In einer Zeit der gesellschaftlichen Spaltung und des Rechtspopulismus beobachtet ein Dokumentarfilm angenehm sachlich die Situation in einem aufgeregten Land.

Inzwischen ist es schon fast kein Aufreger mehr, so desaströs die Worte auch klingen: Bei einer Demonstration wird mal wieder von der "Lügenpresse" geredet. Und sowieso seien ganz viele von denen da oben "Volksverräter". Worte wie diese werden erstaunlich inflationär genutzt, sie fallen auch nach wie vor bei einer Pegida-Veranstaltungen. Tatsächlich waren die Filmemacherin Marie Wilke und Kameramann Alexander Gheorghiu auch bei einer Kundgebung in Dresden dabei. Aber eben nicht nur dort. "Gedreht an verschiedenen Orten in Deutschland, 2016/2017", heißt es sachlich und nüchtern gleich zu Beginn des Dokumentarfilms "AGGREGAT". Im Rahmen von "Das kleine Fernsehspiel" ist der bemerkenswerte Beitrag über den Zustand einer nach wie vor äußerst nervösen Republik nun im Zweiten erstmals zu sehen.

Wilkes Film ist vor allem eine Spurensuche. Er soll den deutschen Gemütszustand zeigen. Er setzt dort an, wo es viele andere vergleichbare Beiträge auch tun. 2015 waren mehr als eine Million "Flüchtlinge" ins Land gekommen. Mit den hinlänglich bekannten Folgen. Ein Mann, hörbar ein Sachse, erklärt in einem Infomobil des Deutschen Bundestages: "Mich regt das auf, dass man Millionenweise Ausländer reingeholt hat. Ich zahle für diese, doch meine Rente soll immer weiter gekürzt werden."

Soweit kennt man das. Aber diese Reise in ein gespaltenes Land ist deshalb anders, weil der Zorn des Rentners, der auf Merkel schimpft, wie auch die Rufe bei Pegida unkommentiert stehen bleiben. Wie alles andere auch. Kein Wort der Bewertung beispielsweise über die vermeintlich Abgehängten im Osten. Alles spricht für sich. Der Zuschauer muss das Gesagte ertragen und wirken lassen. Wilke, die früher als Cutterin für Nachrichtensendungen gearbeitet hat, sammelt einfach nur. Und zwar Beobachtungen – unter anderem auch im Bundestag, bei einem Bürgergespräch oder in den Redaktionen von "Bild" und "taz".

Ihr gelingt damit ein sehenswerter Gegenentwurf zur sonstigen Aufgeregtheit in einem Land, in dem Links wie Rechts übereinander, gegeneinander, aufeinander pöbeln, aber kaum noch miteinander reden. Dieser Film fördert zumindest das Zusehen, Zuhören und Nachdenken.


Quelle: teleschau – der Mediendienst