70 Jahre ESC - More than Music
11.05.2026 • 20:15 - 21:45 Uhr
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Originaltitel
70 Jahre ESC - More than Music
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2026
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Die politischste Unterhaltungsshow der Welt

Rund 160 Millionen schauen zu, wenn der größte Sanges-Wettbewerb Europas ansteht. Wenige Tage vor der Jubiläumsausgabe blickt die Doku "70 Jahre ESC – More than Music" auf die wechselhafte Geschichte eines Mega-Events zurück, das nie politisch sein sollte – und es doch immer war.

"Der ESC ist über die Jahre populär geblieben, weil er es immer verstanden hat, mit der Zeit zu gehen", sagt Hape Kerkeling in der 90 Minuten-Doku "70 Jahre ESC – More than Music". Fünf Tage vor dem diesjährigen Finale des Show- und Sangeswettstreits (am Samstag, 16. Mai) in Wien blickt der Film von Christopher Kaufmann auf die wechselhafte Geschichte des Events. Tatsächlich begann der Wettbewerb 1956 in Lugano (Schweiz) noch relativ steif und staatstragend. Die Europäische Rundfunkunion (EBU), bis heute Veranstalter, ist ein Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten in Europa und darüber hinaus. Die Idee hinter dem Wettbewerb war Mitte der 50-er noch vom Schrecken des Zweiten Weltkrieges geprägt. Das Event sollte einen friedensstiftenden Charakter hinaus in jene Länder tragen, die sich zuvor "jahrhundertelang die Köpfe eingeschlagen haben", wie es Hape Kerkeling auf den Punkt bringt.

Sieben Nationen nahmen beim ersten Mal teil. Es gewann der Gastgeber Schweiz (Lys Assia mit "Refrain"). Bereits im zweiten Austragungsjahr 1957 bemühten sich die damals eher skeptisch in Europa beäugten Deutschen um die Austragung. Die Regel, dass das Siegerland die nächstjährige Veranstaltung stemmen darf, gab es erst kurze Zeit später. Der Hessische Rundfunk setzte sich durch, und der ESC fand 1957 im "großen Sendesaal" des HR in Frankfurt statt. Für Deutschland trat Margot Hielscher an. Sie sang den Song "Telefon, Telefon" und landete auf Platz vier. Damals schon Zuhörer und bald prägender deutscher Komponist des Wettbewerbs war Ralph Siegel, die in der Doku ebenfalls ausführlich zu Wort kommt. "70 Jahre ESC – More than Music", die Reise des ESC und seiner Veränderungen, ist bereits ab 8. Mai in der ARD-Mediathek zu sehen.

Zu Ireen Sheers "Feuer" fiel ein Cape auf den Show-Boden

Nur zweimal konnten die Deutschen den ESC gewinnen: 1982 die brave Nicole mit "Ein bisschen Frieden" und – sehr viel frecher – Lena Meyer-Landrut 2010 mit "Satellite". In den letzten Jahren ist die Geschichte der Deutschen beim ESC eher eine des peinlichen Versagens. "Die Deutschen haben keine Lobby", sagt Analyst Kerkeling. "Mit lustig lassen sie uns nicht gewinnen. Wir können nur zu Tränen rühren in Unschuld – dann vergibt man uns alles." Wünscht man sich also die Zeit des Ralph Siegel zurück? Jener deutsche Schlager- und Chanson-Mastermind, der laut selbstbewusster Eigenangabe in der Doku "150 Songs in die Charts geschrieben" hat?

Der Film von Christopher Kaufmann begleitet deutsche Teilnehmende von den frühen, noch stark vom Chanson geprägten Jahren bis hin zu ersten "gewagten" Showmomenten. So entledigte sich Ireen Sheer sich 1978 zum deutschen Beitrag "Feuer" (Platz 6) zum ersten Mal eines Kleidungsstücks in der Geschichte des damals noch recht braven Wettbewerbs. Das Showelement des Formats war geboren. Auch wenn es nur ein Cape über dem Kleid war, das den im Text postulierten Hitzeanstieg verdeutlichen sollte.

Es folgen Einordnungen deutscher Teilnehmer wie Dschinghis Khan (1979), Nicole (1982) und vor allem Stefan Raabs Schützling Guildo Horn, der 1998 ein neues extravagant-ironisches Kapitel der Deutschen beim ESC aufschlug ("Guildo hat euch lieb"). Und natürlich wird auch noch mal das Phänomen Lena Meyer-Landrut popkulturell eingeordnet, unter anderem von der ewigen ESC-Stimme der ARD, Peter Urban.

1996 – das Jahr als die Deutschen aussortiert wurden

Nur einmal, 1996, waren die Deutschen nicht dabei. Leons Song "Planet Of Blue" wurde damals von einer internationalen Jury aussortiert, während im Fernsehen der Sender VIVA die deutsche Popkultur neu definierte. Der ESC wirkte plötzlich altbacken, und Stafan Raabs Einfluss auf den Wettbewerb hat auch damit zu tun, dass man der Veranstaltung frisches Blut zuführen wollte. Dabei wechselten die Auswahlkriterien für den deutschen Beitrag in regelmäßiger Unbeständigkeit. 1998, daran erinnert Guildo Horn im Film, durften die größten Plattenfirmen Deutschlands "einfach so" ihre Favoriten nominieren.

Stefan Raab, der 1998 als Komponist "Alf Igel" für den Horn-Song verantwortlich zeichnete, musste sich noch gegen drei Acts, die Ralph Siegel-Lieder sangen, beim Vorentscheid durchsetzen. Es waren die Jahre des Bruchs zwischen Tradition und Moderne als sich der Sanges- endgültig zum Show-Wettbewerb wandelte.

Musiker, Podcaster und Multikünstler Olli Schulz, der mit Kumpel Jan Böhmermann seit einigen Jahre einen alternativen Live-Begleit-Kommentar zum Wettbewerb liefert, ist in der Doku dennoch der Meinung, dass der Song an sich beim ESC immer noch eine wichtige Rolle spielt: "Hinter all der Show muss immer ein authentischer Kern stecken, wenn man gewinnen will", sagt er.

Queerness, Diversität & Krieg in Europa

Dass der Wettbewerb auch ein politischer und nicht nur ein Kampf der Stile und Inszenierungen ist, auch daran erinnert die Doku. Die Ukrainerin Jamala siegte 2016 mit ihrem Lied "1944" über russische Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg – kurz nach der Krim-Annexion. Heute ist Europa gespalten, wenn es um den Boykott mehrerer Länder wegen der Teilnahme Israels geht. Das europäische Russland ist seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine 2022 vom Wettbewerb ausgeschlossen.

Für eine andere Art politischer Verhandlung sorgen seit längerer Zeit die Themen Queerness und Diversität. Dass Conchita Wurst, eine österreichische Drag-Queen mit Bart 2014 mit "Rise Like A Phoenix" gewinnen konnte, ist ein starkes Zeichen, das nicht jedem gefiel. Tom Neuwirth, der Künstler hinter der Conchita-Figur, sagt in der Doku: "Dass aus Queerness Kreativität entspringt, ist lange bekannt. Nur hatten wir lange nicht die Bühne."

Wie komplex und widersprüchlich Politik beim ESC verhandelt wird, zeigt auch das Beispiel Dana International aus Israel. 1998 sorgte sie mit ihrem Titel "Diva" in Birmingham für den ersten Sieg einer Trans-Person bei einem Wettbewerb, der stets Spiegel, aber auch Motor einer besonderen Sicht auf Musik, Show und Leben in Europa war. Der Film "70 Jahre ESC – More than Music" fasst diese Geschichte in 90 Minuten vielschichtig und mit vielen prominenten ESC-Fangesichtern und Stimmen zusammen. Ein ideales Vorglühen fürs Finale 2026 wenige Tage später in der Wiener Stadthalle.

70 Jahre ESC – More than Music – Mo. 11.05. – ARD: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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