"Kein Wort": Die fehlende Kommunikation zwischen Mutter und Sohn
"Manchmal ist es besser, wenn man Sachen nicht ausspricht" – "Für wen ist das besser?" – Es sind geradezu kathartische Worte, die reichlich spät fallen in "Kein Wort" (2024), einem so berührenden wie beklemmenden Mutter-Sohn-Drama der deutsch-slowenischen Regisseurin Hanna Slak, das jetzt bei ARTE als Free-TV-Premiere zu sehen ist. Das kammerspielartige Werk veranschaulicht schmerzhaft, wohin fehlende Kommunikation führen kann. In den Hauptrollen brillieren Maren Eggert und der junge Jona Levin Nicolai.
Wie geht es dir heute, wie war es in der Schule, was möchtest du essen? Dass darauf selten Antworten kommen, kennen viele Eltern von Teenagern. Nina (Eggert), erfolgreiche Dirigentin und vom Vater ihres Sohnes Lars (Nicolai) getrennt, scheint allerdings auch nicht wirklich interessiert an den Antworten. Sie steckt mitten in den Endproben zu Mahlers Fünfter Symphonie. Ist sie nicht im Konzerthaus, dann zumindest gedanklich dort – ständig klingelt ihr Telefon, und sie geht immer ran.
Die Musik war für Nina wohl schon immer das Wichtigste. Sie sei, so beschrieb es Maren Eggert 2024 im Gespräch mit der ZEIT, "eine Welt, der sie ungeteilt ihre Aufmerksamkeit zur Verfügung stellen muss und auch möchte. Dadurch kann das Verhältnis zur Umgebung manchmal ziemlich schwierig werden." Doch dann geschieht etwas, das sie zwingt, ihren Sohn wahrzunehmen.
Lars ist in der Schule aus dem Fenster gestürzt – ein Unfall, behauptet er. Nina glaubt ihm nicht. Endlich erkennt sie, dass sie zu ihrem Jungen durchdringen muss, um eine Katastrophe zu verhindern. War der vermeintliche Sprung ein Hilfeschrei? Die Vermutung liegt nahe, dass alles mit dem Mord an einer Mitschülerin zusammenhängt.
Und immer wieder Mahler
Für einen Tapetenwechsel fahren Mutter und Sohn auf die bretonische Insel Belle-Île-en-Mer, wo sie sonst Sommerurlaub machen. Doch jetzt ist Winter: rau, kalt und ungemütlich. Der perfekte Rahmen für das stille Drama zwischen Mutter und Sohn. Der Versuch, das Schweigen zu brechen, wird für Nina schwer. Lars bleibt verschlossen – verständlich, nimmt er seiner Mutter die plötzliche Sorge nach all dem Desinteresse offenbar übel.
Neben Nina, Lars und der Insel spielt Mahlers Fünfte Symphonie, die schon in "Tod in Venedig" große Wirkung entfaltete, die vierte Hauptrolle in diesem meisterhaft inszenierten Film. Die einsame Überfahrt der beiden auf der Fähre, ohne Dialog, nur mit Mimik und Gestik vor Mahlers dramatischer Musik, ist ein echtes Kunsterlebnis, erinnert stark an alte Stummfilme. Andere Szenen des Films wecken Assoziationen zu Terrence Malicks preisgekröntem Meisterwerk "The Tree of Life", das ebenfalls Naturbilder und orchestrale Musik zu einer imposanten Filmsymphonie verschmelzen ließ.
Die Handlung versteht sich als filmische Adaption von Mahlers Symphonie. Er habe den Tod seiner Geschwister und seines Kindes in seinem Werk immer wieder thematisiert, erklärte Hanna Slak zur Veröffentlichung des Films 2024. "Meine Idee war es, seiner musikalischen Erzählung durch die emotionale Dunkelheit, die Verzweiflung, hin zur Liebe und zum Licht zu folgen. Die Fünfte Symphonie beginnt mit einem steifen und pompösen Trauermarsch. Die Steifheit löst sich auf, die Musik durchläuft Wut, Neurose, Verzweiflung, Hingabe... bis hin zur Bejahung des Lebens im Rondo Finale, dem vielleicht freudigsten und befreiendsten Stück in Mahlers Musik."
Auch ohne diesen Hintergrund entfaltet Slaks kunstvolle Komposition aus Bild, Musik und dem langsamen Annähern von Mutter und Sohn eine nachhaltige Wirkung.
"Kein Wort" – Mo. 22.06. – ARTE: 21.35 Uhr
Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH