Filmpreis-Jurys aufgepasst: Das Göttinger "Tatort"-Team Lindholm (Maria Furtwängler) und Schmitz (Florence Kasumba) liefert eine so packende wie bedrückende Milieustudie der rechten Szene – und lässt seine Zuschauer mit einem dicken Kloß im Hals zurück.
In "normalen" Zeiten wäre die Diskussion um den rechtsextremen "Flügel" der AfD vermutlich das mediale Aufregerthema Nummer eins, vom Leitartikel bis zur Talkshow. Weil seit Wochen aber die Corona-Pandemie die Nachrichtenlage dominiert, verkommt die innerparteiliche Spaltung der AfD fast zur Randnotiz, ebenso wie die Razzia bei der mutmaßlichen rechten Terrorzelle "Gruppe S.". Wie fatal es wäre, den Rechtsruck der Gesellschaft in der Corona-Krise zu vergessen, demonstriert der neue Göttinger "Tatort: National feminin".
Dass es ein "scheiß Tag" werden wird, ahnen die Kommissarinnen Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba) schon, als sie in den Stadtwald gerufen werden. Spätestens als sie die Identität der jungen Frau erfahren, die tot auf einer Lichtung liegt, ist die Stimmung endgültig im Keller: Marie Jäger (Emilia Schüle) ist die Betreiberin des Videoblogs "National feminin" und eine Galionsfigur der "Jungen Bewegung". In ihren Videos verurteilte die Jurastudentin vor ihrem Tod spitzzüngig den "Genderirrsinn" und Political Correctness und proklamierte stattdessen einen patriotischen Feminismus.
Von Maries Kameraden, wie dem blasierten Anführer der "Jungen Bewegung", Felix Raue (Samuel Schneider), ernten Lindholm und Schmitz nur Missbilligung. Sie sei "eine verachtenswerte Frau" wird Lindholm von einem der Jung-Nazis an den Kopf geworfen. Auch an der designierten Bundesverfassungsrichterin Sophie Behrens (Jenny Schily), tags zuvor noch von Marie vor einem Farbbeutel-Anschlag gerettet, beißen sich die Beamtinnen die Zähne aus. Einzig ein Stalker, der der Toten vor ihrem Ableben nachgestellt hatte, liefert einen Anhaltspunkt. Währenddessen braut sich im Netz ein Sturm aus Hass, Falschinformationen und rechtem Gedankengut zusammen ...
Von einer rasanten Verfolgungsjagd durch den Wald zum Auftakt bis zum schmerzhaften Tiefschlag am Ende des Films – "National feminin" legt eine unbändige Intensität an den Tag und hallt noch lange nach. Wie Regisseurin Franziska Buch zwischen fein dosierter Action und knallharter Gesellschaftskritik changiert, ist großes Kino. Glücklicherweise verzichtet die Filmemacherin darauf, die Mitglieder der "Jungen Rechten" als tumbe Nazis mit Springerstiefeln und Baseballschlägern darzustellen. Ganz im Gegenteil, im "Tatort" sind es gut situierte Intellektuelle, die im Kampf um ihre deutsche Heimat die Strippen ziehen. Da sind es die rhetorisch gewiefte Richterin und ihre Freunde der Bildungs- und Akademikerelite, die rechtes Gedankengut unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Kredibilität unter die Leute bringen.
Realitätsnah aufgegriffen wird auch die Hetzkampagne in den sozialen Medien, die die jungen Patrioten mit bewusst lancierten Falschmeldungen in die Wege leiten. Die Rädelsführer der jungen Bewegung schrecken nicht davor zurück, den Tod Maries für ihre Zwecke zu instrumentalisieren und Vergeltungsaktionen damit zu rechtfertigen. Es mag überzogen sein, dass die Journalisten im Film ausschließlich als sensationslüsterne Schlagzeilenjäger auftreten, wenngleich es als Bild für die Hilflosigkeit der Politik und der Öffentlichkeit im Umgang mit der rechten Szene funktioniert.
Obwohl "National feminin" ein ganzes Füllhorn an gesellschaftlichen Reizthemen anspricht, wirkt der Krimi nie überladen, sondern bildet ein homogenes Ganzes. Auch der Mordfall, der zwischendurch zur Nebensache gerät, wird schlüssig aufgelöst – samt gelungenem Twist. Dass es dem Drehbuch von Daniela Baumgärtl und Florian Oeller obendrein gelingt, das bislang eisige Verhältnis von Lindholm und Schmitz in eine vorsichtige Annäherung hin zu Kollegialität zu wandeln, ist eine reife Leistung. Das "Tatort"-Jahr mag noch jung sein, aber "National feminin" legt die Messlatte sehr hoch und kann schon jetzt eines der Fernsehfilm-Highlights des Jahres bezeichnet werden.
Tatort: National feminin – So. 26.04. – ARD: 20.15 Uhr