Sein Team habe sich zu allererst selbst begeistern lassen von den Plastiken Mirós, sagt Achim Sommer, Direktor des Max-Ernst-Museums. Jetzt stellt das Haus genau diese aus – in einer "Welt der Monster".

Die Arbeiten des katalanischen Malers, Grafikers und Bildhauers Joan Miró sind Steilvorlagen für die Fantasie – und somit auch Steilvorlagen für Museen. Mit seinen Gemälden und Plastiken lassen sich nicht nur fantastische Ausstellungen bestücken, sie sind auch ein Glücksfall für Museumspädagogik und Marketing. Das sagt auch Achim Sommer, Direktor des Max-Ernst-Museums Brühl, das Mirós Plastiken jetzt ausstellt. Florian Blaschke hat Achim Sommer getroffen und mit ihm über die heikle Gattung Plastik, Jugendliche als Zielgruppe und die Chancen von Augmented Reality gesprochen.

Herr Dr. Sommer, Sie stellen plastische Arbeiten von Miró aus. Mit welchem Konzept?

Es geht darum, einen weiteren Künstlerkollegen von Max Ernst vorzustellen und dabei einen Aspekt aus dessen vielseitigem Werk herauszuheben, der nicht so bekannt ist. Insbesondere überspült die Druckgrafik alles, bis hin zu Werbung, T-Shirts oder Kalendern. Aber das plastische Werk ist nicht so präsent. Wir hatten die Möglichkeit, durch gute Kontakte zur Fondation Marguerite et Aimé Maeght, die von dem gleichnamigen Galeristen-Ehepaar in Südfrankreich gegründet wurde, aus der rund 160 Werke umfassenden plastischen Sammlung auszuwählen. Und parallel können wir farbige Zeichnungen und Malereien zeigen, die einen Dialog ermöglichen – alles aus den 1960er- und 1970er-Jahren.

Skulpturen auszustellen, ist nicht so einfach – gerade in Kombination mit Malerei. Wie haben Sie versucht, das zu lösen?

Wir haben zuletzt mit der Ausstellung über Jaume Plensa viele Erfahrungen sammeln können. Und auch in der Dauerausstellung begegnen Ihnen in fast jedem Raum Plastiken von Max Ernst. Das Besondere bei Miró ist nun, dass wir Sockel geschaffen haben, die Grundformen aus seinen Bildern aufgreifen: den Mond, die Schlangenform, den Kreis und das Dreieck. So haben wir den Dialog verstärkt – ebenso wie das die farbigen Wände tun. Es besteht also ein Bezug zwischen den teils farbig gefassten Plastiken und Bildern sowie den Motiven und der Ausstellungsarchitektur.

Auch wenn Miró seine Objekte selbst Monster genannt hat, sind sie meist liebenswert – fast niedlich und verspielt. Kann die Ausstellung das Versprechen, eine "Welt der Monster" zu bieten, da halten?

Monster müssen ja nicht immer erschrecken, sie sind nicht immer bösartig. Frankensteins Monster ist ja auch beides, es macht Angst, hat aber auch etwas Hilfloses, Tollpatschiges. Bei Miró kommt dazu, dass er teilweise sehr witzige Abstraktionsprozesse einsetzt – da ist er viel frecher und freier als Max Ernst, so erscheint es mir manchmal. Und Miró nutzt eine sehr erfrischende Kombinatorik.

Ihr Haus überlegt sich sehr viel für junge Menschen und Kinder. Fällt die Wahl auf Miró auch deshalb, weil er sich dafür so gut eignet?

Wir haben uns zu allererst begeistern lassen von seinen Plastiken. Erst in einem zweiten Schritt denken wir darüber nach, wie wir das an unser junges Publikum vermitteln können. Und da bieten sich bei Miró tatsächlich viele Möglichkeiten. Er selbst hat gesagt, es komme nicht auf ihn an oder seine Kunst, die könne ruhig vergehen, sondern darauf, dass der Samen, den sie gelegt hat, weiterwächst. Das passt sehr gut zu unserer kostenlosen App "Mirós Monster", mit der Besucher seine Methode des surrealistischen Zusammenfügens spielerisch nachempfinden können. Junge Menschen sind ja die schwierigste Besuchergruppe, die aber das meiste Zukunftspotenzial hat, und wir glauben, sie mit solchen Aktionen an Kunst heranführen zu können. Entstanden ist diese App übrigens in Zusammenarbeit mit dem "Cologne Game Lab", Institute for Game Development & Research der TH Köln, mit dem wir auch schon bei unserer M.C.- Escher-Ausstellung zusammengearbeitet haben.

Gibt es darüber hinaus digitale Angebote?

Allerdings. Wir haben beim Katalog Augmented-Reality-Elemente eingebaut. Dafür wurden elf Plastiken rundherum abfotografiert. Betrachtet man die Katalogseiten mit der kostenlosen App "Miró 360°", wirkt es, als stünde die Skulptur auf der Katalogseite – und das unglaublich plastisch. Sie können die Oberfläche studieren, einmal drum herumgehen und Details genauer betrachten. Gerade für die schwierige Vermittlung von Plastiken eine unwahrscheinlich tolle Sache.

Würde ich unter Ihren Direktoren-Kollegen eine Umfrage machen, würden viele das für nichts als Spielerei halten ...

Ja. Oder man würde sagen, das sei nur Marketing. Ich finde es aber faszinierend, weil sich neue Möglichkeiten für die Wiedergabe von Kunstwerken bieten. Ich muss dazu sagen, dass all das ohne jüngere Mitarbeiter, die auch mir hin und wieder die Augen öffnen, nicht möglich wäre. Eigentlich bin ich ein "abgehängter Analoger", deshalb ist die wichtigste Frage, ob ich bereit bin, mich zu öffnen. Und ob ich begeisterungsfähig für Entwicklungen und neue technische Möglichkeiten bin, mit denen ich besser vermitteln kann. Mein Auftrag ist ja nicht, Kunst zu präsentieren und dabei möglichst wenige Zuschauer ins Haus zu holen, weil die bloß die Hängung und die erhabene Atmosphäre stören, sondern die Kunst überzeugend an die Frau und an den Mann zu bringen. Und an das Kind.

Ursula Bode hat in den 1980ern über Miró geschrieben, er sei kein Bildhauer, sondern ein Bildfinder. Würden Sie ihr zustimmen?

Ich würde ihr klar zustimmen. Er hat auf seinen Spaziergängen Sachen gefunden, die andere schlicht übersehen haben, und sie in seinen Ateliers erst mal ablagern lassen, als Inspirationsmasse. Wenn es dann so weit war, hat er daraus Figuren zusammengestellt. Ich finde es spannend, was er ausgewählt hat und was daraus werden kann und geworden ist. Und: Dass das auch für uns noch nachvollziehbar ist. Am Ende hat Miró diese kombinierten Objekte dann abformen, in Bronze gießen lassen und poetisch behauptet, das sei eine "Frau und Vogel" oder ein "Kopf in der Nacht". Das senkt ja auch die Barriere zwischen Künstler und Betrachter. Zumindest auf den ersten Blick könnte das, was er gemacht hat, ja jeder. Völlig richtig, und auch deshalb haben wir unsere App "Mirós Monster" entwickelt, bei der ich etwas sammle und daraus Neues zusammenstelle. Bei Michelangelos "Beweinung Christi" in Rom bin ich allein schon von der Vorstellung überwältigt, wie er sie geschaffen hat. Miró aber interpretiert Gegenstände, die weggeworfen wurden, die eigentlich sinnlos sind, neu. Und damit schafft er einen poetischen Anti-Raum zu dem, was uns sonst umgibt. Solche Räumlichkeiten der freien Entfaltung bieten wir übrigens in unserem "Fantasie Labor", in dem alle Altersstufen praktisch kreativ sein können.

Und sehen Sie da auch eine Gefahr?

Dass die Ehrfurcht vor der Kunst zu gering werden könnte? Muss es diese Ehrfurcht geben? Muss ich immer geistig niederknien? Oder kann ich mich nicht auch anders angesprochen fühlen? Kunst kann uns berühren, uns aus dem Alltäglichen emporheben. Und uns erkennen lassen, dass in allen auf einzigartige Weise etwas Künstlerisches steckt.

Und beim Inhaltlichen? Was ist das Aktuelle an Surrealismus und Dadaismus?

Das kreative Potenzial, die andere Art und Weise, Wirklichkeit zu sehen und umzudeuten, mich selbst in Frage zu stellen. Und dass es möglich ist, Kunstwerke aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten. Damit ist man immer aktuell, dafür braucht man noch nicht einmal Apps.