einer besonderen Verantwortung?

David: Für mich persönlich würde ich das mit Ja beantworten. Ich würde aber nicht den Rückschluss ziehen, dass andere Personen der Öffentlichkeit das auch tun müssen. Ich denke, jeder sollte das tun, was für ihn authentisch und ehrlich ist und wofür man brennt. Bei "Verbotene Liebe" wurde mir einst von der Pressestelle vorgeschlagen, dass ich mich für gute PR für irgendwelche Vereine einsetzen solle. Das habe ich abgelehnt, weil es einfach nichts mit mir zu tun hatte. Wenn ich etwas tue, dann tue ich es richtig.


Quelle: teleschau – der Mediendienst