Krzysztof Kieslowski

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Krzysztof Kieslowski schürfte zuletzt gern in Seelentiefen
Krzysztof Kieslowski
Geboren: 27.06.1941 in Warschau, Polen
Gestorben: 13.03.1996 in Warscheu, Polen

Krzysztof Kieslowski studierte an der Hochschule für Theater, Film und Fernsehen in Lódz. Seine Lehrer waren unter anderem Filmhistoriker Jerzy Toeplitz (dessen umfangreiche Filmgeschichte auch ins Deutsche übersetzt wurde), Filmregisseur Andrzej Wajda und die Dokumentarfilmer Jerzy Bossak und Kazimierz Karabasz. "Ende der 60er Jahre", sagt Kieslowski, "war eine Phase stürmischer politischer Bewegungen, doch im Bereich der Kultur, insbesondere des Films, war es eine Zeit der Stagnation."

1969 erhielt Kieslowski sein Regie-Diplom für einen Dokumentarfilm, "Aus der Stadt Lódz". Danach arbeitete er als Regisseur beim renommierten Dokumentarfilmstudio Warschau (WFD). In den 70er Jahren drehte Kieslowski zwei Dutzend Filme, sowohl Dokumentarisches als auch Fiktives. Immer setzte er sich mit dem Alltag in Polen auseinander und wies auf soziale Missstände hin. Das war nicht ganz im Sinne der offiziellen Propaganda-­Linie des Gierek-­Regimes (1970­1980).

Der Dokumentarfilm "Die Fabrik" (1970) zeigt beispielsweise die mühselige Herstellung eines Traktors. In "Das Krankenhaus" (1976) zeigt Kieslowski mit der Kamera kommentarlos Missstände einer Unfallchirurgie. Seine Erfahrungen aus dem Dokumentarfilm flossen nahtlos in die Spielfilme ein. In "Personal" (1975) wirken die gestellten Aufnahmen so, als seien sie zufällig von der Kamera eingefangen: Ein junger Theaterschneider ist zunächst von der Welt des Theaters fasziniert, doch er muss erkennen, dass hinter den Kulissen mit denselben miesen Tricks intrigiert und denunziert wird wie in der restlichen Gesellschaft. Am Ende muß er sich entscheiden, ob er das Spielchen mitspielen oder das Handtuch werfen will.

Dieser realistische Filmstil ist die Konsequenz eines Manifestes, das Kieslowski und einiger seiner Regiekollegen schon 1971 beim Kurzfilmfestivals in Krakau verbreitet hatten: In einer Zeit, als das polnische Kino überwiegend nette Weltflucht anbot, forderten sie den genauen dokumentarischen Blick auch im Spielfilm.

Sein erster Spielfilm war "Der Maurer" (1973). In dem Dokumentarfilm "Lebenslauf" (1975) zeigt Kieslowski eine Parteiausschlußsitzung, in der so ziemlich das ganze Leben des Angeklagten auseinandergenommen wird. Dabei treten zahlreiche Konflikte zwischen Partei, Betriebsleitung und Arbeitern zutage. In "Ruhe" (1976) will der Arbeiter Antoni es allen Recht machen, weil er seine Ruhe haben möchte. Doch seine Kollegen halten ihn für einen Spitzel der Betriebsleitung und schlagen ihn tot. "Die Narbe" (1976) zeigt, wie der aufrechte Direktor eines neuen Chemiekombinats zwischen den Protesten der Bevölkerung, den Zwängen der Behörden und Intrigen im Werk aufgerieben wird.

"Der Filmamateur" (1979) handelt von einem Arbeiter, der sich zur Geburt seiner Tochter eine Filmkamera kauft. Man bittet ihn, auch das Firmenjubiläum seiner Fabrik abzulichten. Doch er sieht - ganz unschuldig - mit seiner Kamera zu genau hin; er stößt auf Widerstand. Am Ende zerbricht sogar seine Ehe, und ein Freund wird seinetwegen entlassen.

Von 1978 bis 1981 war Kieslowski Vizepräsident des regimekritischen Verbandes der polnischen Filmschaffenden. Dies und die unverändert kritische Haltung seiner Filme waren dafür verantwortlich, dass er 1981 nach der Verhängung des Kriegsrechts bei den Offiziellen endgültig in Ungnade fiel. Das äußerte sich zum Beispiel darin, dass sein Film "Zufall" (1981) erst 1987 aufgeführt werden durfte.

In diesem Werk zeigt Kieslowski in drei Varianten drei verschiedene Lebensläufe ein und derselben Person. Am Ende steht immer das Scheitern: Der junge Witek Dlugosz will sein Medizinstudium aufgeben und nach Warschau fahren. Er kommt an, als der Zug gerade abfährt. In der ersten Variante erwischt er ihn noch so eben, und in der Bahn trifft er einen alten Parteifunktionär, der ihn zum Eintritt in die Partei überredet. In der zweiten Variante wird Witek beim Versuch, auf den Zug zu springen, gestoppt und verhaftet. Im Gefängnis trifft er ein Mitglied der kirchlichen Opposition, der er sich anschließt. In der letzten Variante schließlich verpasst Witek den Zug, trifft auf dem Bahnhof ein Mädchen und nimmt sein Studium wieder auf. Als er ins Ausland reisen soll, explodiert sein Flugzeug.

Beim Publikum stießen die Filme Kieslowskis auf reges Interesse. Die Zensurbehörde gestattete erst zwei Jahre nach der Fertigstellung des 18-minütigen Dokumentarfilms "Vom Standpunkt eines Nachtwächters", dass der Film in einem Vorstadtkino als Vorfilm eines obskuren orientalischen Spielfilms gezeigt werden durfte. Als Folge davon kamen tagtäglich ganze Busladungen mit Zuschauern angereist, die sich den Vorfilm anschauten und anschließend das Kino wieder verließen. (Doch die Zeiten sollten sich wandeln. Mit der Öffnung zum Westen hin verlor das kritische polnische Kino sein Publikum. Angesagt waren nun amerikanische TV-Serien und Kommerzware aus Hollywood.)

Der Film "Ohne Ende" (1984) markiert den Beginn der langen und fruchtbaren Zusammenarbeit von Kieslowski und dem Anwalt Kzysztof Piesiewicz, dem späteren Co-­Autor der Dekalog-­Drehbücher. Ein Anwalt für politisch motivierte Straftäter stirbt plötzlich. Seine Frau Ula kommt über den Verlust nur zeitweise hinweg und begeht am Ende Selbstmord. Kieslowski sagt dazu: "Ich glaube nicht mehr an Politik. Politik kann nur scheinbar etwas verändern. Ich verachte Menschen, die sich politisch betätigen. Sie haben die Welt geschaffen, in der wir leben müssen."

In "Ohne Ende" dominiert nicht mehr die dokumentarisch exakte Beschreibung des Alltags. Kieslowski wendet sich zunehmend dem Innenleben seiner Figuren zu. Dabei entdeckt er eine Diskrepanz zwischen der offiziellen und der tatsächlichen Realität; er verarbeitet das zu der fatalistischen Weltsicht, dass Menschen mit guten Absichten in diesem Umfeld so oder so scheitern müssen.

Seinen großen internationalen Durchbruch hatte Kieslowski Mitte der 80er Jahre mit der TV-Serie "Dekalog". In den jeweils einstündigen Folgen untersucht er die Gültigkeit der zehn Gebote für die heutige Zeit. Zwei dieser Filme, "Ein kurzer Film über das Töten" (1987) und "Ein kurzer Film über die Liebe" (1988) kamen in erweiterten Fassungen auch ins Kino und hatten international großen Erfolg. Für "Ein kurzer Film über das Töten" erhielt Kieslowski den Spezialpreis der Jury beim Filmfestival von Cannes.

In "Die zwei Leben der Veronika" (1991), seiner ersten französisch-polnischen Koproduktion, erzählt Kieslowki die seltsamen und nicht näher erklärbaren Ereignisse um zwei junge Frauen (beide von Irène Jacob gespielt), die sich nie begegnet sind, aber dieselbe Person zu sein scheinen: hochmusikalisch, aber herzkrank. Die Erfahrungen der einen kann die andere unbewusst verwerten. Mit diesem Film entfernte sich Kieslowski von seinem früheren Realismus und wandte sich einer manchmal bestechenden, manchmal übermäßig bedeutungsschwangeren Filmpoesie zu.

Großen Erfolg hatte Kieslowski mit seiner Trilogie "Drei Farben". Darin nimmt er sich der französischen Trikolore an und fragt nach der Gültigkeit der durch die drei Farben signalisierten Ideale von "Freiheit", "Gleichheit" und "Brüderlichkeit". In "Drei Farben: Blau" (1993) erlebt Juliette Binoche als junge Komponistenwitwe, dass der Mensch heute in so viele Zwänge eingebunden ist, dass von Freiheit keine Rede mehr sein kann. Kieslowski legt in seiner Trilogie großen Wert auf die Farbgestaltung; es dominiert die jeweils titelgebende Farbe. Doch trotz einiger großartiger Details macht sich in "Blau" eine zunehmend störende Künstlichkeit breit, die eher auf die künstlerische Selbstverwirklichung der Beteiligten abzielt als auf eine treffende Aussage zu Phänomenen unserer Zeit.

Das gilt auch für den als Komödie angelegten "Drei Farben: Weiß" (1994) mit Julie Delpy, worin die nicht sonderlich tiefgreifende Einsicht vermittelt wird, dass es auch mit der Gleichheit heutzutage nicht zum besten bestellt ist. Dennoch gab es dafür bei der Berlinale einen Silbernen Bären. Letzter und mit Abstand bester Teil der Trilogie war "Drei Farben: Rot" (1994). Getragen von zwei großartigen Schauspielern - Jean-Louis Trintignant und Irène Jacob - gelingt es dem Film nicht nur, Motive der gesamten Trilogie sehr schön zu bündeln und zusammenzufassen, auch sagt er zu seinem Thema - hier: "Brüderlichkeit" - erstmals in der "Drei Farben"-Reihe etwas wirklich Orginelles.

Jean-Louis Trintignant spielt in "Rot" einen alternden Richter, der seine Freizeit damit verbringt, die Nachbarn auszuspionieren. Er lernt eine junge Frau kennen (Irène Jacob), die ihm schockiert klarzumachen versucht, dass diese Art, am Schicksal seiner Zeitgenossen teilzuhaben, doch wohl keine Brüderlichkeit sein kann. Für "Rot" erhielt Kieslowski eine Oscar-Nominierung in der Kategorie bester Regisseur.

Im Anschluss an "Rot" gab Kieslowski seinen Entschluss bekannt, mit dem Filmemachen ganz aufzuhören. Gelegenheit, seinen Entschluss zu revidieren, hatte er nicht mehr. Im Alter von nur 54 Jahren erlag er einer Herzattacke. Sein Regiekollege Krzysztof Zanussi sagte über ihn: "Kieslowski war ein Mann von außerordentlicher Aufrichtigkeit, außerordentlichem Mut und außerordentlicher Unabhängigkeit. Ein Mensch, der in Zeiten wie heute besonders fehlen wird."


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