Wer seinen Geist auch im Alter fit hält, stärkt nicht nur das Selbstempfinden.

"Wer aufhört zu lernen, ist alt, mag er zwanzig oder achtzig Jahre zählen." Was der US-Industrielle Henry Ford schon Ende des 19. Jahrhunderts bemerkte, ist heute aktueller denn je. In Zeiten von demografischem Wandel, befristeten Arbeitsverträgen, Outsourcing und Fachkräftemangel ist regelmäßige Weiterbildung ein wichtiger Wettbewerbsfaktor auf dem Stellenmarkt.

Aber nicht nur das: Wer heutzutage in Rente geht, will noch längst nicht zum "alten Eisen" gehören. Immer mehr Senioren in Deutschland lernen dazu: Fremdsprachen, Fotografie, Handarbeit, kulturelle oder geschichtliche Themen – ganz den persönlichen Interessen folgend. Nicht Noten oder Abschlüsse stehen im Vordergrund, sondern die Maxime: "Ich tu etwas für mich!"

Mittlerweile gibt es so viele Angebote und Möglichkeiten, dass sich das "Lebenslange Lernen" als feststehender Begriff etabliert hat. "Weiterbildung hat einen positiven Effekt auf das Wissen und Können, es verlangsamt die Prozesse des Verlernens und Vergessens", sagt Prof. Esther Winther, Wissenschaftliche Direktorin des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e. V. (DIE) in Bonn.

Die Selbstverwirklichung spielt dabei eine große Rolle. "Beim Übertritt vom Berufsleben in den Ruhestand suchen viele Menschen eine neue Aufgabe. Der eine wollte vielleicht schon immer Spanisch lernen, der andere interessiert sich für Astrophysik. Die Grundbildung kann nie alle Bereiche abdecken. Im Alter nutzen viele die Zeit und ihre Freiheiten, um ihre Interessen zu vertiefen", betont die DIE-Expertin.

Multimediale Angebote

So unterschiedlich die Ansprüche an die Erwachsenenbildung sind, so vielfältig sind auch die Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen.

Längst geht das Angebot im digitalen Zeitalter über die klassischen Volkshochschulkurse oder das Seniorenstudium hinaus. Webinare, eine Kombination aus den Begriffen Web und Seminare, richten sich dem DIE zufolge immer stärker auch an ältere Zielgruppen.

Die Gründe liegen auf der Hand: 82 Prozent der 50- bis 69-Jährigen nutzen das Internet, die thematische Bandbreite der Webinare ist unerschöpflich, die Nutzung der Inhalte unabhängig von Zeit und Ort. Das selbstbestimmte, barrierefreie Lernen ist der größte Vorteil, den Online- und mobile Angebote mit sich bringen. Webinar-Anbieter wie www.edudip.com halten mehr als 15.000 Videos in 21 Kategorien bereit, von Sprachkursen über Gesundheitsthemen und Wissenschaft bis hin zu Kunst und Kultur.

"Viele Webinare knüpfen dabei an die Lebenserfahrung älterer Teilnehmer an", sagt Esther Winther. Unterschieden wird zwischen Live-Webinaren, die zu einer festgelegten Uhrzeit stattfinden und mittels Headset und Webcam auch Interaktion und Diskussion ermöglichen, und dem Abrufen von Aufzeichnungen. Letztere Möglichkeit bietet die individuellste und unabhängigste Form der Weiterbildung, ist allerdings einseitig aufs Zuhören und Zuschauen beschränkt.

Speziell auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten ist die Website www.wissensdurstig.de, die sich als "Bildungsdatenbank 55+" versteht und in der nach Kriterien wie Ort, Datum und Fachgebiet Tagungen, Kurse, Vorträge, Sportgruppen oder E-Learning-Angebote gesucht werden können. Vermittelt werden die Inhalte dort und auch in den edudip-Webinaren von geprüften Trainern und Experten. Die Kosten sind unterschiedlich und jeweils einzeln aufgeführt. Gerade im Bereich der aufgezeichneten Online-Tutorials gibt es auch zahlreiche kostenfreie Angebote.

VHS bei Sprachen erste Wahl

Eine rasante Entwicklung haben mobile Lern angebote genommen. Insbesondere bei Fremdsprachen liegen Apps wie Babbel, Duolingo, Memrise oder busuu ganz weit vorne. Das Lernen via App bietet dank zahlreicher interaktiver Inhalte einen besonders hohen Spaßfaktor. Wischen, Zoomen, Videoclips und Animationen lassen jede Menge Raum für abwechslungsreiche Lernformen. Für die Generation 50+ sieht Esther Winther in diesem Bereich noch Verbesserungsbedarf: "Das Angebot ist derzeit überschaubar. Die Entwickler scheinen das als Markt noch nicht wahrgenommen zu haben."

Wenn es um das Lernen von Fremdsprachen geht, ist die Volkshochschule erste Wahl bei älteren Menschen: Gut 35 Prozent der Sprachkurs-Teilnehmer in den ersten Monaten des Jahres 2016 waren über 50 Jahre alt. Den größten Zuspruch in dieser Altersklasse finden Weiterbildungsangebote im Bereich Arbeit/Beruf. Sogar die Gruppe der über 65-Jährigen kommt hier auf einen Anteil von 16 Prozent.

"Das geht einher mit der Tendenz von Unternehmen, das Fachwissen ihrer älteren Mitarbeiter und Pensionäre erhalten und weitergeben zu wollen", erklärt Esther Winther. "Immer mehr Betriebe, Hochschulen, Gewerkschaften und Träger setzen auf spezielle Seniorenkonzepte, um auf deren Bedürfnisse eingehen und die Expertise weiter nutzen zu können. Studien haben ergeben, dass aktive Senioren immense Auswirkungen auf die Volkswirtschaft haben."

Auch für die persönliche Entwicklung ist das lebenslange Lernen ein bedeutender Faktor. Das eigene Leben wird laut der DIE-Studie "BeLL – Benefits of Lifelong Learning" in zehn EU-Ländern als sinnhafter empfunden. Häufig geht das Lernen, insbesondere in Gruppen, mit dem wachsenden Wunsch nach sozialem Engagement einher und erhöht insgesamt die Veränderungsbereitschaft.

Nicht zuletzt gaben die Befragten an, sich den Herausforderungen des Lebens besser gewachsen zu fühlen. Dass in Henry Fords Aussage viel Wahres steckt und die lebenslange Wissbegierde positive Effekte für den Einzelnen und für die Gesellschaft mit sich bringt, ist damit wissenschaftlich erwiesen.