06.12.2021 Harfenistin

Silke Aichhorn: "Bei der Harfe können die Ohren noch Augen machen!"

Von Felix Förster
Silke Aichhorn ist eine Meisterin an der Harfe, einem der anspruchsvollsten Instrumente überhaupt.
Silke Aichhorn ist eine Meisterin an der Harfe, einem der anspruchsvollsten Instrumente überhaupt. Fotoquelle: Gerhard Nixdorf

Vertraute Melodien auf einem der ältesten Instrumente der Menschheit, reduziert auf das Wesentliche und dabei detailreicher und eingängiger denn je: Die Harfenistin Silke Aichhorn hat ein Album mit "Schlaf- und Abendliedern" aufgenommen. Ob Brahms, Schuhmann, Schubert, Humperndick, Grieg und Bach oder bayerische und irische Volksweisen, die Einspielungen Aichhorns sind abwechslungsreich und entspannend. prisma hat sich mit der Musikerin über ihr Lieblingsinstrument unterhalten.

Die Harfe ist ja eher ungewöhnlich. Wie hat Ihre Beziehung zu dem Instrument angefangen?

Silke Aichhorn: Mit zehn Jahren wollte ich unbedingt Harfe spielen. Warum das so ist, weiß ich nicht. Auch wenn es sich vielleicht seltsam anhört, ich denke, die Harfe ist für mich ausgesucht. Als ich meine Mutter mit dem Wunsch konfrontierte, meinte sie nur: "Ich glaub', dass du spinnst!" Zu diesem Zeitpunkt war ich das Älteste von vier Kindern und das fünfte war in Planung. Außerdem war ich super-aktiv in Sportvereinen, Schule, Kirche, Klavier und Chor et cetera. Dann habe ich zwei Jahre lang gebettelt, bis mein Vater schließlich meinte, jetzt bekommt das Kind eine Harfe. Da waren wir zwar mittlerweile fast sechs Kinder, aber wenn ich etwas will, kann ich ziemlich ausdauernd sein (lacht).

Was unterscheidet die Harfe von den anderen Instrumenten?

Silke Aichhorn: Coole Frage! Sie ist auf jeden Fall etwas Besonderes, den kleinsten Unterschied hat sie vielleicht zum Klavier, aber der ist sehr schlagkräftig: Man kann sie, obwohl sie so groß ist, noch gut alleine fast überall mit hinnehmen. Sie ist ein Kulturgut der Menschheit und schon seit 3500 vor Christus nachgewiesen. Sie hat als einziges Instrument überhaupt freistehende (Darm-)Saiten. Der Klang berührt fast jeden automatisch, ich erlebe selten Menschen, die eine Abneigung gegen sie haben. Man kann mit ihr immer noch unglaublich überraschen, weil viele das "Engelsinstrument" nicht in Verbindung mit beispielsweise Blues-Jazz-Swing bringen. Sie ist wohl das komplexeste Instrument, das man so spielen kann. Auf einer großen Pedalharfe spielt man mit Händen und Füßen. Das macht die Orgel auch, aber die Pedale auf der Harfe ermöglichen es, auf jeder Saite drei verschiedene Töne zu spielen, die sich aber immer gleich anfühlen, nur unterschiedlich anhören. Eine ziemlich komplizierte Angelegenheit, die es auch mit sich bringt, dass wir ewig brauchen, bis wir neue Stücke wirklich können. Sie ist also – leider – überhaupt kein intuitives Instrument.

Sie haben einmal gesagt, die Harfe sei ein "athletisches Instrument". Heißt das, man muss körperlich einiges mitbringen, um Harfenistin werden zu können?

Silke Aichhorn: Na ja. Die große Konzertharfe ist um die 1,86 Meter groß und wiegt 40 Kilo. Auf dem Rahmen herrscht eine Zugspannung von 1,5 Tonnen, die muss man erst einmal in Bewegung setzen. Harfe schaut oft "leichtfüßig" aus, aber man ist praktisch die ganze Zeit am "Bogenschießen". Mit "ein bisschen die Saiten streicheln" kommt man auf jeden Fall nicht sehr weit.

Gibt es eine Altersgrenze, ab wann man sie nicht mehr spielen kann?

Silke Aichhorn: Durch den Kraftaufwand ist es eher kein Instrument, das man bis ins hohe Alter auf höchstem Niveau spielen kann. Ich erinnere mich aber an eine über 90-jährige russische Harfenistin, die noch ein tolles Konzert in Lausanne gegeben hat. So etwas ist aber schon sehr selten. Arthrose kann später sicher auch eine Rolle spielen. Mal schauen....

Sie haben Ihre Erfahrungen als Profi-Harfenistin in einem unterhaltsamen Buch zusammengefasst. Welche Auftritte sind Ihnen da besonders in Erinnerung geblieben?

Silke Aichhorn: Alle Geschichten in dem Buch haben fast "traumatische" Hintergründe, daher ist mir jede einzelne in Erinnerung. Aber ein Konzert bei Papst Benedikt im Vatikan, das durch eine Verkettung witziger Umstände zustande kam, der Ausstieg mit Harfe (!) aus einem in der Pampa liegengebliebenen Zug am Rhein, wo ich dringend zum Konzert musste, absurde Beerdigungen, wo alles drunter und drüber ging, oder Harfen-Transporte im Nirwana sind schon besondere Ereignisse mit Langzeitwirkung.

Welche Reaktionen erhalten Sie, wenn Sie fremden Menschen von Ihrem Beruf erzählen?

Silke Aichhorn: Sie sind immer erstaunt, dass ein Musikerleben nicht so glamourös ist, wie es oft nach außen kolportiert wird.

Die Harfe gilt als eines der ältesten Instrumente der Welt und wurde schon in der Bibel erwähnt. Hat die historische Harfe noch etwas mit dem Instrument zu tun, das Sie aktuell spielen?

Silke Aichhorn: Die Harfe von 3500 vor Christus hat kaum mehr etwas mit unseren heutigen Instrumenten zu tun. Die großen Bogenharfen hatten nur eine Handvoll Saiten und keine Pedale. 800 nach Christus kamen die kleinen und gut transportablen Harfen daher, die man bei den Minnesängern sehen kann. Erst um 1810 wurde die heute verwendete Doppelpedalmechanik erfunden. Sie wurde in Harfen eingebaut, die kleiner und leichter sind, als die jetzt Verwendeten. Heute werden auch viele Hakenharfen gespielt. Klein, leicht, ohne Pedale. Diese sind etwas näher an den Ursprungsharfen als die komplizierten und teuren Pedalharfen. Meine Harfe kostet aktuell circa 40.000 Euro und verliert täglich an Wert, so wie ein Auto. Das heißt, ich tausche sie sehr regelmäßig aus, ca. alle sechs bis acht Jahre. Das ist aber auch dem Umstand geschuldet, dass ich permanent mit ihr reise, und das verringert sowohl ihre als auch meine Spannkraft.

Die Harfe ist ein Instrument, das tief in der Volksmusik verankert ist, man denke nur an alpenländische Musik. Was macht sie so unverwechselbar gerade für diese Musik, auch wenn man an die Anforderungen denkt, die sie an den Musiker stellt?

Silke Aichhorn: Die Harfe gehört hier am Alpenrand zur Volksmusik, sie ist in den Ensembles vor allem als Begleitinstrument dabei, ähnlich der Gitarre. Volksmusik zu begleiten ist nicht vergleichbar mit "ein Solostück" spielen. Man kann sich einfach hinsetzen und wenn man die Grundakkorde beherrscht, mitspielen. Und das ist wunderbar!

Sie sind angetreten, "das Image der Harfe zu entstauben". Allgemein gilt sie ja als "himmlisches Instrument", was ja durchaus positiv ist. Welches Image hat das Instrument Ihrer Meinung nach?

Silke Aichhorn: Ein sehr ambivalentes. Ein Instrument, das in der allgemeinen Wahrnehmung fast nur von Frauen gespielt wird, kann ja nicht so schwer und vor allem nicht seriös sein. Das Klischee von Weihnachten, lange Haare, ein Kleid und ein bisschen zirpen, wird gerne mit der Harfe in Verbindung gebracht. Weil sie auch oft genau so präsentiert wurde. Heute zeigt die Harfe ihre große Spannbreite – mit Musik von Renaissance bis zum Jazz. Gut gespielt ist es ein Instrument, das unglaubliche Klangfarben hervorbringen kann. Da wir nicht viel wirklich gute Originalliteratur haben, adaptieren wir gerne von anderen Instrumenten. Bei der Harfe können die Ohren noch Augen machen! Und das ist mein Ziel, weshalb ich meine Konzerte auch immer unterhaltsam moderiere.

Auf Ihrer neuen CD haben Sie Schlaf- und Abendlieder interpretiert. Auf was können sich die Zuhörer freuen?

Silke Aichhorn: Die Traummusik verbindet Schlaf- und Abendlieder mit ruhigen Solostücken zu purer Entspannung. 14 Lieder, zu denen man auch singen kann, wechseln ab mit ruhigen Harfenwerken von Brahms, Schumann, Schubert, Humperdinck, Grieg, Bach, bayerischen und irischen Volksweisen, drei Nüsse für Aschenbrödel und vielem anderem mehr. Es ist eine CD für Hörer, die Handgemachtes zu schätzen wissen, die Freude an altbekannten Melodien haben und Wert auf natürlichen und technisch unverfälschten Klang legen. Harfenmusik beruhigt Menschen jedes Alters maximal: Babys, Eltern und Großeltern, Menschen mit Demenz, die sich an die Lieder erinnern können, Menschen mit Einschlafproblemen. Zitat eines Hörers: "Habe gerade beim Schreiben die so schöne CD gehört. Sie ist auch etwas für Opas. Manche Lieder hat meine Mutter mir seinerzeit auf der Bettkante sitzend vorgesungen. Das Kind in mir hat gewiss nicht weniger Freude daran, als unsere Enkel sie haben werden. Gestern Abend haben wir sie auch im Wohnzimmer gehört."

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine CD zum Entspannen aufzunehmen?

Silke Aichhorn: Die Idee zu dieser CD hatte einer meiner Brüder, als seine Kinder noch ganz klein waren. "Nimm doch bitte eine Einschlaf-CD auf, nur Harfe alleine, ohne elektronische Effekte, Möwengezwitscher und Gedöns." Nachdem dann auch noch meine Nichte erzählte, dass ihre Kinder immer mit meiner Musik ins Bett gehen, machte ich mich endlich an die Traummusik. Eine Pandemie, die mir mehr Zeit als sonst gab, in meinen Notenbergen zu wühlen, und ein Stipendium von "Neustart Kultur" haben diese Einspielung jetzt entstehen lassen. Die Töchter meines Bruders sind mittlerweile übrigens auf dem Gymnasium.

Sie treten gerne live auf. Wie sind Konzertabende von Ihnen konzipiert? Ist die Harfe ein klassisches Solo-Instrument?

Silke Aichhorn: Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen! Vor allem mit Soloprogrammen, weil ich dann die große Bandbreite der Harfe zeigen kann und nicht "nur" der Begleiter für ein Melodieinstrument wie Flöte, Cello, Geige und Klarinette bin. Die Klampfe funktioniert hervorragend als Soloinstrument, zusammen mit meiner unterhaltsamen Moderation entsteht immer ein feines Gesamtkunstwerk, das die Zuschauer so kommentieren: "Ich dachte immer, Harfe sei langweilig! Wann kommen Sie wieder?" "Jetzt musste ich 95 Jahre alt werden, um so etwas erleben zu dürfen." "Ich hätte Ihnen noch stundenlang zuhören können." Neben reinen Musikprogrammen habe ich auch eine kabarettistische Lesung zum Buch "Lebenslänglich Frohlocken – Skurriles aus dem Alltag einer Harfenistin" im Repertoire, die fantastisch vom Publikum angenommen wird.

Wann und wo kann man Sie live sehen?

Silke Aichhorn: Da fragen wir jetzt mal die Pandemieexperten. Auf meiner Homepage www.silkeaichhorn.de finden sich alle Termine. Und ich hoffe sehr, dass zu den bisherigen knapp 90 Konzertabsagen nicht jetzt wieder ein neuer Haufen dazu kommt. Ich freue mich auf jeden Fall über jeden Konzertbesucher!

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