Videos von Alltagssituationen sollen Betroffenen verschiedenster Probleme – von Verhaltensauffälligkeiten bis Depressionen – helfen, ihre Schwierigkeiten in Chancen zu verwandeln. Dieses 1976 von der Niederländerin Maria Aarts entwickelte Verfahren nennt sich "Marte Meo". Inzwischen wird es weltweit erfolgreich angewendet – etwa in Kindertagesstätten, Krankenhäusern oder therapeutischen Kliniken.

In einer Kindertagesstätte: Die Vierjährige spricht nur das Nötigste. Knapp antwortet sie auf die Frage der Erzieherin, was sie gerade bastelt. Dabei deutet die Kleine auf ihr Werk. Der Blick der Erwachsenen folgt dem Handzeichen des Kindes. Dann bricht der Kontakt unvermittelt ab. In einer nachfolgenden Videoanalyse der Szene findet die Erzieherin mit Hilfe einer geschulten Fachkraft heraus, dass sie, statt Fragen zu stellen, die Aktionen des Kindes hätte benennen können, um ihm Begriffe für seine Aktionen anzubieten und zu signalisieren, bei ihm zu sein. Das hätte das Kind zu Blickkontakt und damit zum Weitersprechen ermutigt.

Entwicklung aus eigener Kraft

Es sind im Miteinander oft kleine Momente wie dieser, die – wenn sie richtig genutzt werden – Großes bewirken könnten. Mit Videos von Alltagssituationen wichtige Momente sichtbar zu machen, die sonst unbemerkt blieben – darauf basiert das Verfahren "Marte Meo". Die Wortschöpfung ist dem lateinischen "mars martis" (aus eigener Kraft) entlehnt. Aus dieser Kraft sollen Menschen, motiviert von ihrem direkten Umfeld, ihre Kapazitäten entdecken, nutzen und ausbauen. "Jeder trägt eine Goldmine an Kompetenzen in sich", sagt die niederländische Pädagogin Maria Aarts. "Die zu entfalten, braucht Raum. Der muss den Menschen erst zugänglich gemacht werden." Konstruktive Interaktion sowie Entwicklung ermöglichen und fördern sind die Ziele von Marte Meo.

Einfache Informationen

1976 begründete Maria Aarts das Programm. Die Idee entstand zwei Jahre zuvor während ihrer Arbeit in einem kinderpsychiatrischen Internat. "Ich war 24 Jahre alt, konzentrierte mich auf die Kinder, nicht auf die Eltern. Bis eines Tages eine Mutter vor mir weinte, weil sie nicht wusste, wie sie so einen guten Kontakt zu ihrem Sohn herstellen sollte, wie ich ihn hatte." Die Mutter bat um Anleitung Aarts begann, für nahe Bezugspersonen griffige Informationen zu entwickeln, um mit Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern wie Autismus, ADHS oder Aggression konstruktiv umzugehen. "Darin haben Eltern von Natur aus ja erst mal keine Erfahrung." Videos halten Sequenzen aus dem Alltag fest: Informationen sammeln über Unterstützung und Entwicklung, nennt Aarts das. "Nicht für Profis im therapeutischen Sinn, sondern für alle Menschen."

Blick auf das Positive

Eine Lösung erarbeiten die MM – die zertifizierten Marte-Meo-Trainer – mit Betroffenen am konkreten Fall, mit einfacher Sprache, anhand eingängiger Beispiele. Individuelle Situations-Optimierung stehe im Fokus, nicht das abstrakte Problem. "Wir korrigieren die Menschen nicht, sondern informieren sie über Möglichkeiten, neue Fähigkeiten zu entwickeln", beschreibt Aarts. Der Fokus liege nicht darauf, vermeintliches Fehlverhalten zu verbieten oder zu bestrafen, sondern auf dem verfügbaren Potenzial. Schöne Momente zu erfassen, zu erleben, zu nutzen – das nennt Maria Aarts Hap-Hap-Moment. "Davon sollten wir regelmäßig kosten."

Mehr Interessenten

1978 eröffnete die Pädagogin das kinderpsychiatrische Tagesbehandlungszentrum "Orion" und verstärkte später auf Einladung des niederländischen Gesundheitsministeriums viele Jahre lang das Team für innovative Arbeit in der Jugendhilfe. Der Erfolg sprach sich herum. Heute praktizieren Trainer Marte Meo in rund 50 Ländern, maßgeschneidert für unterschiedliche Zielgruppen. Aarts: "In Deutschland sind sehr viele Institutionen dabei, zum Beispiel psychosomatische Kliniken, Kinderkrebskliniken, Gesundheitsdienste, Kinderschutzorganisationen, Kinderheime, Einrichtungen für Drogenabhängige, Paarberater. Marte Meo lässt sich auf alle verbesserungswürdigen Situationen anwenden."

Die Botschaft erfassen

Zentral ist die Entwicklungsbotschaft hinter auffälligem Verhalten. Wo können Erzieher ansetzen, um die Entwicklung von beispielsweise verhaltensauffälligen Kindern zu fördern? Welche verloren gegangene Fähigkeit kann bei Demenzkranken reaktiviert werden, damit sie sich besser fühlen in ihrem Umfeld? Wie können Menschen mit Depressionen den Blick für Positives öffnen? "Die Intention ist immer, den betreffenden Menschen nicht zu isolieren. Vielmehr soll ein liebevoller Umgang erwachsen", schildert Aarts. "Die Bezugspersonen sollen verstehen lernen, was er braucht." Zu diesem "Zirkel der Liebe", dem natürlichen Umfeld, zählen Familienangehörige, Nachbarn, Freunde oder auch Fachkräfte wie Lehr- oder Erziehungspersonal. Drei bis fünf Minuten Videolänge reichen Experten, Reaktionen zu erklären und Unterstützungspotenziale aufzudecken. Über mehrere Wochen gefilmt, lassen sich relevante Entwicklungen besonders gut nachvollziehen.