Unter Deutschen - Zwangsarbeit im NS-Staat
02.05.2023 • 20:15 - 21:05 Uhr
Info, Zeitgeschichte
Lesermeinung
Vergrößern
Vergrößern
Vergrößern
Vergrößern
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2022
Altersfreigabe
12+
Info, Zeitgeschichte

Vergessen und verschwiegen

Von Wilfried Geldner

Trotz immer weiterer Gedenkstätten ist das Zwangsarbeiter-Schicksal während des Dritten Reichs ein zunächst verdrängtes, später vergessenes Kapitel der deutschen Geschichte. 13 Millionen Menschen aus den besetzten Ländern mussten bis Kriegsende vor allem die Rüstungsindustrie am Laufen halten.

Zehn Milliarden D-Mark wurden 1999, 54 Jahre nach Kriegsende, mithilfe einer eigens eingerichteten Stiftung unter den noch lebenden Zwangsarbeitern verteilt. "Es geht hier um eine freiwillige Leistung", betonte der Anwalt der Regierung, und Otto Graf Lambsdorff erklärte, dies sei "ein abschließender Betrag". Wie wenig man über die insgesamt 13 Millionen Deportierten weiß, die in der Rüstungsindustrie und bei anderen bis heute existierenden Konzernen schufteten, aber auch auf den Feldern oder in deutschen Haushalten, macht der Dreiteler von Matthias Schmidt (ARTE mit MDR und CT, Tschechien) deutlich. Enkel, Söhne und Töchter berichten in "Unter Deutschen – Zwangsarbeit im Dritten Reich" vom Schicksal ihrer Eltern und Großeltern. Dass dabei auch die Nachfahren der Täter zu Wort kommen und so das "laute Schweigen" zu durchbrechen versuchen, ist bemerkenswert, aber nicht ganz unkompliziert.

So geht der erste Teil das zeitgeschichtlichen Dreimal-50-Minuten-Triptychons, der ab 25. April in der Mediathek verfügbar ist, von einem jüdischen Arzt und Mikrobiologen aus, der Auschwitz überlebte. Andererseits baut ein Nazi-Karrierist im Osten und am Obersalzberg Straßen und überwacht in Flossenbürg die Arbeiten im Steinbruch. Die Enkelin, die ein Buch über den NS-Großvater schrieb, versucht zu begreifen, wo es womöglich nichts zu begreifen gibt.

Auch die ehemaligen Zwangsarbeiter sprachen nicht über die Vergangenheit

Das ist mehr als die übliche Abrechnung der Nachgeborenen, die kein gutes Haar an ihren Vätern lassen. Die standen, wie ein Sohn es anschaulich schildert, groß und stumm im Raum. Über ihre Vergangenheit schwiegen sie und doch war sie am Esstisch jederzeit dabei. Aber auch die zur Zwangsarbeit aus halb Europa Deportierten schwiegen nach dem Krieg über das in tausenden Lagern Erlebte – nicht nur in Auschwitz mit seinen Nebenlagern berühmter deutscher Firmen, sondern in so vielen weiteren Arbeitslagern, auch in Großstädten wie Leipzig, Hamburg oder Berlin.

Auch nach ihrer Befreiung kamen sie als Displaced Persons abermals in Lager. Sie sprachen kein Deutsch, im Kalten Krieg galten sie, weil aus dem Osten kommend, gar als Feind – die Fronten wurden ja nun neu gezogen. Sie in jungen Jahren, mit 19, 20 oder 21, deportiert – der jüdische Arzt aus Rotterdam, die Volksschullehrerin aus Wien, der Schusterlehring aus Tschechien. Den Erinnerungen an die Mütter und Väter sind deren Porträtfotos, aber auch historische Archivfilme unterlegt. Zwischendrin noch einmal Goebbels in seiner Sportpalastrede, diesmal mit dem Akzent auf der totalen Arbeitsfront. "Wir werden das Kriegspotenzial der uns zur Verfügung stehenden Teile Europas ausschöpfen!" brüllt er da. 1943 töten britische und amerikanische Bomber auch zahlreiche Zwangsarbeiter. Und Zwangsarbeiter waren die Ersten, die in deutschen Städten die Leichen aus den Trümmern ziehen mussten. Im Osten klagte der Leiter der "Reichswerbekommission" zuvor über die "Vernichtung wertvoller Arbeitskräfte" durch die Morde der Einsatzkommandos der SS.

"Es gab damals Zwangsarbeit"

Der Rest gehört den Überlebenden: dem Arzt, der Auschwitz überlebte und eine neue Familie gründete; dem Schuster, der als Zwangsarbeiter im norwegischen U-Boothafen arbeitete und einen Urlaub zur Flucht beutzte, den Polen, der sich in die Tochter des Ortsgruppenführers verliebt und mit ihr fünf Kinder zeugt. Er bleibt in Deutschland und bestellt "Muttererde aus Polen" auf sein Grab. Die Wiener Lehrerin trifft sich nach dem KZ mit anderen Ravensbrückerinnen, als sei nichts gewesen, so berichtet der Sohn sarkastisch.

Zwei Millionen Zwangsarbeiter starben, grob geschätzt. Fast könnte man sie vergessen bei dieser Wendung zum Happyend. Wie sagt jedoch die Autorin Natascha Wodin, Tochter einer Zwangsarbeiterin, im Film? – "Es gab damals Zwangsarbeit. Das musste gesagt werden." Im ARTE-Dreiteiler wird es gesagt, wenn auch durchaus etwas kompliziert verpackt.

Unter Deutschen – Zwangsarbeit im Dritten Reich – Di. 02.05. – ARTE: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

Das beste aus dem magazin

Mathias Liebing mit verschränkten Armen.
HALLO!

Mathias Liebing: „Der Fußball gehört im Osten wieder zur regionalen Kultur“

Mathias Liebing hat nach seiner Biografie über Norbert Nachtweih nun das Buch „Plattgemacht“ über die Entwicklung des Fußballs in Ost-Deutschland nach der Wende geschrieben. Im Gespräch mit prisma gibt er interessante Einblicke in die ostdeutsche Fußballseele.
Eine Grafik zum Weltgesundheitstag.
Gesundheit

Die Gesundheit im Blick

Der Weltgesundheitstag wird jährlich am 7. April gefeiert und erinnert an die Gründung der WHO 1948. Das diesjährige Thema lautet: "Gemeinsam für die Gesundheit. An der Seite der Wissenschaft". Deutschland begeht diesen Tag seit 1954 mit angepassten Schwerpunkten.
Dr. med. Ramtin Knuschke in einem weißen Kittel.
Gesundheit

Bluthochdruck: Was hilft, wenn Tabletten nicht mehr reichen?

Bluthochdruck bleibt oft trotz Medikamenten ein Problem. Die Nierennervenablation kann neuen Halt bieten, indem sie gezielt Nervenfasern in der Nierenarterie verödet.
Alexander Scheer vor einem roten Hintergrund.
HALLO!

Alexander Scheer: "Bowie hatte 35 verschiedene Leben"

Lola-Gewinner Alexander Scheer („Gundermann“, „Sonnenallee“) feiert als David Bowie im Stück „Heroes“ seit März 2025 große Erfolge in Berlin. Nun geht der Schauspieler und Sänger mit der Show, die am Berliner Ensemble regelmäßig ausverkauft ist, auf Tour. Im Interview spricht er über Bowies Musik und dessen Liebe zur Literatur.
Professor Dr. Sven Ostermeier ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Sportmedizin und Chirotherapie. Der Schulter- und Knieexperte arbeitet als leitender Orthopäde der Gelenk Klinik Gundelfingen. Außerdem ist er Instruktor der Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie.
Gesundheit

Knie-Arthrose: Nur keinen Schongang einlegen

Knie-Arthrose muss nicht das Ende der Beweglichkeit bedeuten. Mit gezielten Übungen kann der Knorpel gestärkt und Schmerzen gelindert werden. Entdecken Sie einfache Bewegungsformen, die sich leicht in den Alltag integrieren lassen und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.
Getty Images
Reise

Mit KI zum perfekten Urlaub 

Künstliche Intelligenz (KI) kann die Reiseplanung vereinfachen. Viele Fluggesellschaften und Anbieter setzen bereits auf sie. Auch KI-basierte Apps erweisen sich als hilfreiche Assistenten.