Ulrich Seidl ist der erste Regisseur, der es innerhalb eines Jahres mit den jeweiligen Teilen einer Trilogie zu den drei bedeutendsten europäischen Filmfestivals – Cannes, Venedig und Berlin – geschafft hat. Doch hält der Abschlussfilm der Paradies-Trilogie auch, was man sich von ihm verspricht?

Während Mama mit ihrer unstillbaren Sehnsucht nach dem "Paradies: Liebe" als Sextouristin in Kenia strandete und die fanatische Tante den Weg in das "Paradies: Glauben" nicht fand, sucht die blutjunge Tochter Melanie nun ausgerechnet bei einem pädophilen Arzt in einem Diätcamp nach dem "Paradies: Hoffnung". Willkommen im letzten Teil der Paradies-Trilogie des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl, den das Erste nun zu später Stunde im Programm hat.

"Wir werden trainieren, bis die Schwarten krachen und die Kilos purzeln." So begrüßt der sadistisch veranlagte Sporttrainer (Michael Thomas) die übergewichtigen Jugendlichen, die auf Wunsch ihrer Eltern wieder in Form gebracht werden sollen. Einziger Hoffnungsschimmer für die mollige Melanie (Melanie Lenz) an diesem Vorort der Hölle ist der fesche, grauhaarige Diätarzt (Joseph Lorenz), der auf üppige Mädchenkörper steht. Er flirtet und spielt harmlose Doktorspiele mit der kleinen "Lolita", nur um sie beim nächsten Mal wieder brüsk zurückzuweisen. So lernt man womöglich, nicht nur seinen Heißhunger, sondern auch seine Gefühle zu disziplinieren. Doch im Gegensatz zu ihren verbitterten nahen Verwandten, deren Geschichten in den zwei ebenso eigenständigen Vorgängerfilmen erzählt worden, ist Melanie noch mit einem dicken Hoffnungspolster ausgestattet.

Nächtliche Naschorgien und Ausbruchsversuche, vor allem aber die pubertären Gespräche mit ihrer sympathischen Zimmergenossin Verena (Verena Lehbauer) spenden Melanie Trost. Diese Dialoge, zweifelsohne die bescheidenen Höhepunkte von "Paradies: Hoffnung", sind wie bei Seidl-Filmen üblich frei improvisiert, was neben der langen und sorgfältigen Vorbereitung seiner Filme dazu beiträgt, dass diese beinahe dokumentarisch wirken. Gleichzeitig scheinen die unschuldigen Mädchengespräche das filmische Gesamtkonzept des Regisseurs zu unterwandern: Im Gegensatz dazu wirken die Szenen, die Seidl in seinen nicht minder typischen, langen Einstellungen eingefangen hat, plötzlich ungewohnt langatmig und konstruiert.

Melanies auf auratischem 16mm Filmmaterial festgehaltene Passionsgeschichte trägt durchaus Züge derjenigen ihrer ebenfalls sehr einsamen Mutter, die im aktuellen Film nur kurz erwähnt wird. Doch "Paradies: Hoffnung" erreicht bei weitem nicht die Wucht des ersten Teils "Paradies Liebe". Dazu wirkt der letzte Teil der Trilogie viel zu diskret. In Erinnerung bleiben nur dicke Kinder in schön fotografierten Tableaus.


Quelle: teleschau – der Mediendienst