Mit "Spur der Mörder" bringt das ZDF eine der düstersten Kriminalfälle des Ruhrgebiets als Spielfilm ins Fernsehen. Die "Mafiamorde von Duisburg" werden in der TV-Variante zwar nach Mönchengladbach verlegt, aber das tut dem mulmigen Gefühl, das man als Zuschauer bekommt, wenn man an das Wirken der kalabrischen "'Ndrangheta" denkt, keinen Abbruch.

+++ HINWEIS: Das ZDF hat den Sendetermin von "Spur der Mörder" wegen der aktuellen Entwicklungen  verschoben (voraussichtlich auf den Herbst). Das war zum Zeitpunkt des Redaktionsschluss der Print-Ausgabe von prisma noch nicht bekannt. +++

Wir sprachen mit Heino Ferch, der in der Geschichte als Kommissar Ingo Thiel tief in die dunklen Machenschaften der Organisation eintaucht. Dabei erfuhren wir viel über Leidenschaft, polizeiliche Ohnmacht und der schönen Herausforderung, nach so viel Verbrechen auch mal in einer Komödie zu glänzen.

Herr Ferch, Sie haben den echten Ingo Thiel oder auch den Duisburger KKII-Chef Heinz Sprenger kennengelernt, der damals die Mafiamorde aufgeklärt hat, die dem Drehbuch "Spur der Mörder" zugrunde liegen.

Genau. Mit Thiel, den ich in "Spur der Mörder" verkörpere habe ich ja rein äußerlich bis auf die kurzen Haare nicht so viel gemeinsam. Da war es schon wichtig, sich einiges abzuschauen. Thiel ist ein unglaublicher Bollerkopp. Das prägt seine ganze Herangehensweise, wie er redet oder sich gibt. Der Mann ist eine Art Ermittlerstar mit einer Aufklärungsquote von 99,8 Prozent. So etwas ist beeindruckend, und es macht Spaß, mit Leuten wie ihm oder Heinz Sprenger ins Gespräch zu kommen und von ihnen zu lernen.

Wie hat Ihnen das bei der Entwicklung der Rolle geholfen?

Es gibt ja immer ein paar Lücken im Drehbuch. Also schaut man sich an, wie die Jungs in den dort behandelten Situationen reagieren, um diese Lücken zu füllen. Die Leidenschaft ist das eine. Die Sturheit von Thiel das andere. So, wie er oder Sprenger reden, wie sie sich in einer Geschichte festbeißen, die Leidenschaft, mit der sie ihrer Arbeit nachgehen – da kommt nach ein paar Bier eine ganze Menge an Energie rüber. Irgendwann nimmt man selbst auch diese Attitüde auf und denkt sich in die Leute rein. Das hilft einem als Schauspieler ungemein.

Die Geschichte kommt fast ohne Szenen aus dem Privatleben der handelnden Personen aus. Warum fokussierte man sich ausschließlich auf den Fall?

Das ist das True Crime Format. Es wird sehr akribisch seziert, welche Spur man verfolgen, welchen Stein man umdrehen soll – ganz dicht am Fall. Das ist zermürbend und hat meist nichts mit Hochglanz-Serien zu tun, wo die Polizeibeamten wirken, als kämen sie gerade vom Laufsteg. Aber das ist genau das, was das Format ausmacht. Der echte Ingo Thiel nimmt ja vor einer Produktion auch die Drehbücher ab. Das wird goutiert. Man will nicht, dass der Zuschauer denkt: Der Kommissar kommt zweimal mit dem 5er BMW um die Ecke und schon ist der Fall gelöst. Und das, obwohl er nie am Schreibtisch gesehen wurde. Eine kriminalpolizeiliche Ermittlung ist mühselige und sehr kleinteilige Arbeit, bei der unheimlich viel dokumentiert wird. Das soll dem Zuschauer klar werden.

Gab es Momente, in denen Ihnen bei der Umsetzung des Mafia-Stoffes etwas mulmig wurde?

Während wir gedreht haben, gab es eine Großrazzia gegen die Mafia in mehreren Ländern. Da habe ich gedacht: Ups – und wir fahren in zehn Tagen nach Kalabrien. Ob das so eine gute Idee ist? Nun ist unser Film aber keine Heldengeschichte, in dem die Mafia aufs Kreuz gelegt wird und dumm dasteht. Das hat wahrscheinlich dazu beigetragen, dass wir ungestört drehen konnten. Allerdings spürt man den Einfluss der ‘Ndrangheta in Süditalien an allen Ecken und Enden.

Was wissen Sie über die Verwicklungen der Mafia in Deutschland?

Erfahrene Polizisten sagen: Wenn vor einer kleinen Pizzabude in Deutschland ein dicker BMW steht, dann weiß man sofort, was passiert ist: Geldwäsche, Schutzgelderpressung, Stillschweigen.

Und die Polizei ist machtlos dagegen?

Bei aller europäischen Wirkungsgemeinschaft ist es nicht so einfach, die Hürden zwischen der deutschen und italienischen Polizei zu überwinden. Es ist nicht so, dass alle zusammen an einem runden Tisch sitzen. Jeder, der untertauchen will, kann das theoretisch tun, wenn er über die Grenze geht. Interpol funktioniert noch lange nicht so wie gewünscht. Korruption ist überall. Wenn eine so mächtige Organisation wie die Mafia sich in anderen Ländern engagiert, dann greift sie auf einen reichen Erfahrungsschatz zurück und hat meistens Erfolg. Das ist die traurige Wahrheit.

Es gab Zeiten, in denen Sie die Bezeichnung "deutscher Bruce Willis" nicht gerne gehört haben. Wie stehen Sie mittlerweile dazu?

Ich sehe das ganz entspannt. Das ist eben ein Schlagwort, das seit langer Zeit mit mir in Verbindunggebracht wird. Und Bruce Willis hat ja eine Marke geschaffen, die positiv wahrgenommen wird.

Haben Sie sich mit Willis mal darüber unterhalten können?

Nein, wir sind uns mal begegnet, haben aber über dieses Thema nie gesprochen.

Wo wir schon bei Superstars sind: Es wird berichtet, dass Sie sich in Drehpausen gerne mal zu den Komparsen setzen und bei Käsebrötchen und Sprudel ein wenig plaudern. Wie wichtig ist Nahbarkeit für Sie?

Nun ja, Arbeitszeit ist Lebenszeit. Sobald es eine Käsestulle gibt, gehe ich halt da hin und dann unterhalte ich mich auch. Ich habe keine Berührungsängste. Genervt bin ich nur, wenn in jeder Sekunde ein Selfie gemacht werden soll. Das war früher natürlich kein Problem. Kaum einer hat ständig seine Kamera zum Set geschleppt.

Sie sagten vor einigen Jahren mal, dass esRollen in Komödiengibt, die eher nicht so Ihr Ding sind. Was war bei "Liebe verjährt nicht" anders?

Das Buch war super, der Regisseur und meine Filmpartnerin klasse. Es ist zudem eine tolle Story von zwei Leuten, die sich 20 Jahre nach einer eher unschönen Trennung wiedertreffen – ein unfinished Business. Daraus wird eine sentimentale Geschichte, deren Umsetzung unheimlich viel Spaß gemacht hat. Ich liebe es außerdem, mich zu verändern und in immer andere Charaktere zu schlüpfen. Zudem hatten wir ein tolles Team.

Was fordern Komödien von einem Schauspieler, das Actionfilme eher weniger benötigen?

Die Komödie lebt von Tempo und dialogischer Präzision. Lust auf Entertainment und die Ernsthaftigkeit in Situationen, die ausweglos erscheinen und zum Schmunzeln anregen, herüberzubringen, sind wichtig und herausfordernd. In „Liebe verjährt nicht“ weiß der Zuschauer vorab, dass unsere Heldin ihren Ex durchschaut hat, der ihr auf Biegen und Brechen vormachen will, dass er ein erfolgreicher Typ ist. Trotzdem gehen die beiden auf eine gemeinsame Reise und lassen etwas Besonderes entstehen. Das gibt dem Ganzen einen zusätzlichen Reiz.

Sie gehören mittlerweile zu den erfolgreichsten deutschen Schauspielern. Was hat sich seit Ihrem Karrierestart verändert?

Es gibt Leute, die mich ansprechen und sagen: "Das was sie spielen, das gucke ich." Das ist natürlich wunderbar, denn es bedeutet, dass ich eine Marke geschaffen habe, die scheinbar vielen Menschen gefällt. Darüber bin ich sehr froh und dankbar. Man tritt mit Drehbüchern an mich heran,und ich kann mir viele Dinge aussuchen, auf Besetzungen Einfluss nehmen – das sind kreative Prozesse, die angenehm sind und die es früher nicht gab.