29.06.2020 Sängerin

Isabel Varell

Von Marcus Italiani
Isabel Varell veröffentlicht ein neues Album.
Isabel Varell veröffentlicht ein neues Album. Fotoquelle: Isabel Varell

Isabel Varell ist als Multitalent der deutschen Showlandschaft seit mittlerweile vier Jahrzehnten ein Garant für kreative Produktivität. Obwohl die Sängerin, Moderatorin und Schauspielerin mit manchmal unbequemen Meinungen nicht hinterm Berg hält, hat sie keine Angst vor Shitstorms oder kommerziellen Fallen. Soeben ist ihr neues Album "Eine Tasse Tee" erschienen. Darauf findet sich so mancher leichtfüßige Schlager, aber auch jede Menge Kopffutter, über das wir mit der Düsseldorferin ausführlich sprechen konnten.

Frau Varell, was bedeutet für ein Energiebündel wie sie die Corona-Auszeit?

Ich bin ein Mensch, der Nähe braucht und lebt. Daher sind die Kontaktbeschränkungen nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Allerdings hinterfragt man in dieser Zeit auch, warum Menschen sich so schnell verbrüdern. Wie ehrlich ist das alles gemeint?

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Auch beruflich dürfte diese Phase ihre Pläne umgeworfen haben.

Ich war auf Theatertournee als der Lockdown kam und hatte gerade mal drei Vorstellungen gespielt als ich nach Hause musste. Das war ganz schlimm. In dieser Zeit hatte ich auch in der "Live nach neun"-Sendung Pause, da ich ja offiziell unterwegs war. Gottlob ging die Sendung anschließend weiter, weil wir ja ein aktuelles Format sind. Alle anderen Projekte wurden abgesagt. Ich habe die Zeit allerdings genutzt, um mit einem zweiten Buch zu beginnen, da das erste schon recht erfolgreich war und ich noch eine ganze Menge zu erzählen habe.

Und welche Rolle spielt die Tasse Tee in dieser Zeit?

Die Tasse Tee ist in meinem Leben etwas ganz Wichtiges. Sie ist ein Ritual. Man kommt dadurch runter. Als temperamentvoller Mensch hilft es mir in vielen Situationen, erst mal durchzuschnaufen und nicht gleich auf die Palme zu gehen. Ich kann dabei auch wunderbar schreiben und kreativ sein.

Sie schreiben Ihre Texte selbst und nehmen darin kein Blatt vor den Mund. Wie lange mussten Sie in der als oberflächlich verschrienen Schlagerszene um dieses Privileg kämpfen?

Also zunächst würde ich sagen, dass Oberflächlichkeit grundsätzlich gar nichts Negatives ist. Man muss auch einfach mal abfeiern können, das ist ein ganz wichtiges Feld. Ich habe allerdings persönlich den Wunsch und das Bedürfnis, eine Haltung zu haben und zu zeigen. Viele Kolleginnen und Kollegen trauen sich da nicht ran, weil sie Angst vor einem Shitstorm haben. Da bin ich anders. Ich kann nicht von allen gemocht werden. Das habe ich zwar relativ spät erst begriffen, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass es mir ein Bedürfnis ist, mich auch zu schwierigen Themen zu äußern. Letztlich geht es eben auch in meinem Job nicht immer nur um Sympathie um jeden Preis, sondern auch und vor allem um Respekt.

Auf dem neuen Album finden sich wieder sehr sozialkritische Töne. Vor allem der Song "Hallo Aliens und Aliinnen" klingt nach einer klaren Abrechnung mit einer Gesellschaft, die sich selbst ausrotten wird.

Ich schicke in dem Lied einen Hilfeschrei ins All, weil ich der Meinung bin, dass wir nicht davon ausgehen können, dass wir völlig allein im Universum sind. Und wenn es eine höhere Intelligenz irgendwo im Weltall gäbe, die auch noch freundlich ist, dann wäre das ja möglicherweise eine Rettung für uns Menschen. Vielleicht könnten diese Wesen uns etwas vorleben und uns beispielsweise zeigen, wie man ohne Hunger oder Massentierhaltung ein wertvolles Leben führen kann.

Ein Thema, das Sie schon lange bewegt.

Ich kann eben nicht verstehen, wie sich Politiker immer wieder zusammensetzen oder in Talkshows sitzen und über Massentierhaltung diskutieren. Der Verbraucher bekommt es nicht hin, die Hände vom Billigfleisch zu lassen, deshalb muss man diese Form der Fleischproduktion schlicht verbieten. Natürlich wird dann wieder damit argumentiert, dass dann viele Bauern pleite gehen würden. Vielleicht ist das so – und es würde mir auch für jeden einzelnen Bauern leidtun. Aber dann soll man eben mal einen Starfighter weniger bauen und diese Leute entschädigen. Klar, das ist vielleicht naiv gedacht, aber in dem Fall bin ich gerne naiv.

In "Hätten Sie mal 20 Cent" geht es um Obdachlose und die Geschichte hinter jedem Menschen. Was hat Sie auf das Thema gebracht und wie sehr reflektiert man als vermeintlich Privilegierter das Schicksal solcher Menschen?

Man kommt schnell in diese Situation, und oftmals wird vorschnell über Menschen geurteilt, die auf der Straße leben. Welches Recht habe ich dazu? Kenne ich den Menschen, über den ich in dieser Situation lästere, so gut, dass ich mir ein Urteil erlauben kann? Kann ich den jungen frechen Punker, der in der Stadt Geld schnorrt, tatsächlich verdammen, ohne ihn zu kennen? Vielleicht ist er nur faul, vielleicht hat er aber auch ein furchtbares Zuhause und wurde missbraucht. Wer weiß das schon? Ich kenne viele Menschen, denen Altersarmut droht. Oder Schicksale, die einen so sehr verzweifeln lassen, dass man gewisse alltägliche Dinge einfach nicht mehr auf die Reihe bekommt. Es ist wichtig, solche Menschen nicht pauschal abzuschreiben.

Sie haben mal gesagt, dass Sie in der Schule ein Troublemaker waren, weil Sie ein Ventil gesucht haben. Hatte das etwas mit Ängsten zu tun?

Wahrscheinlich. Ich hatte immer Existenzängste. Schon als Kind. Selbst gefährlicher Blödsinn wie das Anzünden der Schultoilette oder andere Aussetzer in meiner Jugend sind irgendwie darauf zurückzuführen. Doch auch später als junge Künstlerin, die nie weiß, ob sie ihre nächsten Sozialbeiträge bezahlen kann, prägt einen diese Angst vor dem Fall. Mit der Zeit ist das weniger geworden, weil ich natürlich erfahren habe, dass es immer weiter geht. Aber dafür habe ich lange gebraucht. Ich wollte zwischenzeitlich mein Abitur nachmachen und habe mir überlegt, was ich noch tun könnte. Aber am Ende gab es nie eine Alternative zu meinem Job.

Als Autodidaktin mussten Sie sicherlich viele Stolperfallen umkurven, um sich so lange in der Szene zu halten. Was ist Ihnen dabei widerfahren, auf das Sie gerne verzichtet hätten?

Ich lebe nach dem Prinzip: "Bereue nichts!" Dabei wage ich aber immer mal wieder einen besonderen Blick nach hinten.

Hape Kerkeling schreibt im Vorwort Ihrer Biografie, Ihre wesentliche Botschaft laute "Versöhnung". Wofür steht der Begriff für Sie?

Wichtig ist, dass man sich mit sich selbst versöhnt. Und es spielt eine Rolle, dass man sich in sein Gegenüber hineinversetzen kann und Türen nie so ganz zumacht, solange Dinge wie Gewalt oder Rassismus nicht im Spiel sind – denn damit wäre für mich eine Grenze überschritten. Dann wird man am Ende belohnt. Daran glaube ich fest.

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