Doku bei ARTE

"Weil du nur einmal lebst": Auf Augenhöhe mit den Toten Hosen

von Kai-Oliver Derks

Campino und seine Band-Kollegen lassen in "Weil Du nur einmal lebst" zwar keine Einblicke in ihr Seelenleben zu, aber als Musikfilm funktioniert die Doku bestens. Bei ARTE ist sie nun erstmals im deutschen Fernsehen zu sehen.

ARTE
Weil du nur einmal lebst
Dokumentation • 29.01.2021 • 21:55 Uhr

"Die Toten Hosen auf Tour" lautet der Untertitel dieses Films. Und er steht für nicht mehr, aber auch nicht weniger. Andere, respektive weitergehende Erwartungen sollte man nicht haben. Die Regisseurin Cordula Kablitz-Post, die die Hosen über Monate bei ihrer letzten Tour begleitete, hat einen persönlichen Film gedreht. Aber keinen privaten. Blicke hinter die Kulissen der Band gibt es reichlich, und doch erfährt man über ihre Mitglieder nicht viel. Dass sie Väter sind, die auf Tour ihre Familien zurücklassen. Dass sie vermögend sind und sich womöglich fragen, wie das noch mit Punk zusammenpasst. Dass sie auch künstlerische Höhen und Tiefen durchliefen – das und vieles mehr bleibt außen vor. "Weil Du nur einmal lebst" ist in erster Linie ein Musikfilm, und als solcher ist er wirklich gut. 

Ein Film für die Fans also. Und von Fans, so scheint es. Dabei ist es gerade einmal 16 Jahre her, dass Cordula Kablitz-Post, geboren 1964, ihr erstes Hosen-Konzert besuchte. Angesichts der langen Geschichte der Düsseldorfer Band ist das vergleichsweise wenig. Zumal die Zeit Anfang des neuen Jahrtausends ganz sicher nicht zu den besten der Hosen gehörte. Doch dann traf die Filmemacherin für eine ARTE-Doku Frontmann Campino, später folgte noch ein Film für die ARD. Campino sah sich offensichtlich gut porträtiert. Und Band sowie Management gaben ihre Einwilligung zu dieser neuen Tour-Dokumentation, die von Anfang an fürs Kino geplant war und dort auch vor allem ob ihres opulenten Sounds hingehörte.

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180 Stunden Filmmaterial lagen am Ende dieser Monate auf dem Schneidetisch. Etwa die Hälfte des Films gehört der Musik. Über 20 Titel werden in Ausschnitten gezeigt, aufgenommen an unterschiedlichen Orten während der Tour. Die Konzertregie übernahm Paul Dugdale, der in seiner Karriere zahlreiche große Künstler mit der Kamera inszenierte. Seine besondere Fähigkeit: Er richtet die Regie auf den individuellen Charakter der Show aus. Dugdale filmte unter anderem auch Helene Fischer und Ed Sheeran. Aber das musste eben anders aussehen als nun bei den Hosen.

"Altes Fieber" mit den Fans

Im Ergebnis heißt das: keine Kräne, alles auf Augenhöhe. Keine überflüssigen Schnitte. Kamera laufen lassen und vor allem: das Publikum im Blick behalten. Konzerte der Toten Hosen sind in der Regel vor der Bühne baugleich und daher ein ebenso einzigartiges wie verlässliches Erlebnis. Und manchmal passiert eben oben deutlich weniger als unten.

Denn dort sind sie, die Damen, mit den Flaggen in der Hand auf den Schultern der Männer. Dort brennen Pyros, dort schwimmen Zuschauer über die Menge oder knallen beim Pogo aufeinander wie die Kegel. Alles wirkt wild, losgelassen, unkontrolliert – und ist es doch nicht. Es ist eine große Zeremonie, in der sich die Fans, die tatsächlich jeder Generation entstammen, für zwei, drei Stunden ausklinken aus dem Leben und erinnern an das, was die Band selbst das "alte Fieber" nennt und was seit Corona so weit entfernt scheint wie der Mond. Das alles ist glänzend eingefangen in eindrucksvollen Bildern. Dazu gibt es einige wenige Kurzinterviews mit den Treuen. Ein bisschen wenig sind es vielleicht.

Und immer zwischen den Songs blickt der Film hinein ins Tourleben der Toten Hosen, was Campino gleich zu Beginn ehrlich wie folgt beschreibt: "Am Anfang unserer Tage sind wir aus dem normalen Leben ausgebrochen und schweren Herzens wieder in den Alltag zurückgekehrt. Heute ist es genau umgekehrt. Wir können feiern, wenn wir zu Hause sind." Es droht – ein langweiliger, weil nüchterner Film. Nun, ganz so wird es dann doch nicht. Wein und Bier gibt es ab und an dann schon. Aber das Wasser regiert.

Der Film dokumentiert auch die Schattenseiten. Für mehrere Wochen musste die letzte Tour unterbrochen werden, nachdem bei Campino ein Hörsturz diagnostiziert wurde. Die Kamera ist dabei, wenn sich die Band gemeinsam fragt: "Was nun?" Es ist ein Wandel auf dem schmalen Grat bei der Rückkehr Campinos in Stuttgart. Hält das Gehör? Oder wird alles nur noch schlimmer?

Und ein zweites Mal nahmen aktuelle Ereignisse Einfluss auf den Film. Nach den Zwischenfällen in Chemnitz entschlossen sich die Hosen, bei dem #wirsindmehr-Konzert gegen Rechts aufzutreten. Man erinnert sich parallel dazu in Interviews an alte Zeiten, als Nazis ein ums andere Mal Auftritte der Hosen sprengten. Bassist Andi: "Wenn einer den Hitlergruß macht, bleibt man nicht auf der Bühne. Dann regelt man das."

Immer wieder kommen Mitglieder der Band zu Wort, sprechen über Campino, über die Musik und die Fans. Über sich selbst sprechen wenige in diesem Film, der sich ab und an in den vielen charmanten Randmomenten einer solchen Tour verliert. Da kommt mal eben Rod von den Ärzten vorbei oder Norbert Hähnel, der einst bei den Hosen als "wahrer Heino" auftrat. Und dann geht es wieder ab in den Tourbus und auf zur nächsten Station.

Argentinien als krönender Abschluss

Langweilig wird das alles nie, zumal auch immer wieder Mitglieder der Crew zu Wort kommen, die sich an die eine oder andere Anekdote erinnern. Es sind sogar die charmanteren Momente, spürt man doch bei der Band selbst die Professionalität und Erfahrung, die sie in all den Jahren im Umgang mit der Kamera gesammelt hat.

Am schönsten wird es dann am Ende, wenn es nach Argentinien geht. Ein Ort, der auch für eingefleischte Fans hierzulande als zweite Hosen-Heimat stets etwas Mystisches hatte. Dort wird gefeiert beim Wein, es gibt lässige Begegnungen auf der Straße und ein grundehrliches Punk-Konzert in einer kleinen Halle ohne Absperrgitter. Und es wird klar, warum es die Hosen immer wieder dorthin zieht. Dort ist es heute für sie so, wie es früher hier einmal war: wild und irgendwie frei.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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