Markus Schöttl spielt den 37-jährigen Harry Potter im Theaterstück "Harry Potter und das verwunschene Kind". Die Bücher kannte er beim Casting nicht.

Wie sind Sie zu dem Stück gekommen?

Ich habe vor einigen Jahren "Harry Potter und das verwunschene Kind" in London gesehen, weil Freunde von mir große Harry Potter-Fans sind. Von Kollegen habe ich dann irgendwann erfahren, dass das Stück nach Deutschland kommt, als alle das deutsche Theaterskript mit sich herumge-schleppt haben. Die Frage „Bewirbst du dich auch?“ wurde mir öfter gestellt. Und als alle angefan-gen haben, die Szenen zu lernen, dachte ich mir: Du bewirbst dich jetzt einfach auch.

Wie lief das Casting ab?

Es war ein sehr transparentes, intensives Casting. Pro Tag wurde eine Rolle gecastet, also habe ich meine Mitbewerber direkt gesehen. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass die Wahl auf mich fällt. Als ich weggefahren bin, habe ich mir gedacht, dass es sich gelohnt hat. Egal, ob ich die Rolle kriege oder nicht. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Leute für mich als Person interessiert haben. Das passiert nicht oft bei Castings.

Haben Sie Daniel Radcliffe im Kopf, wenn Sie Harry Potter verkörpern?

Nein, gar nicht. Ich finde Daniel Radcliffe ist ein wahnsinnig toller Schauspieler. Mich mit ihm zu vergleichen, wäre vermessen. Ich bin ich. Ich versuche auf meine Art, die Rolle mit Leben zu füllen. Es ist schwierig und es wäre auch falsch, etwas nachzuahmen. Und das ist auch nicht der Sinn der Sache.

Ist es für Sie leichter, sich in die Figur hineinzudenken, weil Sie den älteren Harry Potter spielen?

Ja, wir sind ja auch ungefähr dasselbe Alter. Ich habe zwar keine Kinder, aber ich bin ausgebildeter Kindergärtner und Erzieher. Dadurch habe ich einen guten Zugang und kann mir gut vorstellen, wie es für Harry Potter sein muss. Was er alles schon erlebt hat. Wie es ist, Vater zu sein, wo er doch selbst ohne Eltern aufgewachsen ist.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe die Bücher damals nicht gelesen. Sie sind zur Zeit meines Abiturs erschienen, da haben mich ganz andere Dinge bewegt. Diese Harry Potter Welle ist quasi spurlos an mir vorübergegangen. Als ich die Zusage bekam, war mir dann aber schnell klar, dass ich in diesen Kosmos eintauchen will und muss. Auf den Rat einer sehr guten Freundin hin habe ich mir bei einem London-Besuch im Sommer das erste Buch in einer Sonderausgabe gekauft und gleich in einem Café unweit des Palace Theatres angefangen zu lesen – quasi als Initiationsritus.

Kann es ein Vorteil sein, wenn man noch nicht so tief in der Materie drinsteckt?

Was soll ich jetzt sagen? Natürlich (lacht). Es hat beides etwas für sich. Eine gute Recherche ist immer wichtig. Gleichzeitig finde ich es wichtig, sich von irgendwelchen Vorstellungen zu lösen. Das ist bei klassischen Figuren ähnlich. Es ist wichtig, zu wissen, was die Figur im Stück durchlebt. Biografisch ist es hier bei Harry Potter natürlich viel detaillierter als bei allen anderen Figuren auf Theaterbühnen. Man bekommt einen siebenbändigen Lebenslauf und kann alles nachlesen.

Gerade was die magischen Tricks angeht, unterscheidet sich das Stück wahrscheinlich auch sehr von anderen Produktionen.

Auf jeden Fall. Die gesamte Technik ist nicht nur eine Budgetfrage, es geht immer um den Mehr-wert. Die Spezialeffekte werden sehr gewählt eingesetzt. Es geht nicht darum, den Zuschauer zu plätten, sondern ihn immer wieder emotional woanders hinzuverlagern. Unsere Magie löst nicht nur Erstaunen aus, sondern Emotionen. Sie führt von einer Szene in die nächste. Man merkt, da waren wirklich Meister ihres Faches am Werk.

Haben Sie so etwas wie eine Lieblingsszene?

Es gibt mehrere Szenen, die von mir verlangen, mich extrem zu öffnen. Ich fühle mich in diesen Momenten sehr lebendig, das finde ich sehr schön. Es gibt wunderbare Szenen mit meinem Sohn und intensive Konfrontationen mit einer zwiespältigen Vaterfigur aus Harrys Vergangenheit. Da habe ich das Gefühl, dass wir das Publikum noch einmal woanders abholen, überraschen und es emotional woanders hinführen.

Also ist es auch das Zusammenspiel mit den anderen Schauspielern, das Ihnen Spaß macht?

Genau. Und die Einladung ans Publikum, mitzugehen und mitzufühlen.

Die zwei Teile sind sehr lang. Liegt darin auch eine Herausforderung für Sie als Schauspieler?

Es ist natürlich eine Herausforderung, der Beruf bringt ein großes Maß an Wiederholung mit sich. Wenn man aber betrachtet, was die Fans für eine Ehrerbietung vor diesem Kosmos haben, dann ist es echt toll, diese Rolle zu spielen. Das Stück bietet die Möglichkeit, für einen Tag wieder nach Hogwarts zurückzukehren. Und es ist wahnsinnig schön zu sehen, mit wie viel Liebe zu den Figuren die Fans herkommen.

Sie hatten anfangs erzählt, dass Freunde von Ihnen Harry Potter Fans sind. Was sagen sie dazu, dass sie jetzt quasi mit Harry Potter befreundet sind?

Sie finden es großartig und fiebern mit. Einer hat sogar vor Freude geweint, als ich ihm von der Rolle erzählt habe.

Es ist ja auch eine große Rolle, die Sie da ergattert haben. Harry Potter hat in der Popkultur einen besonderen Stellenwert.

Das stimmt, ich habe das wahrscheinlich noch gar nicht so realisiert. Vielleicht schütze ich mich auch davor. Denn wenn man sich das klarmacht, bekommt man sofort Gänsehaut. Ich mache den Beruf schon seit 24 Jahren. Diese Rolle ist ein Geschenk und ein Abenteuer. Ich hoffe, dass danach aber auch noch ganz viele weitere tolle Rollen kommen.