Coveralbum-Release

Ben Metzner von "D'Artagnan über das neue Coveralbum: "Wir reiten auf der Kante"

17.08.2026, 02.00 Uhr
Zum zehnjährigen Bestehen bringen dArtagnan kein gewöhnliches Album heraus: Die Mittelalterrock-Band um Sänger Ben Metzner hat sich an Coverversionen bekannter Songs gewagt - von Ozzy Osbournes "Crazy Train" bis zu Avicii. Ein Gespräch über die Kunst des Coverns, die Kraft der Musik als gesellschaftliches Bindemittel und die Pläne für die Jubiläumstour.
DArtagnan rund um Ben Metzner (Mitte).
DArtagnan rund um Ben Metzner (Mitte). Fotoquelle: Holger Fichtner

prisma: Wie kamt Ihr auf die Idee, zum Geburtstag ein Coveralbum herauszubringen?

Ben: Ich finde es spannend, das irgendwann einmal im Laufe einer Bandgeschichte zu machen. Ein Jubiläum ist eine coole Gelegenheit dafür, weil man ein bisschen auf sich selbst schauen kann - sich im Kontext der langen Musikgeschichte verorten. Was sind wir eigentlich? Was haben wir beizutragen? Wenn ich einen Megahit nehme - zum Beispiel "Holding Out for a Hero" von Bonnie Tyler, die ja leider gestorben ist, geschrieben von Jim Steinman, was kann ich diesem Song, der kompositorisch außer Frage steht, noch geben? Diese Frage finde ich immer spannend, weil man sich wirklich kritisch auf die Finger schauen muss. Ein paar Antworten haben wir gefunden, haben unseren Stempel draufgedrückt - und danach werden wir wieder eigene Songs schreiben. Das Coveralbum war meine Gelegenheit zu sagen: Jetzt machen wir mal was anderes. Dann kommen wieder normale Alben.

Gab es ein Prinzip, nach dem Ihr die Songs ausgewählt habt? Hat ein Song auch Überwindung gekostet?

Ben: Wenn man seinen eigenen Stil einfach nur kopiert, ist das unspannend. Wir spielen Dudelsackrock. Dudelsackrock nachzuspielen, da ist die Fallhöhe zu gering. Also haben wir darauf geachtet, immer wieder ein bisschen auf der Kante zu reiten und Sachen zu machen, die nicht naheliegend sind, aber trotzdem in unsere Welt passen.

Ein tolles Beispiel ist Avicii. Avicii hat immer dieses Level an Drama und Pathos, im Text und in der Komposition, das man beim ersten Hören im Radio gar nicht sofort wahrnimmt. Wie dramatisch und gleichzeitig leicht das ist, das passt sehr gut zu uns. Deswegen haben wir das zum zweiten Mal gecovert, nachdem wir schon vor einigen Jahren "Hey Brother" von ihm bearbeitet hatten. Das war ein No-Brainer.

Andere Songs waren schwieriger. "Crazy Train" von Ozzy Osbourne etwa: Da trittst du in Fußstapfen, die so groß sind wie beim T-Rex. Da stehst du drin und denkst: Was soll ich jetzt machen? Und kann unser Trommler dieses Riff überhaupt nachspielen? Man muss sich da einfach trauen. Sich aus dem Fenster lehnen, aber gerade so nicht rausfallen. Wenn etwas Vertrautes da ist, wo man sich reinhängen und gerade noch festhalten kann, aber gleichzeitig auch etwas Spannendes und Neues - wenn man da dazwischen reitet, wird es cool.

Es gab auch Songs in der Schublade, die es nicht aufs Album geschafft haben. Ein "Poison"-Cover von Alice Cooper zum Beispiel. Geiler Song, aber wir haben uns gedacht: Ein Typ mit rauer Stimme singt einen Typ mit rauer Stimme nach und spielt E-Gitarre nach E-Gitarre. Das war zu nah dran, zu ähnlich.

Wie geht man das konkret an - zum Beispiel beim Gitarrenriff von "Crazy Train"?

Ben: Das Tolle an Randy Rhodes' Riff ist, dass es zwar Hardrock-Energie hat, aber gleichzeitig eine ganz volksmusikalische I-IV-V-I-Kadenz - Tonika, Subdominante, Dominante, Tonika. Das passt sehr gut zu uns. Ich habe alle Instrumente, die ich hatte, in die Hand genommen und gefragt: Kann ich das auf Mandoline nachspielen? Ja, das geht ziemlich gut. Diese Volksmusik-Kadenz läuft über die Leersaite - das funktioniert.

Wir haben die gesamte Palette an Folk-Instrumenten eingesetzt - alles außer der E-Gitarre. Wie spielt man dieses Riff so, dass man es immer noch erkennt? Da haben einige Leute im Studio geschwitzt. Meine Tante war als Gastmusikerin am Akkordeon dabei und sie ist die beste Akkordeonspielerin, die ich kenne. Auch selbst sie hat geschwitzt. Dann kam das Solo. Unser Geiger rief mich aus dem Studio an: "Ben, du hast mir da Noten ausgedruckt - das ist nicht spielbar. Das kann kein Mensch spielen." Ich habe gesagt: "Doch, das ist Randy Rhodes. Probier es aus." Er hat sich Stück für Stück reingefummelt. Und dabei kamen interessante Erkenntnisse: Randy Rhodes hat Sachen gemacht, die auf der Gitarre fast unspielbar sind. Da ist ein Lauf drin, der über das Griffbrett rutscht, als hätte die Gitarre keine Bünde. Auf der Geige war das dann tatsächlich gut kopierbar - weil die Geige keine Bünde hat. In diesem Spannungsfeld bewegt man sich: Man will dem Original gerecht werden und muss es dennoch ein bisschen anders machen - aber nicht schlechter. Mit unserem Sound, mit unseren Mitteln.

Das Spektrum auf dem Album ist enorm - von Randy Rhodes bis zu Guns N' Roses. Wie schafft man da eine Einheit?

Ben: Songs, die als perfekt gelten, sollte man ohnehin nicht eins zu eins nachspielen. Da ist es sinnvoller, einen eigenen Ansatz zu finden. Und bei dem anderen Song von den Hosen kann ich versuchen, so zu singen, wie ich das eben kann. Der Song ist gar nicht besonders kompliziert, aber wie viel Mut muss man bitte haben, um einen Sechsachtelschwungsong über Suizid aus Liebesgründen einfach so zu schreiben? Das ist wirklich krass. Da habe ich Riesenrespekt, und habe versucht, es so gut zu machen, wie ich es gerade hinkriege.

"Helden X Hymnen" ist das einzige Originalstück auf dem Album. Was steckt dahinter?

Ben: Ich glaube sehr daran, und ich meine das ernst, auch wenn es pathetisch klingt, dass Musik so etwas wie ein Einigungspunkt sein kann. Du kannst irgendwo auf der Welt einem Menschen begegnen, mit dem du absolut nichts gemeinsam hast. Andere Kultur, andere Religion, eine völlig andere Lebensrealität. Aber die Chancen sind ziemlich hoch, dass diese Person denselben Drumfill eines bekannten Songs mittrommeln kann. Und dann hast du schon etwas Gemeinsames. Das ist eine große Kraft.

Gesellschaftlich passiert gerade das Gegenteil: Die Leute entfremden sich, es entstehen immer abgeschlossenere Blasen. Und dann gibt es doch einige Songs, die so groß sind, dass sie diese Grenzen mit Leichtigkeit überschreiten. Die haben wir versucht zu finde, auch in der deutschsprachigen Welt, bei den Toten Hosen oder den Sportfreunden Stiller. Songs, auf die sich fast alle einigen können. Das ist die Message dahinter. Ich habe nicht die Lösung für alle gesellschaftlichen Probleme, aber Musik könnte einen kleinen Beitrag leisten.

Wie setzt sich Euer Publikum zusammen, ist es wirklich so generationenübergreifend?

Ben: Ja, sehr. Ich versuche bis heute herauszufinden, was genau unsere Zielgruppe ist. Aber ich kriege es nicht richtig raus. Ich stehe manchmal vor der Halle, schaue ins Publikum und versuche zu checken: Was sind das für Menschen? In eine Schublade lassen sie sich nicht packen. Man sieht viele schwarze Klamotten, klar, das kommt aus der Rock- und Metal-Welt. Aber das ist nur die Hälfte. Dann sind da Ältere und Jüngere, Familien, Partyvolk. Das ist etwas Schönes und ein gutes Zeichen. Es spricht für den Spirit dieses Albums: Alt und Jung, Ost und West, Rock und Nicht-Rock, wenn man die alle gleichzeitig in der Halle kriegt, dann ist das was.

Wie sehr versuchst Du, Dich als Solokünstler von Feuerschwanz zu unterscheiden?

Ben: Es ist mir selten passiert, vielleicht ein- oder zweimal, dass ich etwas geschrieben habe und dann gemerkt habe: Hoppla, das habe ich für die falsche Band geschrieben. Ich weiß das schon sehr früh, habe einen Instinkt dafür. Es geht thematisch in andere Welten, und die Parameter sind verschieden eingestellt. Bei Feuerschwanz ist das Stilmittel der maßlosen Übertreibung zentral, der Regler ist auf elf. Das ist bei meiner Soloarbeit so nicht der Fall. Und dann singe ich auch automatisch manchmal ein bisschen anders. Das geht erstaunlich einfach für mich, es sind wahrscheinlich zwei verschiedene Seiten meiner Persönlichkeit.

Wie schwer ist es eigentlich, auf Deutsch gute Texte zu schreiben?

Ben: Viel schwieriger als auf Englisch. Dann kommt noch eine Silbe, fünf Silben und achtzig Konsonanten in einem Wort dazu, und man denkt sich: Eigentlich bräuchte ich nur "lalala" und "boho", dann klingt das schon nach Musik. Aber die Sprache gibt das nicht her. Sie ist viel härter und kantiger als Englisch. Das ist eine echte Herausforderung, man sieht das auch bei Campino von den Toten Hosen, was der sich einen abbricht, um seine Texte herauszubekommen. Das ist wirklich eine Riesenarbeit.

Was sind die Pläne für die Geburtstagstour?

Ben: Mein Gedanke ist, auf der Tour nicht nur Coversongs zu spielen, das fände ich nicht passend. Stattdessen würde ich die Covers zu einem Medley zusammenpacken und aus jedem Album, aus allen Phasen der Band, ein paar alte Songs rausholen. Ein Best-of-Feeling, bei dem sich Groß und Klein abgeholt fühlen. Das möchte ich gerne für die Herbsttour hinbekommen.

„Helden X Hymnen“ von dArtagnan ist erschienen.