Müde und erschöpft kam vor einiger Zeit eine Patientin in meine Praxis. Seit der Diagnose Multiple Sklerose (MS), die sie vor einigen Monaten erhalten hatte, klagt sie mehr und mehr über fehlende Motivation im Alltag, sagt Termine mit Freunden ab und hat Probleme mit der Konzentration in ihrer Freizeit und im Büro. Sie berichtete, sie wolle ständig nur schlafen und könne sich zu nichts mehr aufraffen – ob ich ihr da helfen könne?

Die Symptome der Patientin weisen auf die sogenannte "Fatigue" hin. Der Begriff kommt aus dem Französischen und bedeutet "Müdigkeit". Fatigue tritt bei diversen Erkrankungen als Begleitsymptom auf, unter anderem auch bei Multipler Sklerose. Die Betroffenen sind ständig oder wiederkehrend unendlich müde und erschöpft. Besonders schlimm ist dabei, dass sie sich für ihre Antriebslosigkeit und massive Erschöpfung meist noch rechtfertigen müssen, weil gesunde Menschen dieses "unsichtbare" Problem in der Regel nicht nachempfinden können.

Rund 80 Prozent aller MS-Patienten sind von dieser erschöpfenden Müdigkeit betroffen. Für mehr als jeden Dritten ist dieses Symptom belastender als beispielsweise die körperlichen MS-Symptome. Einige Betroffene sind noch nicht einmal mehr in der Lage, ihren normalen Alltag zu bewältigen.

Gezielte Aktivität

Die Erschöpfung lässt sich nicht völlig kurieren, man kann aber ein besseres Körpergefühl erzielen: Ich rate meiner Patientin zu gemäßigter körperlicher Aktivität. Dabei ist wichtig, sich zu fordern, ohne sich zu überfordern: Oft reichen schon regelmäßige flotte Spaziergänge aus. Auch gezielte Atem- und Bewegungsübungen zu Hause können helfen.

Eine weitere Möglichkeit ist die Gabe antriebssteigernder Antidepressiva oder – was noch sinnvoller ist – von MS-Medikamenten, die nicht nur auf die Erkrankung selbst, sondern auch auf neuropsychologische Faktoren wie die Fatigue positive Wirkung gezeigt haben. Für meine Patientin bedeutet das: Sie kann Fatigue nicht wegschlafen, doch sie kann versuchen, sie durch Aktivität, eine klare Tagesstruktur und regelmäßige Erholungsphasen zu lindern.