Letztes Album

Die Hosen sind zurück

29.06.2026, 02.00 Uhr
„Trink aus, wir müssen gehen!“ plus das Bonus-Album „Alles muss raus!“ ist das letzte Studioalbum der  Toten Hosen. Im Interview geht Bassist Andreas „Andi“ Meurer auf die Arbeit daran ein.

prisma: Andi, der Abstieg der Fortuna passt leider irgendwie zu Eurem Albumtitel: „Trink aus, wir müssen gehen …“

Andi: Das würde ich bei Fortuna nicht so sagen. Als Fan bleibt man doch dabei. Aber es ist schon dramatisch. Denn es wird nicht so leicht, wieder hochzukommen. Doch wie heißt es so schön: Liebe kennt keine Liga.

Als Musiker ist man ja in einem gewissen Trott: Album, dann Tour. Jetzt habt Ihr eine längere Pause gemacht und wisst, dass kein weiteres Album kommen wird. Wie fühlt sich das an?

Andi: Wir haben ja keine Pause gemacht, sondern zwei Jahre an der Platte gearbeitet. Und wir sind froh, dass alles so gut geklappt hat. Das war schon nicht so ganz einfach. Zusätzlich haben wir dann noch die Bonusplatte gemacht, für die wir mit vielen Künstlern und Künstlerinnen zusammengearbeitet haben, die wir sehr schätzen – damit sind wir wirklich hochzufrieden. Da wurde eine riesige Bandbreite abgedeckt, das hat großen Spaß gemacht. Jetzt freuen wir uns auf die Tour. Für die Leute zu spielen, ist das Wichtigste und Schönste, weil du direkt etwas zurückbekommst. Das macht jeden Abend besonders. Es ist einfach ein Geschenk, dass wir das nach so langer Zeit noch machen dürfen. Das ist nicht selbstverständlich, und ich weiß das sehr zu schätzen. Und was die Jahre davor angeht: In der Zeit ist auch viel passiert – das Unplugged-Album zum Beispiel, auch wenn die dazugehörige Tour leider wegen Corona nicht stattfinden konnte.

Ihr seid eine Band, die Generationen vereint – das können nicht viele Bands, die vor 40 Jahren angefangen haben.

Andi: Das freut uns natürlich. Du kannst nicht bewusst für jede Generation Musik machen – das wäre nicht authentisch. Aber es ist schön, wenn es einem Querschnitt gefällt. Weil die jüngeren Leute auch tendenziell mehr Lust haben, Gas zu geben, während die älteren es etwas ruhiger angehen lassen. Diese Mischung ist schön und nicht selbstverständlich.

Ihr setzt auf dem Album direkt am Anfang mehrere Statements, dass Ihr Euch nicht verabschiedet.

Andi: Die Toten Hosen werden sich nie auflösen – auch wenn wir irgendwann nicht mehr zusammen auf einer Bühne spielen sollten, wird es uns als Freunde immer weitergeben. Wir haben ein Bandgrab auf dem Düsseldorfer Südfriedhof, und erst wenn der Letzte von uns da drin liegt, ist das eben das Ende. Aber uns ist natürlich schon bewusst, dass wir jetzt auf der Zielgeraden sind. Es wird kein weiteres Studioalbum mehr geben. Ob wir noch mal eine Tour machen werden, das wissen wir nicht. Es kann sowieso immer passieren, dass das nächste Konzert das letzte ist. Campino hatte vor ein paar Jahren einen Hörsturz vor einem Konzert auf der Waldbühne in Berlin. Wenn er danach nicht zurückgekommen wäre, wäre es das gewesen. Das muss man sich bewusst machen. Zumindest in Argentinien werden wir dieses Jahr definitiv das letzte Mal live spielen. Das wird schon sehr komisch werden, glaube ich. Nach 2027 wird es auf jeden Fall erst mal etwas ruhiger werden. Dann schauen wir, was passiert.

Die Shows der kommenden Tour sind in den größten Stadien, doppelt und dreifach ausverkauft. Das zeigt, dass die Leute Euch wirklich lieben.

Andi: Ja, das scheint so zu sein – und das freut uns natürlich sehr.

Was wäre Deine Vision für die Zukunft? Was würdest Du Dir wünschen?

Andi: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Bei uns ist es immer so gewesen, dass viele Sachen einfach passiert sind – das war nie durchgeplant. Als wir uns gegründet haben, hat keiner von uns darüber nachgedacht, dass es uns mal so lange geben würde. Es hat einfach Spaß gemacht. Was daraus wird, war völlig offen. Und so ein wenig ist es jetzt auch. Du weißt ja nicht, was in deinem Leben passiert. Mein konkreter Plan ist gerade, diese Tour zu spielen – und selbst da stecken wir noch in der Vorbereitung. Es geht erst richtig los in Stuttgart, momentan ist noch jede Menge zu tun. Was ich 2028 mache, darüber denke ich gerade schlicht nicht nach.

Auf dem Album gibt es mehrere Klammern – Ihr fangt mit dem Abschied an, aber es geht weiter. Am Ende heißt es „Trink aus, wir müssen gehen“. Machte es erst jetzt Sinn, als Antwort auf das „Wort zum Sonntag“, das vor 40 Jahren auf „Damenwahl“ stand, zu erzählen, was früher einmal war?

Andi: Ich glaube, es ergibt absolut Sinn. Auch, dass man selbst den Zeitpunkt wählt, wann es okay ist, sich langsam zurückzuziehen – nämlich dann, wenn man noch Gas geben kann auf der Bühne. Lieber sollen die Leute sagen, sie wünschen sich, dass wir weitergemacht hätten, als dass sie sagen: „Die hätten schon vor fünf Jahren aufhören sollen.“

Es gibt Bands, die sind mittlerweile ihre eigene Coverband, weil die Originalmitglieder gar nicht mehr dabei sind. Bei Euch undenkbar, oder?

Andi: Wir werden die Musiker nicht austauschen. Und Hologramm-Shows oder so etwas kommen für uns nicht in Frage (lacht).

In der ARD-Doku „Was bleibt: Die Toten Hosen – Das letzte Album“ wird viel über die Texte gesprochen. Uns war gar nicht so klar, wie lange Ihr tatsächlich an den Lyrics arbeitet.

Andi: Die Texte kommen von Campino. Auf dieser Platte hat er auch viel mit Marteria zusammengearbeitet, aber im Prinzip macht er das mehr oder weniger allein – und das ist für ihn manchmal schon schwierig, weil wir ihm dabei nicht helfen können und er auch ein Stück weit alleine damit ist. Wir sind allerdings die erste Bewertungsinstanz. Ich kann nicht texten, wir können nicht texten. Wenn der Rest von uns sich um die Songtexte kümmern würde, wären wir nicht da, wo wir jetzt sind. Dieser Kampf um die Lyrics wird in der Doku ganz gut gezeigt. Auch bei anderen Platten hatten wir Phasen, in denen das nicht einfach war.

„Tage wie diese“ wollte Campino doch zunächst gar nicht auf die Platte nehmen.

Andi: Genau, weil der Text nicht funktioniert hat. Die Musik war gut, das war uns klar – aber er wollte gar nicht weiter daran arbeiten. Er hat sich mit Birgit Minichmayr, einer guten Freundin, getroffen, um an Liedern zu arbeiten. Campino hat ihr ein paar Songs vorgespielt und ist irgendwann mal kurz rausgegangen – das Band lief weiter. Als er wieder reinkam, sagte sie zu diesem Stück: „Tolle Musik, aber der Text ist nicht gut.“ Daraufhin haben sie auf der Stelle einen neuen Text gemacht, und der ist geblieben. Das war reiner Zufall.

Jetzt habt Ihr erstmals wirklich ein Düsseldorf-Lied veröffentlicht, eine Hommage. Und die ist wirklich gelungen, kein Karnevalssong oder etwas in der Art.

Andi: Ein Lied über seine Heimatstadt zu schreiben ist nicht so einfach. Es gibt natürlich gute Beispiele wie etwa „Tommi“ von AnnenMayKantereit, das ist ein großartiges Lied. Auch „Bochum“ von Herbert Grönemeyer ist toll – das funktioniert ja auch in anderen Städten. Wir wissen nicht, ob unser Düsseldorf-Lied das auch schafft, vielleicht werden wir ja überall ausgebuht (lacht).

Eure Themen sind ja oft ähnlich geblieben, haben aber eine andere Färbung bekommen. In „Schlechte Nachbarn“ geht es beispielsweise um den heutigen spießigen Wutbürger. Liegt das auch daran, dass viele Dinge leider immer noch aktuell sind?

Andi: Ja, leider. Wir würden vieles gerne nicht mehr spielen müssen. Bei „Schlechte Nachbarn“ ist es beispielsweise leider so, dass diese Problematik auch heute noch da ist. Wie geht man also damit um? Wenn einem da was einfällt, das wirklich funktioniert, dann macht man es. Wir hätten das Stück nicht genommen, nur um ein Lied über das Thema auf der Platte zu haben. Wir haben danach ausgewählt, ob der Text wirklich gut ist.

Was bei den neuen Songs auffällt: Sie hauen nicht mit der Keule auf gewisse Gruppierungen drauf, sondern beobachten, wie sich Menschen verändern. Und „Schlechte Nachbarn“ ist musikalisch richtig roher Oldschool-Punk, der mit dem Thema musikalisch korrespondiert. Dabei werfen Euch ja seit 30 Jahren Leute vor, keine Punks mehr zu sein.

Andi: Das gab es schon bei unserer allerersten Single: Da hieß es sofort, wir wären kommerziell geworden, weil es überhaupt eine Single gab. Das beschäftigt uns schon lange nicht mehr. Wir wissen, wer wir sind und wofür wir stehen – das kann man gut finden oder nicht. Die Frage für mich ist: Ist das ein gutes Lied? Darum geht es. Aber klar, wir wollten, dass es auf der Platte auch ordentlich rumst. Und „Schlechte Nachbarn“ ist tatsächlich das schnellste Stück, das wir je gespielt haben.

Wie ist der Prozess bei den Kollaborationen für das Bonusalbum abgelaufen?

Andi: Die Idee war: Wenn wir jetzt unsere letzte Platte aufnehmen – mit wem würden wir noch mal gerne etwas zusammen machen? Und zwar ohne auf das musikalische Genre zu achten, wen würden wir uns wünschen? Die entsprechenden Künstler und Künstlerinnen haben wir daraufhin direkt gefragt. Das waren ganz tolle Erlebnisse. Als Marian Gold von Alphaville zum Beispiel in den Raum kam, war er eher ruhig. Und dann fängt er an zu singen – das haut dich dann einfach nur noch um. Oder Blixa Bargeld: Es war faszinierend zu sehen, wie er singt und seine Stimme sich in dem Song voll entfaltet.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Vicky Leandros zustande?

Andi: Wir fanden ihr Lied einfach ganz toll und haben sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, das gemeinsam mit uns zu machen. Sie fand das gut, und wir erlebten einen tollen Tag zusammen.

Standen die Musiker aus den 25 Bonus-Songs alle wirklich persönlich mit Euch im Studio?

Andi: Ja. Die einzige Ausnahme war Beki Bondage – sie hat ihren Teil selbst bei sich aufgenommen. Bei allen anderen waren wir entweder dort, oder sie waren hier in Düsseldorf.

Und das alles in zwei Jahren?

Andi: Genau, wir haben beides immer parallel gemacht – die neun eigenen Lieder und die Kollaborationen. Bei den Liedern auf dem Bonusalbum gibt es ja zwei Ansätze: Entweder man arrangiert das Lied komplett neu, oder man zieht den Hut und versucht, es so zu spielen wie die Originalversion, nur mit den eigenen Mitteln.

In der ARD-Doku kam es erst so rüber, als würde der Proberaum-Track rausfliegen.

Andi: Stimmt, der sollte erst rausfliegen.

Was bedeutet „Proberaum“ für Dich – wenn man Dir das Wort einfach so hinwirft?

Andi: Erst mal sehr gute Erinnerungen. Da habe ich viel Zeit verbracht. Die ersten Proberäume waren allerdings eher feucht und mit Eierschalen an den Wänden. In dem Raum, den wir jetzt haben, kann man sich schon eine Weile aufhalten. Bei uns fand das Schreiben dieser Platte tatsächlich größtenteils im Studio statt, nicht im Proberaum. Irgendwann verändern sich Abläufe. Aber das hat nichts damit zu tun, dass so ein Proberaum grundsätzlich etwas ganz Besonderes für eine Band ist.

„Trink aus, 
wir müssen gehen!“ 
plus das Bonus-Album 
„Alles muss raus!“

Das aktuelle Album von den Toten Hosen ist seit Mai 
im Handel erhältlich.